Jülich: Lazarus-Strohmanus-Gesellschaft spottet und reimt im 309. Jahr

Jülich : Lazarus-Strohmanus-Gesellschaft spottet und reimt im 309. Jahr

Wer die Gesellschaft Lazarus Strohmanus zu Jülich für eine Schar von Karnevalisten hält, beleidigt die Mitglieder zwar nicht, liegt aber falsch. Die ehrwürdige Vereinigung ist nämlich „historisch”, was das Gründungsjahr 1700 eindrucksvoll belegt, kann und will eine närrische Ader freilich keineswegs verschweigen.

Die Lazarusbrüder sind auch im 309. Jahr höchst lebendig, was bestätigen muss, wer den Umzug an einer der vielen Stellen in der Stadt am Dienstag gesehen hat. Seit kurz nach 9 Uhr „preckten” (schmissen) die Männer mit den blau-weißen Uniformen und den bunten Kappen die Strohpuppe erbarmungslos beinahe an jeder Ecke. Das ist Programm: „Durch dünn on deck, et widd jepreck!”

Ein echter Notfall...

Die Route der Tuch-, Puppen- und Besenträger ist in jedem Jahr ein wenig anders. Das sagt einer, der es wissen muss: Präsident Hein Ningelgen, der Dienstag seine 55. Tour in Folge durch die Herzogstadt absolvierte, sich aber auch bei „5x11” nicht jeck machen ließ. So ebnete sich der Zug, begleitet von der Kapelle St. Jakobus Alsdorf-Warden, durch eine kleine Gasse den Weg zum diesjährigen „Pattühm”: Dr. Dieter Scheidt.

Vor dessen Haustür drehten die Lazarusbrüder ein bisschen am Schicksal. Um den Mediziner dezent einzubinden, gaukelte ein Tuchträger eine Fingerverletzung vor. Da ließ sich Lazarus´ Patenonkel nicht lange bitten. Mit den Worten „Aha, ein echter Notfall” schritt er gemächlich, aber verantwortungsvoll zu seinem ersten Precken.

Die Lazarusbrüder sind furchtlos und manchmal auch frech. Ihre Spottverse und Reime treffen jeden, der es ihrer Ansicht nach verdient hat. Vor den Toren der gar nicht notleidenden Sparkasse war das nicht anders, da bot die Bankenkrise natürlich eine Steilvorlage.

Weil sie aber nicht bösartig lästern, finden sie auch hier Einlass, Respekt und das ein oder andere Kaltgetränk. Und wenn am Straßenrand Kindergartenkinder die Ankunft sehnsüchtig erwarten, dann bekommen auch die jungen Zaungäste eine „Preck-Sondershow” sowie ein freundliches Gedicht zu hören.

Der Applaus ist verdienter Lohn für die volksnahe Gesellschaft, die am Veilchendienstag auch wieder von einigen auswärtigen Gästen begutachtet wurde.

Bei allem Frohsinn und aller Volkstümlichkeit: Mit dem Protagonisten gehen die Lazarus-Brüder nicht zimperlich um. Am späten Nachmittag und der letzten Einkehr in die Gaststätte Alte Post in der City wird Strohmanus vollständig entkleidet und dann splitterfasernackt in der Rur begraben.

Den schlimmen unfreiwilligen Todesfall feiern die Strohmanus-Anhänger durchaus heiter und vergnügt mit einem Feuerwerk. Diese Freude ist nämlich kein Widerspruch, sondern Zeichen der Hoffnung: auf ein Wiedersehen im 310. Jahr. Das scheint unterdessen historisch belegt.