50 Jahre Johannes-Kepler-Schule in Aachen

Jubiläum an der Johannes-Kepler-Schule : In dieser Schule fährt das Kollegium zu den Schülern

Die Johannes-Kepler-Schule, Förderschule des Landschaftsverbands Rheinland, wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Stammschüler hat die Schule bereits seit mehr als fünf Jahren nicht mehr.

In ihrer Arbeitsweise ist diese Schule tatsächlich einzigartig in Nordrhein-Westfalen. Sie kümmert sich um Schülerinnen und Schüler aller Schulformen, von der Grundschule bis zum Berufskolleg. Sie betreut junge Menschen derzeit an gut 70 Schulen, in einem Gebiet, das von Blankenheim im Süden bis Schwalmtal im Norden reicht. Das Kollegium ist in fünf Schulamtsbezirken im Einsatz – und dazu noch in der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens. Eine Stammschülerschaft aber, Kinder, die Tag für Tag ins Haus kommen, um dort zu lernen, hat diese Schule schon seit gut fünf Jahren nicht mehr. Die LVR-Johannes-Kepler-Schule, Förderschule des Landschaftsverbands Rheinland mit dem Förderschwerpunkt Sehen, wird 50 Jahre alt. Am Samstag, 17. November, gibt es ein großes Schul- und Familienfest im Schulzentrum am Hander Weg 95 in Aachen.

„Die Leute sagen immer, Ihr seid ja die Schule ohne Schüler“, sagt Schulleiterin Armgard Gessert. „Aber das stimmt nicht. Wir haben immer noch Schüler. Sie sind allerdings über ein großes Gebiet verteilt.“ Nicht die Schüler werden zur Schule gefahren, die Lehrer mach sich auf zu ihnen.

Die Inklusion, das selbstverständliche Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung, hat auch die traditionsreiche Johannes-Kepler-Schule mächtig umgekrempelt. Die meisten Eltern wollen ihr Kind mit einer Sehbehinderung heute lieber wohnortnah an einer allgemeinen Schule lernen lassen. Das Ausbluten der spezialisierten Förderschulen führte an der LVR-Förderschule Sehen zum Übergang in ein neues Modell und zum Ende der traditionellen Stammschule. Am 1. Februar 2013 bereits hatte der letzte Schüler die Schule verlassen, erinnert sich Konrektorin Annette Runge.

Seitdem ist das 22-köpfige Kollegium (plus eine Vertretungskraft) viel auf Achse. Die Lehrerinnen und Lehrer begleiten und unterstützen Kinder, bei denen ein sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wurde, im Gemeinsamen Lernen (GL) an den allgemeinen Schulen. Der jüngste Schüler ist im ersten Schuljahr, der älteste ist schon 19 und besucht ein Berufskolleg. In den allermeisten Fällen betreuen die Sonderpädagogen pro Schule ein Kind. Die Kollegin, die die größten Entfernungen zurücklegt, erzählt Armgard Gessert, bringe es pro Schuljahr auf rund 16 500 gefahrene Kilometer. „Wir haben uns auf den Weg gemacht“, sagt sie. Und das ist in diesem Fall ganz wörtlich zu nehmen.

Die Johannes-Kepler-Schule ist aber nicht nur im Gemeinsamen Lernen aktiv. Ein Schwerpunkt ist auch weiterhin die Frühförderung für Kinder mit einer Sehbehinderung im Alter von null bis sechs Jahren. „Ist das Sehen eingeschränkt, dann ist es wichtig, die Kinder zu unterstützen“, betont die Schulleiterin. Rund 100 Kinder und ihre Familien werden aktuell zu Hause oder in der Kita regelmäßig betreut.

Kinder im letzten Jahr vor der Einschulung können freitags am Hander Weg die Vorschulgruppe besuchen, um sich auf das Lernen mit einer Sehschädigung vorzubereiten. Sie machen sich zum Beispiel mit unterstützender Technik wie Bildschirmlesegeräten vertraut oder lernen, wie wichtig eine gute Beleuchtung im Klassenraum ist, wenn man nicht so gut sehen kann.

„Sehen kompakt“

Drei Tage lang in jedem Schuljahr ist in der Johannes-Kepler-Schule auch richtig was los. Immer in der vorletzten Woche vor den Ferien gestaltet das Kollegium für alle GL-Schüler und die Kleinen aus der Vorschule besondere Unterrichtsangebote. Seit 2106 macht die Schule mit der Veranstaltung „Sehen kompakt“ sehr gute Erfahrungen. Für die Kinder sei es auch wichtig zu sehen, dass sie nicht die Einzigen sind, die mit einer Sehbehinderung lernen, stellt Gessert fest. „Die Kinder gehen gestärkt an ihre allgemeinen Schulen zurück.“

Gemeinsam mit der Louis-Braille-Schule Düren, ebenfalls eine Seh-Förderschule des LVR, gestaltet die Johannes-Kepler-Schule außerdem jedes Jahr ein umfangreiches Fortbildungsprogramm, unter anderem für Lehrer an allgemeinen Schulen. „Die Kurse sind sehr gut besucht“, berichtet Annette Runge. Und die Überprüfung der Sehfähigkeit hat die Schule auch noch im Angebot. Ganz schön umfangreich ist das für eine Schule, die überhaupt keine Stammschüler mehr hat.

Und das passe auch ganz gut zum Namensgeber der Schule, findet Armgard Gessert. Johannes Kepler (1571-1630), deutscher Naturphilosoph, Mathematiker, Astronom, Astrologe, Optiker und Theologe, lebte selbst mit einer Sehbehinderung. Er entwickelte optische Hilfsmittel und beschäftigte sich mit der Wirkung von Brillen. „Kepler ist auch keinen geraden Weg gegangen“, sagt die Schulleiterin. „Und er hat stets die Herausforderung gesucht.“

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