Augenzeugen berichten von Bombennacht: 20 Minuten reichten für ein Trümmerfeld

Augenzeugen berichten von Bombennacht : 20 Minuten reichten für ein Trümmerfeld

Man muss dankbar sein für die Erinnerungen dieser Menschen. Sie haben alle jene furchtbaren Stunden des 11. April 1944 erlebt. Und sie leben zum Glück heute noch und geben im Höchstmaß authentisch ihre Eindrücke einer der schlimmsten Bombennächte, die Aachen im Zweiten Weltkrieg erlebt hat, wider.

Dr. Johanna Ziadi-Zimmermann, Andrea Bernhards und Wilhelm H. Pfeiffer lauten ihre Namen. Sie sind Zeitzeugen und haben das Bedürfnis, ihre Erinnerungen an die Menschen weiterzugeben, für die das Inferno im vorletzten Kriegsjahr „nur“ Geschichte ist. Auch deshalb haben sie sich bei unserer Zeitung gemeldet. „Für meine Kinder und Enkel habe ich meine Erinnerungen daran aufgeschrieben“, hat uns Wilhelm H. Pfeiffer mitgeteilt. Für sie ist das Erlebte zugleich ein historischer Auftrag.

Für die Aachener Bevölkerung war das Leben mit nächtlichem Fliegeralarm längst zur traurigen Gewohnheit geworden. Dass aber der 11. April alles bisherige in den Schatten stellen sollte, ahnte am Morgen dieses Dienstags kaum jemand. Wilhelm H. Pfeiffer war damals zehn Jahre alt. Ein gutes Stück Normalität zeichnete die Tage vor dem 11. April. Die Familie freute sich eigentlich auf die Kommunion des kleineren Bruders Josef und hatte soweit möglich in der Wohnung an der Emmichstraße  – heute Lütticherstraße – alles festlich hergerichtet.

Normalerweise wurde über drei Tage gefeiert. Am dritten Tag der Feier waren Nachbarn und Freunde eingeladen, unter anderem auch die Familie Stengele, erinnert sich Wilhelm H. Pfeiffer. Die Familie war bereits früher ein Opfer der Bomben geworden und hatte in einem leer stehenden Kutscherhaus nahe dem Ronheider Weg eine Bleibe gefunden. Die Familie Pfeiffer feierte auch mit ihr Kommunion. „Niemand konnte ahnen, dass dies die letzte Familien-Feier war, die wir in unserer Wohnung auf der 3. Etage des Hauses Emmichstraße 24 erlebten“, berichtet der Aachener Wilhelm Pfeiffer. Am Abend ging die Familie in den Bunker an der Lütticher Straße, mit Notrucksäcken ausgestattet, um der Dinge zu harren und nach der Entwarnungssirene wieder in die Wohnung zu gehen ...

Aachen in Trümmern, hier der Burtscheider Markt 1944. Foto: Stadtarchiv

Andrea Bernhards lag zu diesem Zeitpunkt im Krankenhaus. Sie hatte Scharlach und wurde am 11. April von „Schwester Elfriede“ vorsorglich in den Luftschutzkeller des Krankenhauses gebracht. Vorher hatte ihr Vater ihr ein buntes Papp-Osterei mit Süßigkeiten gebracht. Eine echte Kostbarkeit. Das Mädchen schlief mit ihrer Puppe im Arm ein. Dann ganz plötzlich: „Es gab einen fürchterlichen Knall. Vom Kopfkissen hochgeschreckt, saß ich aufrecht, erstarrt, ein schweres Gewicht auf der Brust, die Finger in Puppe Nanas Bauch gekrallt.“

Um das Mädchen herum war ein Inferno aus Rauch, Hitze und ohrenbetäubendem Lärm: „Ich starrte in einen Höllenschlund aus Feuer, nur wenige Meter von meinem Bett entfernt.“ Die Sechsjährige war wirklich in der Hölle angekommen – zum Glück gab es ein Entkommen. Eine Krankenschwester nahm sich des Mädchens an. Erst am Morgen des 12. April konnte die kleine Andrea aus dem Luftschutzkeller über Trümmer und Schutt ins Freie klettern – und traf oben auf ihre Mutter! Hals und Arme taten ihr weh, aber sie hatte ihre Mutter wieder, die seltsamerweise einen Kochtopf auf dem Kopf trug und erklärte: „Ach Kind, die ganze Stadt brennt. Ich musste den Topf auf den Kopf setzen, damit die Haare kein Feuer fangen.“

