40.000 Teilnehmer bei „Fridays for Future“ in Aachen

40.000 Menschen setzen Zeichen für den Klimaschutz : Denkwürdige Demo am längsten Tag

Um 15.30 Uhr ist allmählich die Luft raus. Während die letzten Gruppen des schier unendlichen Demonstrationszugs gerade erst den Tivoli-Vorplatz erreicht haben, machen sich die ersten Teilnehmer auf den Heimweg – zu Fuß, versteht sich, denn die Krefelder Straße ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit Stunden gesperrt.

Für sie wie später auch für alle anderen ist es das Ende eines denkwürdigen Tags: Rund 40.000 Menschen sind nach Angaben der Veranstalter dem Aufruf der „Fridays for Future“-Bewegung gefolgt und haben ein unübersehbares Zeichen für den Klimaschutz gesetzt. Es ist die größte Kundgebung, die Aachen jemals erlebt hat – auch wenn die Polizei von „nur“ bis zu 20.000 spricht.In jedem Fall ist es eine Kundgebung, die absolut friedlich verläuft und nahezu perfekt organisiert ist. Dafür gibt es von allen Seiten viel Lob und Anerkennung.

Als gegen 9 Uhr die ersten Mannschaftswagen am Westpark eintreffen und der Polizeihubschrauber zum ersten Mal aufsteigt, ist von dem bevorstehenden Massenauflauf noch nichts zu spüren. Das allerdings ändert sich bald. An fünf Punkten sammeln sich die Demonstranten, um ab 12 Uhr zu einem Sternmarsch in Richtung Soers aufzubrechen. Das größte Aufkommen wird am Hauptbahnhof registriert, wo mehr als 10.000 Menschen zusammenkommen – viele sind mit dem Zug aus dem gesamten Bundesgebiet sowie aus zahlreichen europäischen Ländern angereist.

Aber auch am Hörsaalzentrum Carl, am Bahnhof Rothe, am Westpark sowie – mit Fahrrädern ausgestattet – in Vaals sammeln sich unzählige Teilnehmer. Kurzfristig hinzugekommen ist ein sechster Startpunkt: Ab dem Kennedypark hat nach Polizeiangaben ein Mitglied des Autonomen Zentrums Wuppertal einen Protestmarsch angemeldet. Von dort setzen sich schließlich rund 400 Demonstranten in Bewegung.

Musikalische Begleitung

Davide Martello lässt es erst mal „piano“ angehen. Der 37-Jährige aus Konstanz dürfte einer der wenigen sein, die per Pkw angereist sind – inklusive eines ziemlich abgewetzten Konzertflügels im Anhänger. Mitten im Westpark intoniert der gebürtige Italiener den Beatles-Ohrwurm „Yesterday“ – so viel künstlerische Freiheit sei erlaubt, auch wenn es um die Zukunft gehen soll. Spätestens, als Martellos demo-erprobte Kollegen von der Wuppertaler Band „Fortschrott“ per „Kistenbass“, Schlagzeug, Geige und Akkordeon losgelegt haben, schwillt der Strom der Ankömmlinge rasant an.

Zehntausende Schüler bei „Fridays for Future“ in Aachen

Eine kleine Gruppe junger Leute aus Hamburg rückt im Lautsprecherwagen bis zur Gartenstraße vor. Maurice Conrad und Florian Keller, zwei blutjunge Redner aus der Hansestadt, heizen den Zorn der Masse über die „Verstümmelung der Klimaziele“ mächtig an. Planmäßig, nämlich keine zehn Minuten nach 12 Uhr, setzt sich der Demozug mit geschätzten mindestens 2000 lautstark skandierenden Teilnehmern Richtung Grabenring in Bewegung. Auf dem Karlsgraben lassen sich die Jugendlichen erst einmal zum Sitzstreik nieder – wohl auch, um das „Timing“ an diesem wohl in jeder Hinsicht längsten Tag des Jahres zu gewährleisten.

Am Super C schließen sich weitere Protestierende an – mindestens 2500 an der Zahl, heißt es. Der  „Sciene-Finger“ – also quasi die Wissenschafsabteilung der  jungen Demonstranten –  ist vom Hörsaalzentrum an der Claßenstraße aus hinzugestoßen. Ihn betreut  RWTH-Historiker Jürgen Haude. Er legt in einfachen Sätzen dar, welche menschgemachte Katastrophe auf die junge Generation zukommt. Das Orgateam hat sogar an kostenloses Wasser gedacht, entschuldigt sich vorsorglich, das kühle Nass in Plastikflaschen angeschleppt zu haben, weil Glasflaschen tabu bleiben müssen.

