Berlin: „Liebeserklärung an Frau Merkel”

Berlin : „Liebeserklärung an Frau Merkel”

Das, Herr Merz, mag man sich wirklich fragen. Ist Ihnen die Lust am Lachen in den letzten politischen Jahren nicht vergangen?

Der Herr gegenüber schlägt die Beine seines 1,98 Meter messenden Körpers übereinander und visiert sein Gegenüber: „Ich bin von meiner ganzen Grundeinstellung her ein positiver und optimistischer Mensch. Ich weiß, dass es in der Politik ein Auf und Ab gibt, Erfolg und Enttäuschung oft beieinander liegen.”

Einige Sekunden hält Friedrich Merz jetzt inne, stopft seine Pfeife und beugt sich dabei vor: „Ich mache Politik nach wie vor aus Neigung und Leidenschaft. Deshalb gehe ich mit Entwicklungen, die ich mir hätte anders vorstellen können, einigermaßen gelassen um.”

Da haben wir es. Dieses westfälische Understatement. Diese coole Art, „Entwicklungen” zu sagen und „Dolchstöße” zu meinen. Von Angela Merkel, für die er bei seiner Kürung zum diesjährigen AKV-Ritter „Wider den tierischen Ernst” eine Überraschung bereithält: „Ich werde ihr eine offene Liebeserklärung machen”, schmunzelt der designierte Ritter mit aufblitzendem Blick und stellt dabei fest, „dass ich meine Rede natürlich selber schreibe”. Wie sich das gehört für einen Mann, dem die Frankfurter Allgemeine das Prädikat „eines der besten Redner des Bundestages” gibt.

Am 11.11.55 geboren

Und dennoch: „Das ist schon etwas Anderes, vor so vielen Millionen Menschen im Sitzungssaal von Aachen zu reden. Da habe ich ein bisschen Manschetten vor.” Zumal dem international agierenden Rechtsanwalt jener kommende, närrische Samstag, 11. Februar (ab 20.15 Uhr ARD live), erkennbar viel bedeutet: „Eine hohe Anerkennung, auf die ich mich unheimlich freue.” Vor allem darauf: „Ich werde vieles sagen, was ich schon immer sagen wollte. Das Schöne ist: Dabei kann ich mich ganz legitim darauf berufen, es sei nur Spaß gewesen.”

Noch etwas, Herr Merz, mag man sich fragen. Wie karnevalistisch kann ein waschechter Sauerländer überhaupt sein? Der designierte Ritter fährt sich mit der Linken durchs raspelkurze Haar und greift zum verbalen Schwert: „Diese Frage kann nur ein Nicht-Sauerländer stellen. Wenn Sie sich mit der Geschichte besser auskennen würden, dann wüssten Sie, dass große Teile des Sauerlandes zum Kurfürstentum Köln gehörten und wir eine hohe Affinität zu den Kölnern haben.” Was einem Aachener freilich nur begrenzt imponiert, Herr Merz. „Immerhin habe ich eine Großmutter, die Rheinländerin war und dort Karneval feierte. Und ich bin am elften im Elften im Jahre fünfmal elf geboren. Jetzt müsste doch alles beantwortet sein”, hofft der AKV-Würdenträger. Nein, ist es nicht.

Eines noch: Haben Sie schon als Kind Karneval gefeiert? „Das ist jetzt die erste berechtigte Frage von Ihnen”, spöttelt Merz. Dankeschön. „Klar, wir Sauerländer haben auch unsere Umzüge”. Räumt aber dann doch ein, „dass bei uns die Schützenfeste wichtiger sind als der Karneval”. Aha.

Mitten unter den Schützen rund um Arnsberg, fernab von Berlin, lebt die Familie Merz den modernen Spagat von Familie und Beruf. Ehefrau Charlotte arbeitet als Richterin, von den drei Kindern (24 bis 16 Jahre) „ist nur noch die Jüngste daheim”, berichtet Friedrich Merz. Und zeigt von jetzt auf gleich ein ganz anderes Gesicht. „Wenn ich zurückblicke, kann ich nur sagen: Mir fehlt ein Teil der Zeit mit den Kindern. Nicht nur dann, wenn ich weg war. Man ist ja auch oft mit dem Kopf weg, wenn man zu Hause ist.” Er sagt „man”. Und meint „ich”. Aber immerhin.

Friedrich Merz ist eine Art Diesel im Gespräch, von Minute zu Minute kommt er besser auf Touren. Wir philosophieren über Humor, „der dann aufhört, wenn er in Zynismus endet”, bemerkt der Mann mit der spitzen Zunge. Sind Sie eigentlich ein spontaner Mensch, Herr Merz? „Ja. Nur, ehrlich gesagt, geht mein Witz manchmal auf Kosten anderer.” Aber er kann das rechtfertigen: „Wer einsteckt, muss auch austeilen können.”

Erst Schaf, dann Wolf

Sprichts, nippt an seinem Rotwein im Berliner Szenerestaurant „Entrecote”, in das wir vom Büro gewechselt sind, und flirtet mit der Kellnerin. Längst ist der Diesel auf Fahrt - und uns erscheint nahezu rätselhaft, warum dieser Friedrich Merz als kühl und arrogant gilt. Wie erklärt er sich das selbst? „Vielleicht war ich in vielen Fernsehsendungen zu ernst, zu hart, zu aggressiv”, sinniert der 2004 von einer Jury gewählte „Reformer des Jahres”. Und sagt weiter: „Hinzu kommt meine Größe. Da meinen die Leute, ich rede von oben herab. Und noch etwas: Viele mögen auch nicht, dass ich relativ präzise spreche. Zumal bei den Fernsehzuschauern weniger die Inhalte hängen bleiben als der äußere Eindruck, die Körpersprache, die Krawattenfarbe”.

Inzwischen ist es 23 Uhr, ein langer Tag im Leben des Friedrich Merz geht einmal mehr zu Ende. Wir stehen vor dem „Entrecote” etwas schlotternd in schneereicher Kälte, warten aufs Taxi und sprechen über seine „strikte Trennung” von Politik und Tätigkeit in der global agierenden Sozietät Mayer Brown Rowe & Maw: „Ich war anwaltlich noch nie in meinem Wahlkreis tätig. Und in meinem Abgeordnetenbüro darf meine Sekretärin nicht einen einzigen dienstlichen Brief an mich als Anwalt öffnen.” Da ist er wieder, der blitzgescheite Mister Präzision, der kraftvolle Saubermann, dessen Pfeifentasche auch innen so clean ist wie ein Schmuckkästchen. Ein hellwacher Friedrich Merz - auch wenn er im Moment müde ist. Man sollte ihn eben in keiner Situation unterschätzen. Erst Recht nicht, wenn er seine Ritterrede kommenden Samstag in Aachen hält.

Denn die Erfahrung hat auch die CDU in Abwandlung einer Bauernregel schon gemacht: „Wenn der Merz als Schaf kommt, dann geht er als Wolf.”