100 Jahre Frauenwahlrecht

Der 19. Januar 1919 in Aachen : Der Tag an dem die Frauen an die Urnen durften

Vor hundert Jahren, am 19. Januar 1919, fand die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung statt. Zum allerersten Mal durften an diesem Tag Frauen in Deutschland an den Wahlurnen ihre Stimme abgeben. Dr. Sylvia Möhle und Waltraud Durst haben erforscht, was damals in Aachen geschah.

Der Appell klingt etwas unbeholfen, ist in seiner Aussagekraft jedoch eindeutig: „Im gleichen Schritt Frauen zieht mit!“ Mit diesen Worten machte die rechtskonservative DVP in Aachen Wahlwerbung – und zwar, wie es auch vor einem Jahrhundert durchaus üblich war, in Reimform. Vor hundert Jahren, am 19. Januar 1919, fand die Wahl zur Deutschen Nationalversammlung statt. Zum allerersten Mal durften an diesem Tag Frauen in Deutschland an den Wahlurnen ihre Stimme abgeben.

Erst gut neun Wochen zuvor, am 12. November 1918, hatte der Rat der Volksbeauftragten das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht für Frauen und Männer ab 20 Jahren verkündet. Der Erste Weltkrieg war zu Ende, eine neue Zeit begann. In Aachen wie überall sonst in Deutschland musste innerhalb weniger Wochen eine Wahl organisiert werden.

Die Historikerin Dr. Sylvia Möhle und die Diplom-Pädagogin Waltraud Durst haben sich intensiv mit diesen spannenden Wochen befasst – und mit den Jahren davor, als auch in Aachen Frauen um das Recht kämpften, wählen zu dürfen. „Wir wollten wissen, was damals in Aachen passiert ist“, sagen die beiden Aachenerinnen. Dafür haben sie vor allem im Stadtarchiv meterweise Akten gewälzt und nach Hinweisen gesucht auf den Kampf der Frauen.

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In Aachen standen 1919 gleich drei Wahlen an: die Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar, die Wahl zur verfassunggebenden preußischen Landesversammlung am 26. Januar und schließlich die Wahl zum Aachener Stadtrat am 14. Dezember.

In den Tagen vor dem 19. Januar, berichten Sylvia Möhle und Waltraud Durst, gab es jeden Tag Wahlveranstaltungen. Die meisten Parteien und Verbände wandten sich direkt an die Frauen, die zum ersten Mal wählen durften. Denn ihre Stimmen hatten Gewicht.

Foto: grafik

Das Interesse an der Wahl war riesig. „Die Menschen hungerten nach Informationen“, berichtet Waltraud Durst. Als die Aachener Lehrerin Johanna Gillet-Wagner, die sich für die Deutsche Demokratische Partei (DDP) engagierte, am 5. Januar als Rednerin beim Deutschen Reichsverband für Frauenstimmrecht auftrat, da strömten Hunderte ins städtische Konzerthaus an der Komphausbadstraße.

Die Stadtverwaltung bereitete die Menschen unterdessen so gut es ging auf die Wahl vor. Die Wählerlisten lagen dort aus, wo auch die Lebensmittelmarken ausgegeben wurden. Wer seinen Namen nicht in den Listen fand, musste sich kurzfristig bei der Verwaltung um einen Eintrag kümmern. „Viele haben sich sehr darum bemüht, vor allem die Frauen“, bilanziert Sylvia Möhle. Sie hat Anträge gefunden, mit denen Krankenschwestern aus Aachener Kliniken gleich gruppenweise um die Aufnahme ins Wählerverzeichnis nachsuchten.

Die Verwaltung musste auch erklären, wie so eine Wahl abläuft. Hunderte Plakate wurden dafür geklebt. „Wie wählt man?“, heißt es auf einem Aushang. „1. Man stellt aus der Bekanntmachung am Samstag fest, in welchem Wahllokal (Schule) man zu wählen hat. 2. Man geht am Sonntag frühzeitig, nicht erst am Nachmittag oder Abend, zum Wahllokal.“ So geht das in sieben Punkten weiter bis zum zügigen Verlassen des Wahlraums nach der Wahl.