Dr. Johanna A. Ziadi-Zimmermann (Bild) und Andrea Bernhards erlebten die Bombennacht am 11. April 1944 als Kinder mit. Die Erinnerungen sind bis heute sehr präsent. Foto: ZVA/Harald Krömer

In der Tat brannte die ganze Stadt (siehe Zusatzbox).  Familie Pfeiffer wartete in der Nacht im Bunker an der heutigen Lütticher Straße. Die Erwachsenen saßen auf Bänken, die Kinder schliefen auf einem einfachen Nachtlager auf dem Betonboden. Der zehnjährige Wilhelm wurde mitten in der Nacht wach, weil die Erwachsenen von einem großen Bombenangriff sprachen und der Vater, der als Eisendreher vom Wehrmachtsdienst freigestellt war, mit seinen Eltern und der Schwester ebenfalls in den Bunker flüchtete. Er berichtete, dass das Haus der Familie lichterloh brannte.

Nach kurzer Zeit musste er aber wieder raus, um Verschüttete zu bergen, oft kam die Hilfe aber zu spät.  Wilhelm H. Pfeiffer durfte am Morgen des 12. April den Bunker verlassen. Die Eindrücke haben sich bis heute in sein Gedächtnis gebrannt: „Überall lagen Glasscherben, Trümmer, Schutt – dazwischen auch eine nicht detonierte Bombe, von der wir nur hoffen konnten, dass sie ein Blindgänger war. Dazu lag ein bestialischer Gestank nach Rauch und allem möglichen Verbrannten in der Luft.“ Vom eigenen Haus stand nur noch die ausgebrannt Fassade.

Dr. Johanna A. Ziadi-Zimmermann und Andrea Bernhards (Bild) erlebten die Bombennacht am 11. April 1944 als Kinder mit. Die Erinnerungen sind bis heute sehr präsent. Foto: Bernhards

Langsam traf man die Verwandten wieder. Nur von Familie Stengele gab es kein Zeichen. Die schlimmsten Befürchtungen wurden wahr: Eine Sprengbombe war auf das Kutscherhaus gefallen – die ganze Familie, Vater, Mutter, acht Kinder, waren mit einem Schlag tot.

Kann oder darf man von Glück reden, das die Familie Zimmermann hatte? Die hatte die letzten Nächte bereits nicht mehr im Haus in der Innenstadt verbracht. Natürlich nicht mehr im Wohnhaus, aber auch nicht im nahe gelegenen Bunker. Ein Freund der Familie hatte angeboten, in Richterich, das noch nicht zur Stadt Aachen gehörte, zu übernachten. Zum Glück nahm die Familie das Angebot wahr. Als sie am 12. April, einem schönen Frühlingstag, zurück in die Stadt wollte, kamen bereits Menschen mit ihrer letzten Habe in Wäschekörben entgegen. Die fünfjährige Johanna sah das eigene zerstörte Haus und die hölzerne Haustür, an der Tausende kleine Flämmchen züngelten. „Warum brennt die Haustür?“, fragte sie ihren Vater, der meinte: „Ja, Kind, das ist der Krieg. Nun müssen wir sehen, wo wir unterkommen können.“

So ging es ungezählten Aachenerinnen und Aachenern. In der Burtscheider Hauptstraße stand kaum noch ein Haus. Nur ein schmaler Pfad führte durch die Trümmerwüste. Auch hier konnten nicht alle Leichen identifiziert werden.

Vom Wohnhaus der Familie Zimmermann war nur eine Mauer des Hausflurs stehen geblieben. Die heutige Dr. Johanna Ziadi-Zimmermann erinnert sich: „Auf diese Mauer schrieb mein Vetter Franz-Josef in Großbuchstaben mit schwarzer Farbe ‚Denkmalschutz`, ironischerweise. Mein Bruder fügte später noch in Sütterlin-Schrift hinzu: Nie wieder Krieg!“

Die Schilderungen nach den Augenzeugenberichten wurden zusammengefasst von Hans-Peter Leisten

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