Leserbriefe zum Thema Kirche: Von Heiligen, Opfern und Unschuldigen

Leserbriefe zum Thema Kirche : Von Heiligen, Opfern und Unschuldigen

Das Verhalten von Aachener und Kölner Bischöfen im Missbrauchsskandal, Entschädigungszahlungen an Opfer, aber auch die Seligsprechung von Carlo Acutis, der Kirchen-Inhalte ins Internet brachte, beschäftigten unsere Leser. Hier ihre Einsendungen.

Dr. Marlies Schneider aus Aachen äußert sich zum Artikel „Schwere Last, strittige Studie, nervöses Bistum“ über den Missbrauch durch Priester:

Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen, als ich die Aussagen von Altbischof Heinrich Mus­singhoff lesen musste: „Ich habe nicht mit ihnen (den geschädigten Kindern) gesprochen. Dazu fühlte ich mich nicht in der Lage.“ „Ich fühlte mich überfordert.“ „Ich hätte mir nicht zugetraut, sachgemäß mit ihnen zu sprechen. Ich würde das auch keinem Bischof raten.“

Ein hoher Geistlicher, der mit bestimmten, ihm anvertrauten Gemeindemitgliedern nicht spre­chen kann, ein exzellent ausgebildeter Seelsorger, der seine ureigensten Verpflichtungen in heiklen Situationen nicht erfüllen kann (oder will) – extra-klerikal würde man dieses Verhalten als „kneifen“ bezeichnen. Es drängt sich die Frage auf, ob nicht gar Frauen diese fundamental seelsorgerische Aufgabe für ihn übernommen haben.

Anderen Bischöfen von Opfergesprächen abzuraten, bedeutet letztlich, ihnen von der Aus­übung des Priesteramts abzuraten. Natürlich kann der Bischof nicht mit jedem einzelnen Opfer sprechen – dafür sind es zu viele. Er könnte aber wenigstens seine Bereitschaft zu Opferge­sprächen erkennen lassen.

Bisher dachte ich, mit einem Geistlichen könne man über alles sprechen – wozu gäbe es sonst das Beichtgeheimnis? Über sexuellen Missbrauch kann man das wohl nicht, jedenfalls nicht „sachgemäß“. Wie kalt und herzlos wirkt dieses „sachgemäß“ in diesem Zusammenhang! Sind mit „sachgemäß“ die Details der begangenen sexuellen Straftaten gemeint oder nur die lapi­dare Feststellung, dass dem Opfer gemäß bischöflichem Beschluss von 2011 höchstens 5000 Euro Entschädigung ohne Schuldanerkennung zustehen? Was ist bloß mit dieser Kirche los?

Paula Schipperges aus Nideggen beschäftigt ebenfalls der Text „Schwere Last, strittige Studie, nervöses Bistum“:

Mit großem Interesse habe ich den Bericht in Ihrer Zeitung „Schwere Last, strittige Studie, nervöses Bistum“ von Peter Pappert gelesen und bin dankbar und froh, einen so sachlich und informativ gut ausgewogenen Bericht zum Missbrauch durch Priester – auch in unserem Bistum – und die ehrlichen Erläuterungen von Bischof Mussinghoff und Generalvikar Manfred von Holtum zu ihrem früheren Handeln zu lesen. So kann sich jeder Leser ein Bild machen und wird nicht von einer manipulativ individuellen Einstellung eines Journalisten beeinflusst. Gott sei Dank ein ganz anderer Berichts­ton als der von Redakteur Marlon Gego zu Weihbischof Bündgens, der sogar noch den Unterton der Vorverurteilung erkennen ließ. Schwierig genug, dass sich die Institution „katholische Kirche“ zu solch schlimmen sexuellen Missbrauchsfällen erst jetzt richtig bekennen kann und hoffentlich jetzt ein Empfinden dafür bekommt, mit welch unendlichem Leid missbrauchte Menschen leben müssen.