Die Wahlbeteiligung am 19. Januar 1919 war groß. Sie lag bei 79 Prozent. „Die höchste, die man in Aachen in 30 Jahren registriert hatte“, sagt Sylvia Möhle. 39.856 Männer und 51.134 Frauen waren wahlberechtigt, die Frauen also deutlich in der Überzahl. Das gab ihren Stimmen besonderes Gewicht. Auf 100 Männer, die zur Wahl gehen durften, kamen 139 Frauen.

Zum Vergleich: Bei der Bundestagswahl 2017 waren gerade mal 48,5 Prozent der Wahlberechtigten in Aachen Frauen – auch, weil die Studentenstadt Aachen mit ihren eher technisch ausgerichteten Universitäten nach wie vor überwiegend männliche Studenten anlockt. Wie dieser Frauenüberschuss vor 100 Jahren zu erklären ist, darüber können die beiden Forscherinnen nur spekulieren. „Vielleicht lag es an der großen Zahl an Textilarbeiterinnen in Aachen?“, überlegt Möhle.

Am Wahltag kam auch das Stadtauto zum Einsatz, das einzige Automobil, über das die Verwaltung damals verfügte. Der Wagen transportierte Wahlunterlagen.

Bei den Kommunalwahlen am 14. Dezember 1919 gab es in Aachen sogar 104.550 Wahlberechtigte. „Viele Männer waren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs mittlerweile nach Hause zurückgekehrt“, erklärt Waltraud Durst. Die Wahlbeteiligung allerdings lag bei der Wahl zum Stadtrat nur noch bei gut 50 Prozent. Unter den 60 gewählten Stadtverordneten waren sechs Frauen: für das Zentrum Klara Timmermanns, Margaretha Schlömer, Gertrud Krapoll und Rosa Schwalge, für die Demokraten Johanna Gillet-Wagner und für die Sozialdemokraten Luise Schiffgens. Klarer Sieger aller drei Wahlen in Aachen im Jahr 1919 war übrigens die katholische Zentrumspartei.

Der Kampf um ein allgemeines Wahlrecht, so erläutern Sylvia Möhle und Waltraud Durst, fand vor allem vor dem Ersten Weltkrieg statt. Offen politisch engagieren konnten sich Frauen erst ab 1908. Bis dahin hatte das Preußische Vereinsgesetz Frauen solche Aktivitäten verboten. Getragen wurde der Kampf ums Frauenwahlrecht auf der einen Seite von der SPD und den Gewerkschaften. Im März 1911 verteilten Frauen in Aachen 35.000 Flugblätter und forderten „Her mit dem Frauenwahlrecht!“. Die Politikerin Luise Schiffgens, die später für die SPD im Aachener Stadtrat, im Preußischen Landtag und im Reichstag sitzen sollte, kämpfte in den Reihen der Arbeiterbewegung für die Sache der Frauen. „Als 14-Jährige ging sie als Textilarbeiterin in die Fabrik“, beschreibt Möhle.

Liberale und konservative Frauen dagegen, viele von ihnen Lehrerinnen, engagierten sich eher in bürgerlichen Frauenvereinen. „Sie fanden eigene Aktionsformen“, sagt Waltraud Durst. Zum Beispiel Johanna Gillet-Wagner: Ab 1893 war sie Lehrerin an der 2. Aachener Mädchenmittelschule. Politisch engagierte sie sich für die DDP. Das Politische Tageblatt zitiert Johanna Gillet-Wagner bei einem ihrer Auftritte in Aachen: „Es gehe in einem Staatshaushalte, in dem keine Frau mitreden dürfe, wie in einem frauenlosen Haushalt – ihm fehle das Mutterherz.“

Und welche persönliche Bilanz ziehen Sylvia Möhle und Waltraud Durst aus ihren Untersuchungen? „Frauen müssen ihre Sachen selbst in die Hand nehmen“, sagt Möhle, „es wird ihnen nichts geschenkt, damals wie heute.“

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