Symbolträchtiger Feuerwehrwagen

An der Ecke Neupforte und vor der Minoritenstraße verharrt die Masse noch einmal, um den Strom der Protestierenden, die vom Hauptbahnhof über Theaterplatz, Elisenbrunnen und Markt in die City marschiert sind, passieren zu lassen. Buchstäblich im Schlepptau haben sie einen ebenso fast antiken wie symbolträchtigen Feuerwehrwagen mit Starnberger Kennzeichen, der über große Strecken hinweg von einem knappen Dutzend Leuten weiter über die Sandkaulstraße Richtung Bastei gezogen wird. Auf seinem Dach intoniert das Berliner Trio Brass Riot mit zwei Saxofonen und Schlagzeug einen grandiosen Groove.

Gegen 13.45 Uhr schließen sich die Demozüge an der Bastei zusammen, um weiter bis zum Tivoli zu marschieren, wo sie von der Berliner HipHop-Band Culcha Candela begrüßt werden. Ihr Auftritt bildet den Auftakt des Rahmenprogramms, das bis in den frühen Abend reichen wird. Während auf der Bühne an der Krefelder Straße Musik und Redebeiträge im Wechsel geboten werden, wird im Hintergrund bereits eine erste Bilanz gezogen. „Keine besonderen Vorkommnisse“, vermeldet die Polizei auf Anfrage und macht dann doch zwei (kleine) Ausnahmen: Aktivisten von „Robin Wood“, die auf die CHIO-Brücke geklettert sind, um Anti-Kohle-Plakate auszubreiten, haben ihre Aktion nicht angemeldet. Sie dürfen dennoch in luftiger Höhe bleiben, die Polizei greift nicht ein. Anders hingegen an der alten Tivoli-Brücke: Weil sich dort zwei Kinder abgeseilt haben, wird der Demonstrationszug aus Sicherheitsgründen für etwa zehn Minuten gestoppt, bis die beiden wieder Boden unter den Füßen haben. Gedränge gibt es dennoch nicht, tausende Demo-Teilnehmer warten geduldig, bis es schließlich weitergeht.

„Nicht warten, bis ich 18 bin.“

Die beiden Kinder sind Zoé (10) und Keanu (8), die mit ihren Eltern aus der Nähe von Giesen bei Hildesheim angereist sind. „Um die Erderwärmung auf anderthalb Grad begrenzen zu können, müssen wir noch vor 2030 aus der Braunkohle aussteigen“, betont Zoé und macht klar: „Deshalb kann ich mit einer solchen Aktion nicht warten, bis ich 18 bin.“

In Fällen wie diesen wird das Jugendamt hinzugezogen, das natürlich auch vor Ort ist. „Die Sache ist mit den Eltern schnell und vernünftig geklärt worden“, berichtet Björn Gürtler. Und dann gerät der Pressesprecher der Stadt, die nach eigenen Angaben inklusive Feuerwehr und Rettungsdienst mit knapp 300 Leuten im Einsatz ist, beinahe ins Schwärmen: „Wir sind sehr positiv gestimmt. Alles ist sehr gut gelaufen“, fasst Gürtler den Tag zusammen. Bernhard Deil kann nichts anderes berichten: „Die Jugendlichen sind sehr diszipliniert und lassen sich auch mal einen guten Rat geben“, ist der Chef der Aachener Stadion Beteiligungsgesellschaft voll des Lobes. „Das ist eine gute und sinnvolle Aktion, die meine Mitarbeiter und ich sehr gerne unterstützen.“

Während sich der Platz vor dem Tivoli mehr und mehr leert, wird es im benachbarten Parkhaus allmählich voll. „Die Kapazität ist fast ausgeschöpft“, erklärt Björn Gürtler. Gut 2500 vornehmliche junge Leute haben sich für die Nacht auf Samstag im „Parkhotel“ einen Schlafplatz gesichert. Für die meisten von ihnen dürfte der Protest mit dem „Friday for Future“ noch längst nicht beendet sein. Schließlich geht das Programm weiter – am Samstag und Sonntag  im Rheinischen Braunkohlerevier.

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