Gerhard Bätz aus Düren beurteilt das Verhalten des Kölner Erzbischofs Rainer Maria Woelki im Missbrauchsskandal:

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki sagt nicht etwa: „Ich habe weder von Missbrauch gewusst, noch habe ich ihn vertuscht.“ Er sagt: „Wenn Ihr mir nachweisen könnt, dass ich vertuscht habe, dann trete ich zurück.“ Ist das nicht beruhigend? Er wird noch lange Erzbischof bleiben.

Karl-Heinz Mader aus Jülich hat sich Gedanken gemacht zum Bericht „Kirche zahlt Missbrauchsopfern bis zu 50.000 Euro“ über die Einigung der katholischen Bischöfe auf ein Konzept für „Ausgleichszahlungen“:

Nach zehn Jahren wurde eine unabhängige Kommission berufen, welche für die Missbrauchsopfer der katholischen Kirche eine Ausgleichszahlung von 40.000 bis 400.000 Euro oder eine feste Summe von 300.000 Euro für die Opfer als angemessen empfahl. Diese Summen waren den Kirchenvertretern der armen katholische Kirche letztendlich doch zu hoch. Wer hätte das gedacht? Wenn man von einem mir bekannten Fall ausgeht, bei dem der Missbrauch vor 55 Jahren geschah und die jetzt festgelegte höchste Anerkennungssumme von 50.000 Euro zugrunde legt, sind das zurückgerechnet 75 Euro im Monat. Eine Therapiestunde kostet schon 90 Euro. Selbst die wurden in der Regel auf Kosten der Allgemeinheit von den Krankenkassen bezahlt. Wie erbärmlich! Der Preis für ein ausgelöstes Leid, welches bis heute in den Biografien der Opfer (damals Kinder) zu lesen ist. Dazu sagt der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, auf die Frage, warum die Kirche Anerkennungsleistungen und keine Entschädigungszahlungen anbietet, für Entschädigung gäbe es geltende Standards mit hoher Anspruchsforderung, beispielsweise für die Beweislage. Das wolle man den Betroffenen ersparen. Wie zynisch! Die Opfer wurden danach nicht einmal befragt. Da ist er wieder: der moralische Anspruch der katholischen Kirche. Er wurde Jahrzehnte als Instrument für die pädophilen Verbrechen an Kindern missbraucht. Die Kinder haben diesen Priestern vertraut. Den moralischen Anspruch will man den Bischöfen natürlich nicht in Abrede stellen. Sie behaupten jedoch selbstherrlich, den Opfern Befragungen (die in den meisten Fällen vor zehn Jahren schon durchgeführt wurden) zu ersparen. Hier wird den Opfern eine Unmündigkeit zu solchen Entscheidungen attestiert. Opfer bleibt eben Opfer. Die große Frage bleibt, wer am Ende wirklich das Opfer ist!

Rita Kutsch aus Stolberg antwortet auf den Leserbrief von Sieglinde Favre aus Aachen zur Verschiebung des Prozesses gegen Weihbischof Johannes Bündgens, die seine Schuld bereits bestätigt sah:

Für jeden Menschen gilt die Unschuldsvermutung bis zur Verurteilung. Das nur vorab! Ich wehre mich aber grundsätzlich dagegen, irgendeinen Menschen öffentlich mit solcher Häme anzugehen, wenn man weder über ärztlich noch juristisch valide Unterlagen bezüglich dieser Person verfügt. Diesen Leserbrief empfinde ich als anmaßend und im eigentlichen Wortsinn „häss“lich.

Würde die Leserin sich selbst wohl gerne öffentlich als (mutmaßlich) gemeine, clevere Betrügerin apostrophieren lassen? Und ganz nebenbei. Seit wann sind Kleriker „heilige Herren“? 

