Aachen: 80 Mal am Tag ein schneller Blick auf das Smartphone

Aachen : 80 Mal am Tag ein schneller Blick auf das Smartphone

71 Prozent der Grundschüler sind bereits regelmäßig im Internet. 92 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen können aus ihrem Zimmer auf das Internet zugreifen. 88 Prozent der Zwölf- bis 19-Jährigen besitzen ein Smartphone mit Internetzugang. Und im Schnitt sind sie unter der Woche 192 Minuten am Tag im Netz unterwegs.

Das sind mehr als drei Stunden, jeden Tag. Diese Zahlen hat der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest im Rahmen einer Studie ermittelt, für die Kinder und Jugendliche befragt wurden.

Eltern brauchen eine Haltung, sagt Präventionsfachkraft Yvonne Michel von der Suchthilfe.

Internet und Smartphone, neue Medien und soziale Netzwerke: Längst sind diese Themen auch bei der Suchthilfe in Aachen angekommen. Denn der Grat ist schmal zwischen Medienkompetenz und Mediensucht. Aktuell verzeichnet Präventionsfachkraft Yvonne Michel besonders viele Anfragen von Eltern, Lehrern, Jugendbetreuern. Kein Wunder, findet sie, schließlich schreite die Entwicklung rasant voran. „Das Fernsehen hat 50 Jahre gebraucht, um 50 Millionen Nutzer zu gewinnen. Facebook brauchte gerade mal ein Jahr, um 50 Millionen User zu gewinnen.“

Schulung mit der „Netbag“

Vor 15 Jahren kam bei Elternabenden ganz oft die Frage auf, wie viel Fernsehen pro Tag denn in Ordnung sei. Heute fragen besorgte Eltern eher nach Tipps für den vernünftigen Umgang mit digitalen Medien. Auch in den Schulen ist das ein großes Thema. So groß ist die Nachfrage nach Unterstützung, dass die Suchthilfe kaum noch nachkommt mit Schulungen und Unterrichtseinheiten. „Deshalb setzen wir vermehrt auf Methodenschulung“, sagt Michel. Um Lehrer und Sozialarbeiter bei dem Thema fit zu machen, kommt die „Netbag“ zum Einsatz. Die Tasche voller Unterrichtsmaterial kann von Schulen ausgeliehen werden. Eine erste Fortbildung zur „Netbag“ war rappzapp ausgebucht, die Warteliste für den nächsten Termin ist auch schon voll.

Aber wie sollten Eltern mit digitalen Medien im Kinderzimmer umgehen? Wie früher beim Thema Fernsehen sollten Eltern sich bemühen, eine Haltung zum Thema Internet und Smartphone zu entwickeln, rät Michel. „Was halten wir als Eltern für gut und vertretbar?“ Regeln und Absprachen, die auf dieser Basis mit den Kindern erarbeitet werden, sollten auch konsequent durchgesetzt werden. „Wie bei allen Themen ist es wichtig, mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, sich zu interessieren.“ Und wenn Eltern irgendwann entscheiden, dass der Computer ins Kinderzimmer darf, dann sollte das eine pädagogische Entscheidung sein — und nicht darin begründet, dass der Rechner nicht zur Wohnzimmer-Garnitur passt.

Beim Thema Handy, beobachtet Michel, seien Eltern häufig die „Dealer“ ihrer Kinder: Oft geben Mütter oder Väter dem Nachwuchs ihre alten Handys. Das sind dann meist immer noch sehr gute Smartphones. „Und wenn ich dem Kind unbegrenzten Zugang zum Internet gewähre, muss ich mich nicht wundern, wenn es da Sachen macht, die ich nicht mitkriege.“

Natürlich ist der Siegeszug der digitalen Medien und der sozialen Netzwerke nicht mehr aufzuhalten. Aber Gefahren treten erst allmählich zutage, sagt die Präventionsfachfrau. Wer per Smartphone quasi ständig einen Computer in der Hosentasche dabei hat, „fragmentiert“ nach Ansicht von Experten seinen Alltag. Im Schnitt wirft der Durchschnitts-Nutzer 80 Mal am Tag einen Blick auf sein Handy. Alle zwölf Minuten also, warnen Forscher Universität Bonn, werde der Fluss des konzentrierten Arbeitens unterbrochen. Es gibt Hinweise, dass häufige Handynutzung dem Gehirn zu wenige Ruhepausen zur Regeneration gönnt. Mögliche Folgen: Vergesslichkeit, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen.

Wenn Yvonne Michel mit Kindern und Jugendlichen zum Thema Neue Medien arbeitet, dann benennen Jugendliche häufig selbst sehr deutlich den Druck, den die angeblich so sozialen Netzwerke ausüben: der Druck etwa, auf eine Whatsapp-Nachricht immer sofort antworten zu müssen; der Druck, in einer Gruppe dabei sein zu müssen. „Ständig verfügbar sein zu müssen, ist ein Problem“, sagt Michel.

Sie regt an, gemeinsam mit den Kindern zu überlegen, wo man die eigene ständige Verfügbarkeit eingrenzen kann. Zum Beispiel so: Beim Essen wird das Smartphone weggelegt. Nachts ist das Handy aus. Das Wecken am Morgen übernimmt, so wie früher, der gute alte Wecker und nicht die Weckfunktion am Handy. Oder: In der Whats­app-Gruppe der Klasse wird ein freier Tag vereinbart, an dem keiner „on“ ist und keiner etwas verpasst. „Digital detox“ nennen Fachleute das, digitale Entgiftung.

Wo beginnt die Sucht?

Und wo beginnt die Internet-Sucht? „Da sind die Grenzen fließend“, erklärt Michel. Man weiß heute, dass Soziale Medien das Belohnungssystem im Gehirn ähnlich aktivieren können wie Alkohol oder Drogen. Neurobiologisch entsteht im Gehirn so etwas wie ein Rausch. „Und dieses Glücksgefühl verlangt der Organismus dann immer wieder.“

3,8 Prozent der 14- bis 24-Jährigen gelten als internetabhängig. Bei den 14- bis 16-Jährigen sind 8,6 Prozent der Mädchen betroffen und 4,1 Prozent der Jungen. Mädchen chatten vor allem in den sozialen Medien, Jungen sind dagegen eher Online-Zocker.

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