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Aachen: 53 Jahre Knast: „Will nicht mehr raus”

Aachen : 53 Jahre Knast: „Will nicht mehr raus”

Kaum jemand in Deutschland hat so lange im Gefängnis gesessen wie Hubert Niemann - und er will bis ans Lebensende dort bleiben. Niemann ist 71 Jahre alt und hat mehr als 53 Jahre seines Lebens im Knast verbracht.

„Ich will hier bleiben. Hier weiß ich, was ich hab. Ich will nicht mehr raus”, sagt er in der Justizvollzugsanstalt Aachen, in der er seit Mitte der 90er Jahre auf Grund seiner letzten Verurteilung wegen Mordes und sexueller Nötigung sitzt.

Die lange Haftzeit setzt sich bei Niemann aus mehreren bis zu 15 Jahre langen Freiheitsstrafen zusammen. Immer wenn Niemann nach draußen kam, war er kurze Zeit später wieder drin. Nach eigenen Angaben hat er Weihnachten zuletzt 1952 in Freiheit verbracht.

Es ist ein trüber Wintertag, als sich die Stahltüren der JVA Aachen für den Besuch bei Niemann öffnen. Er hat schütteres Haar, ein eingefallenes Gesicht und sieht eher harmlos aus. Doch seine Akte berichtet anderes aus der Vergangenheit: 1953 hat er als 17-Jähriger eine 15-Jährige vergewaltigt und getötet, Ende der 60er Jahre seine eigene Schwester bedroht, Mitte der 70er Jahre versucht, seine Mutter zu töten, Anfang der 90er Jahre eine Frau vergewaltigt, gewürgt und mit einem Stein erschlagen.

„Ich weiß auch nicht, warum ich immer wieder straffällig geworden bin. Ich war ein Rowdy”, sagt Niemann, dessen eigentliche Haftzeit Anfang März ausläuft. Darüber hinaus ist eine Sicherungsverwahrung angeordnet, die er in einem anderen Haus der JVA verbringen könnte, unter anderen „Verwahrten” und nicht mehr unter Gefangenen. Doch bei einer Anhörung kürzlich bestand Niemann darauf, dort bleiben zu dürfen, wo er derzeit ist - im echten Knast. Den möglichen Antrag auf vorzeitige Entlassung aus der Verwahrung wird er wohl nie stellen. In so einem Fall kann er auch nicht von Amts wegen in die Freiheit entlassen werden.

„Langzeithäftlinge haben sich oft ihre eigene Welt gezimmert und sind etwas verschroben”, sagt der Aachener JVA-Leiter Hans Joachim Gries. Es passt auch zu Aussagen von Niemann, in denen er sich eher bemitleidet denn Schuld eingesteht. „Dass ich immer wieder in den Knast kam, das war Pech”, sagt Niemann einmal im Gespräch und meint seine Taten, die er dann eher als Unglücke sieht oder die seiner Meinung nach sogar andere begingen. Wenig später sagt er dann aber auch: „Ich habe viel Scheiße gebaut in jungen Jahren. Kann man heute nicht mehr rückgängig machen.”

Niemann gilt als voll schuldfähig, erklärt der JVA-Sozialarbeiter Manfred Ruick, der sich um ihn kümmert. Wegen guter Führung wird Niemann mehr zugestanden als manchem Mitgefangenen. So hat Niemann in seiner Zelle im offenen Vollzug zum Beispiel ein 130 Liter-Aquarium, auch wenn sonst höchstens ein 70 Liter-Becken für seine Rotköpfe und Schwertträger erlaubt wäre.

„Ich kann nicht sagen, dass der Knast für mich schlecht war.” Niemann hat fast die ganze Geschichte des bundesdeutschen Strafvollzugs mitgemacht. „Den harten Knast habe ich hinter mir, heute ist es für mich eher ein Sanatorium”, sagt Niemann, der 1936 im westfälischen Hamm geboren wurde. Das Zuchthaus von einst wurde abgeschafft, das Resozialisierungsgebot eingeführt. Das Bundesverfassungsgericht versprach vor 30 Jahren, jeder Mensch, auch der schlimmste Verbrecher, müsse eine konkrete und realisierbare Chance haben, der Freiheit wieder teilhaftig zu werden.

Niemann will jedoch nicht mehr frei sein. „Ich weiß auch gar nicht, wo ich hin sollte, wenn ich rauskommen würde.” Für ihn ist „draußen” eine „böse Welt”, die er aus dem Fernsehen zu kennen glaubt. Er sagt, der Knast habe ihm das Leben gerettet. In den vergangenen Jahren hatte er vier Herzinfarkte und wurde jedes Mal von Mithäftlingen oder Wachpersonal gefunden. „Draußen, wo ich alleine leben würde, wäre ich bestimmt verreckt.”