Hermann-Josef Stumm aus Eschweiler meldet sich zum Solobild „Der ‚Influencer Gottes’ ist nun selig“ zur Aufbahrung von Carlo Acutis, der zu Lebzeiten Webseiten für Pfarreien einrichtete und eine Internet-Datenbank über religiöse Wunder aufbaute:

Bei einem ersten flüchtigen Hinsehen war mein erster Gedanke, mal wieder einer, der sich durch eine Übernachtung in einem Sarg mit seinem Bild in einer Zeitung verewigt. Die Bildunterschrift belehrte mich darüber, dass es sich um eine Aktion der italienischen katholischen Kirche handelte, von der diese sich verspricht, wieder mehr junge Leute in die Kirchen zu holen. Irgendwie makaber dachte ich, dass die Kirche es nötig hat, mit solchen Mitteln, die an das Lenin-Mausoleum erinnern, zu agieren. Ich bin gespannt, ob irgendwann ein Missbrauchsopfer auch einmal ähnliche Ehrungen erfährt. Wohl eher nicht! So holt man meiner Meinung nach keine neuen Gläubigen in die Kirchen zurück oder wird dem Andenken an einen tiefgläubigen Menschen gerecht.

Hans-Jürgen Ferdinand aus Aachen merkt zum Text „Kirche zahlt Missbrauchsopfern bis zu 50.000 Euro“ an:

Mir wird speiübel, wenn ich lesen muss, dass nach jahrzehntelanger systematischer Vertuschung und Verdunklung von Verbrechen an Kindern und Jugendlichen durch die Institution Kirche nunmehr die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) unter Leitung des Vorsitzenden Georg Bätzing statt einer sogenannten „Anerkennungszahlung“ von bis zu 5000 Euro nunmehr „Ausgleichszahlungen“ bis zu 50.000 Euro gezahlt werden sollen. Ein Skandal, der den Biografien der Opfer in keinster Weise gerecht werden kann!

Welch eine Fülle von Machtarroganz und Machtmissbrauch in der 2000-jährigen Geschichte schlägt den Menschen entgegen: Intoleranz und Grausamkeit gegenüber Abweichlern, Kreuzzüge, Inquisition, Ketzerausrottung, Hexenwahn, Unterdrückung der Sexualität und Missachtung der Frau ... und als unbestrittene Wahrheit: Päpste, die jahrhundertelang an der Spitze eines Mord- und Raubsystems gestanden haben.

Der Weg des Papsttums mit seinen Bischöfen, Priestern und willfährigen Helfern ist bis heute ein Weg des Grauens und Entsetzens. Sinnigerweise wähnt sich die katholische Kirche anmaßend als die einzig wahre (!) Religionsgemeinschaft auf Erden, auch noch mit Hilfe des „Heiligen Geistes“, im Besitz der alleinigen (!) Wahrheit bei gewissen Glaubensdogmen.

Das hält aber selbst in einem aufgeklärten Zeitalter die Politik, die Wissenschaft und leider auch den Journalismus nicht davon ab, eine solche historisch belegbare (!) verbrecherische Institution zu alimentieren und zu legitimieren – oder gar als „christliche Leitkultur“ auszurufen!

In meinen Augen ein klarer Verfassungsbruch, denn der Staat darf niemanden aufgrund seiner jeweiligen religiösen oder nicht religiösen Überzeugung bevorzugen oder benachteiligen. Ich empfinde es daher auch als Hohn und Peinlichkeit zugleich, dass Parteien das C in ihrem Parteinamen tragen.

