4860 Haushalte in Aachen werden von der Tafel mit Essen versorgt

Weihnachtskistenaktion der Tafel : Dankbarkeit für eine Tüte voller Lebensmittel

4860: So lautet die Anzahl der Aachener Haushalte, die aktuell regelmäßig von der Aachener Tafel mit Lebensmittel versorgt werden, die sie sich eigentlich nicht leisten könnten. Hinter dieser bedrückend hohen Zahl stehen Menschen. Wir haben uns mit einer Aachenerin unterhalten, die seit Jahren Tafel-Kundin ist.

20 bis 30 Euro pro Woche: So viel Geld hat die Aachenerin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte, für Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs zur Verfügung. In den vergangenen Monaten war es noch etwas weniger. Weil sie Schwierigkeiten beim Treppensteigen hat, war ein Umzug in eine Wohnung im Erdgeschoss unumgänglich, die Kaution für diese Mietwohnung hat sie in Raten zahlen dürfen. „Das war ziemlich knapp, aber jetzt ist das geschafft“, sagt sie mit deutlich spürbarer Erleichterung.

Die alleinstehende Frau ist seit mehr als sechs Jahren Kundin bei der Aachener Tafel, sie bildet einen von 4860 Haushalten, die regelmäßig von dem gemeinnützigen Verein mit Lebensmitteln versorgt werden. Das Prinzip der Aachener Tafel, die es mittlerweile seit mehr als 20 Jahren gibt, ist denkbar einfach: Lebensmittelgeschäfte geben ihre überschüssigen Waren, die sie nicht mehr verkauft bekommen, an die Tafel ab. Die Tafel verteilt das Essen an Bedürftige – Brot, Gemüse, Obst, Marmelade, Nudeln oder gekühlte Frischwaren – und das gegen einen Obulus von 1,50 Euro pro Woche.

„Ich habe mich hier von Anfang an sehr gut aufgehoben gefühlt und ich bin immer sehr dankbar dafür, dass ich hierher kommen darf“, sagt die Frau. Nein, sie schäme sich nicht dafür, dass sie zur Tafel gehe. Denn an ihrer finanziellen Situation trage sie keine Schuld.

Die Frau wurde in jungem Alter Mutter und kümmerte sich um ihre Kinder, während ihr Mann arbeiten ging. Die Ehe zerbrach, die Frau wurde krank. Durch den Kampf gegen den Krebs war an Arbeit nicht zu denken, sie wurde Frührentnerin. „Im Monat habe ich 820 Euro zum leben, plus 100 Euro Wohngeld“, sagt die Frau. Davon zahlt sie die Miete für ihre Wohnung, Strom, Rundfunkgebühr, ihre Telefon und das Monatsticket der Aseag.

Um die Regale an der Clermontstraße für die Kunden zu füllen, müssen sich die gut 100 Tafel-Mitarbeiter ganz schön was einfallen lassen. Denn der Lebensmittelhandel hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Foto: ZVA/Sarah-Lena Gombert

„Nein, ich bin kein armer Mensch“, betont die Frau. Sie definiere Reichtum nicht über das, was sie im Portemonnaie habe. „Für mich ist Reichtum das gute Verhältnis zu meinen Kindern. Für mich ist Reichtum, dass ich meine Gesundheit wieder einigermaßen in den Griff bekommen habe. Meine Charaktereigenschaften machen mich reich. Das Leben ist doch so viel mehr als bloß Geld!“ Es gebe Menschen, denen es viel schlechter gehe. Mit Tränen in den Augen erzählt sie von den Obdachlosen in Aachen, denen sie, wenn es eben gehe, auch mal einen Euro abgebe. „Ich selbst bin zufrieden, und wenn ich kann, dann gebe ich ab.“

Abgeben – das ist auch bei der Tafel das große Stichwort. Die Abgabe von Lebensmitteln an die Kunden werde nicht gerade einfacher, sagt Jutta Schlockermann, Vorsitzende der Aachener Tafel. „Die Zahl unserer Kunden ist in diesem Jahr nur leicht gestiegen, zum Glück“, betont sie. Das liege daran, dass die Situation auf dem Arbeitsmarkt recht gut sei. „Jeder, der arbeiten kann, findet eine Stelle“, ist sie sich sicher. Das heiße im Umkehrschluss aber auch, dass die aktuellen Tafelkunden fast ausnahmslos nicht mehr dazu in der Lage seien, einer Erwerbstätigkeit nachzugehen. „Aus ganz unterschiedlichen Gründen“, führt Schlockermann aus. Das kann neben hohem Alter beispielsweise auch eine psychische Erkrankung sein, die man dem Kunden oder der Kundin vielleicht gar nicht ansieht.

Zwar ist die Zahl der Kunden nicht stark angestiegen. Doch das Beschaffen von Lebensmitteln für diese Kunden werde nicht gerade leichter, sagt Jutta Schlockermann. „Wir haben wirklich gute Kontakte zu den Aachener Lebensmittelherstellern“, betont sie. Marmelade, beispielsweise, ist fast immer da. Doch im Lebensmittelhandel habe sich in den vergangenen Jahren vieles verändert. Supermärkte bieten Waren kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums selbst zu reduzierten Preisen zum Verkauf an. Und das Anfahren von kleineren Läden, die nur wenig übrig haben am Ende eines Verkaufstages, lohne sich bei den benötigten Mengen für die Tafeln kaum noch. „Wir versuchen mittlerweile, direkt an die Hersteller heranzukommen“, sagt Schlockermann.

Der 60-jährigen Tafelkundin fällt jedoch selbst auf Nachfrage nicht viel ein, was ihr fehlt. „Die Frischetheke ist manchmal etwas leer, aber eigentlich gibt es jede Woche etwas Gutes zu essen“, sagt sie. Und mit etwas Kreativität lasse sich aus den Lebensmitteln auch immer etwas leckeres kochen.

Etwas besonders Gutes gibt es für sie und die anderen Tafel-Kunden wieder in der kommenden Woche. Dann findet zum mittlerweile 15. Mal die Weihnachtskisten-Aktion der Aachener Tafel, des Westdeutschen Rundfunks und unserer Zeitung statt (siehe Info). „Schön ist es, wenn ein Paket Kaffee dabei ist, und vielleicht ein Christstollen“, sagt die Tafel-Kundin. „Besonders schön ist aber vor allem das Wissen darüber, dass da jemand ist in Aachen, der an einen denkt. Wenn man die Kiste bekommt, dann weiß man, dass Weihnachten kommt.“