Aachen: 1300 Arbeitsstunden für ein Modell des Springstadions

Aachen: 1300 Arbeitsstunden für ein Modell des Springstadions

Im Werbefernsehen stehen Menschen manchmal nachts auf, um sich Schokolade zu holen. Günter Nitzsche ist in den vergangenen 21 Monaten auch manchmal mitten in der Nacht aufgestanden. Allerdings ist der 75-jährige Rentner nicht zum Kühlschrank geschlichen, sondern ins ehemalige Kinderzimmer seines Sohnes Jürgen.

Dort hat er in den letzten knapp zwei Jahren ein riesiges Werk vollendet: ein detailgetreues Modell des Springstadions des Aachen-Laurensberger Rennvereins (ALRV) in der Soers.

„Manchmal habe ich so lange darüber nachgedacht, wie ich irgendein Detail hinbekomme, dass ich nicht einschlafen konnte”, erinnert sich Günter Nitzsche im Gespräch mit den „Nachrichten”. „Da bin ich dann aufgestanden und habs einfach ausprobiert.” Seine Frau Waltraud habe das nicht gestört. „Sie hat das meistens gar nicht gemerkt”, sagt er und lächelt seiner Gattin zu, die auch schonmal „mit einer dritten Hand” geholfen habe, wenn es beim Basteln besonders knifflig wurde.

Sitzschalen aus Wellpappe

Und knifflige Momente hat es in den mehr als 1300 Arbeitsstunden, die Günter Nitzsche an dem 1,55 mal 1,70 Meter großen Modell gebastelt hat, einige gegeben. Denn das Springstadion ist zwar nicht maßstabsgetreu, dafür aber sehr detailgetreu nachgebaut. „Ich habe es nach Fotos und Augenschein nachgebaut”, erklärt Nitzsche, der die Tribünen etwa mit Schrittlängen abgemessen hat.

Im Parcours stehen variable Hindernisse, die Sitzschalen auf den Tribünen sind aus Wellpappe gefertigt. Richterturm, Medientribüne, VIP-Plätze, Bandenwerbung und Wassergraben sind ebenso vorhanden wie die Flutlichtmasten, die tatsächlich leuchten, sowie fast 200 Blumenkästen und Bäume als Dekoration. Und die Videowände zeigen natürlich auch das gleiche Bild eines Reiters im Sprung über ein Hindernis.

Auf die Idee zu diesem Werk hat den passionierten Modellbauer nicht etwa der ALRV gebracht. Denn der besitzt bereits ein Modell seines Turniergeländes (siehe Infobox). Auch war der ehemalige Blechverformer bei Krantz an der Jülicher Straße nie ein großer Reitsportfan. Vielmehr hat ihn sein Sohn Jürgen auf die Idee gebracht.

„Bis zum Alter von 16, 17 Jahren war ich regelmäßig beim CHIO”, blickt der heute 41-Jährige zurück. Danach sei er erst 2010 wieder in die Soers zurückgekehrt. „Ich war sofort wieder begeistert.” Folglich habe er seinen Vater gefragt, ob es überhaupt machbar sei, dieses Stadion als Modell nachzubauen. Denn Jürgen Nitzsche selbst ist überhaupt kein Modellbauer. „Dafür hätte ich nicht die Ruhe. Wenn ich meinen Vater mit einer Pinzette basteln sehe...”, sagt er, „das könnte ich nicht.” Sein Vater kann das schon: „Als Blechverformer musste ich manchmal auf ein Zehntel genau arbeiten. Das musste hundertprozentig sein.” Ein genauer Mensch sei er also schon von berufswegen gewesen.

Und als solcher hat er, nachdem er in den Ruhestand gegangen war, mit dem Modellbau angefangen. „Ich habe Bauernhöfe nachgebaut.” Auch dafür hat er stets Fotos als Vorlagen benutzt. „Ich bin begeistert von Fachwerkbauten”, gesteht er. Also hat er die Fachwerkstreben bei den Bauernhöfen tatsächlich aus Holz nachgebaut, „und nicht bloß aufgemalt”.

Holz ist auch der Hauptbestandteil seines Soers-Modells. Hinzu kommrn Wellpappe und sonstige Materialien aus dem Baumarkt oder aus dem Modellbau-Fachhandel. Alles zusammen habe etwas mehr als 1000 Euro gekostet. Nicht mitgezählt ist freilich der Zeitaufwand - und zwar der von Vater und Sohn.

Denn Sohn Jürgen hat seinen Vater nicht nur mit der Idee unterstützt: „Ich habe rund 400 Fotos von der Soers angefertigt.” Außerdem ist er mit seinem Vater etliche Male zur Soers gefahren, um sich einige Details genau anzuschauen. Und so ist das Stadionmodell wahrscheinlich auch nie ganz fertig, denn zu ergänzen gibt es immer etwas.

Als nächstes sollen noch einige Zelte der Zeltstadt hinzugefügt werden. Auch der Fahnenmast im Stadion fehlt noch. Doch eins steht für Günter Nitzsche fest: „In dieser Größe werde ich kein Modell mehr bauen.” Der 75-Jährige will wieder ruhig schlafen.

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