Herbert Schaber aus Aachen befasst sich mit der Rubrik „Leute“ über den Münsteraner Kirchenrechtler Thomas Schüller, der den Kölner Erzbischof Kardinal Rainer Maria Woelki zur Veröffentlichung des von ihm in Auftrag gegebenen Missbrauchsgutachtens aufgefordert hat:

Kardinal Woelki hatte eine Münchener Kanzlei damit beauftragt, den Umgang mit sexualisierter Gewalt zu untersuchen. Ausdrücklicher Wunsch und Auftrag waren es auch, Namen zu nennen, die dafür verantwortlich waren, dass Vorfälle von Missbrauch über viele Jahrzehnte vertuscht oder nicht konsequent geahndet wurden. So rücken neben den Tätern auch richtigerweise Mittäter in den Fokus, die ihre Hand schützend über die Täter gehalten haben. So haben sich neben den Tätern auch Menschen in den Bistumsverwaltungen, wie Bischöfe, Generalvikare und Mitarbeiter in den Personalabteilungen, als Mittäter mitschuldig gemacht. Denn wie wird in den Gottesdiensten im Schuldbekenntnis immer gebetet: „Ich bekenne Gott, (…), dass ich Gutes unterlassen und Böses getan habe – ich habe gesündigt in Gedanken, Worten und Werken.“ In Selbstkritik müssten die Mittäter sich hinterfragen, ob sie tatsächlich auch Gutes unterlassen haben. Im vorliegenden Fall im Bistum Köln rudert Kardinal Woelki nun zurück, weil er rechtliche Bedenken hat. Richtig ist, dass es womöglich darum geht, Mittäter zu schützen, die in Amt und Würden sind. So hat die beauftragte Kanzlei die Rolle des früheren Personalchefs im Bistum Köln, Stefan Heße – des heutigen Bischofs von Hamburg – kritisch beurteilt. Viele Mittäter sind auch schon gestorben, deren Ansehen man wahrscheinlich posthum auch nicht beschmutzen will. Die Bischöfe müssen sich der Opfer willen ihrer Verantwortung stellen, ohne falsche Rücksichtnahme aufarbeiten, damit der Glaubwürdigkeitsverlust der katholischen Kirche nicht noch weiter zunimmt.

Manfred Weyer aus Aachen betont angesichts des Artikels „Kurswechsel bei Homosexualität?“ über einen Film, in dem sich Papst Franziskus offenbar für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ausgesprochen hat:

Wenn es zutrifft, dass sich Papst Franziskus für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ausgesprochen hat, hat dies zweierlei zur Folge: Zum einem gehört dazu ein erweitertes Verständnis von der Natur des Menschen und zum anderen ein anderer Zugang zum Verständnis der biblischen Texte. Da steht etwa im Alten Testament unter Levitikus 20,13: „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft …“ Angesichts solcher Textstellen verwundert es nicht, dass sich unter anderem die katholische Kirche damit schwertut, die Andersartigkeit von Menschen in ihre Glaubenswelt und ihr Wertesystem im positiven Sinne einzuordnen.

Das Wort des Papstes deutet jedoch darauf hin, dass bei dieser Thematik ein Sinneswandel stattfindet. In der praktischen Seelsorge allerdings werden Homosexuelle bereits vielfach ins Gemeindeleben integriert. Dennoch ist es eher möglich, Meerschweinchen oder Motorradfahrer zu segnen als zwei Gleichgeschlechtliche, die sich versprechen, ihren Lebensweg gemeinsam zu gehen. Diesem Zwiespalt sollte ein Ende gesetzt werden. Das von der Bibel tradierte Bild über die Natur des Menschen kann heute nicht mehr eins zu eins übernommen werden. Das Verständnis vom Menschsein hat sich gewandelt. Die Erkenntnisse der Natur- und Geisteswissenschaften haben auch das christlich geprägte Bild vom Menschen stark beeinflusst. Die Leitung der Kirche sollte darauf angemessen reagieren und zum Beispiel die Andersartigkeit von Menschen als eine Vielfalt der Schöpfung verstehen und als eine Bereicherung auch für den Glauben werten. Auch wenn diese erweiterte Sichtweite bei vielen zunächst Unruhe auslöst, scheint sie mir tragfähiger und menschlicher zu sein.