Aachen: Zwischen Pöbelei und Bildungsideal: „Verrücktes Blut” in den Kammerspielen

Aachen: Zwischen Pöbelei und Bildungsideal: „Verrücktes Blut” in den Kammerspielen

Immer schön locker bleiben. Ein paar Liegestütze, ein paar Beinübungen an der Sprossenwand, Arme kreisen lassen und dann genüsslich ausspucken.

Das Stück „Verrücktes Blut” von Nurkan Erpulat und Jens Hillje nach Motiven aus Jean-Paul Lilienfelds Film „La Journee de la Jupe” beschäftigt die Medien- und Theaterwelt seit der Berliner Urauführung 2010/11. Für die Kammerspiele des Theaters Aachen hat Eike Hanemann, 1976 in Hannover geboren und in Aachen aufgewachsen, wo er im Das Da Theater erste Erfahrungen sammelte, das widerborstige Stück inszeniert.

Geschrieben wurde „Verrücktes Blut”, das inzwischen vielfach ausgezeichnet wurde, im Auftrag der Ruhrtriennale, eine Schwarze Komödie, die alles, was zum Thema Bildungs- und Integrationspolitik diskutiert wird, auf den Kopf stellt.

Alles ist auf einem wackeligen Prüfstand. Die Akteure schleudern Fragen und eindeutige Gesten ins Publikum, das aufhorcht. Um einen glühenden Kern kreist in atemberaubender Geschwindigkeit die Handlung: Projekttag in einer deutschen Schulturnhalle. Eine wild herumgrölende, pöbelnde, raufende Schülergruppe mit deutlich hör- und sichtbarem Migrationshintergrund erfüllt alle Klischeevorstellungen von einer verkorksten und chancenlosen Gesellschaftsgruppe.

Mit ihnen will Lehrerin Sonia Kelich die Dichtung des Sturm und Drang erarbeiten. Auf dem Stundenplan stehen Friedrich Schillers Werke „Die Räuber” sowie „Kabale und Liebe”. Die gelben Reclam-Heftchen liegen auf den beschmierten Holzbänken bereit, doch zunächst werden alle Unterrichtsversuche der Lehrerin niedergebrüllt.

Dann rutscht die Pistole aus einem Rucksack, sie ist geladen. Frau Kelich greift zu, und es beginnt ein skurriles Spiel mit einem ganz anderen „Blick auf die anderen”. Mit vorgehaltener Waffe, die sie durchaus zu benutzen bereit ist, zwingt die Lehrerin nun die vor Angst bibbernden Schülerinnen und Schüler, den Unterrichtsanweisungen zu folgen. Das Ergebnis ist ein im wahrsten Sinne des Wortes „schillernder” Umgang mit Sprache, sozialem Verhalten - und Respekt, ein Wort, das von Anfang an eher heimatlos durch den Raum schwirrte.

Eike Hannemann weiß sehr gut mit den in rascher Folge stattfindenden Brüchen in diesem Stück umzugehen. Dabei leistet er sich reizvolle Spiegelungen von Sprache und Verhalten. Wenn die Darsteller vom gestotterten Schiller zur einfühlsam gespielten und gesprochenen Szene finden, ist das schon sehr anrührend, und es wirft Fragen auf. Was ist denn nun besser? Schiller? Nur weil es schöner klingt? Was ist denn mit dieser von Flüchen und üblen Schimpfworten gequälten, aber realitätsnahen Alltagssprache?

Gewalt im Blick

Bevor man auch nur auf den Gedanken kommt, sich mit Lehrerin Kelich zu solidarisieren, entdeckt man den Gewaltwillen in ihrem Blick. Und die Jugendlichen? Wer sich gerade eben noch großkotzig im Schritt gekratzt hat, bettelt nun um Gnade. Was passiert? Im atmosphärisch sicher gestalteten Bühnenraum von Birgit Stoessel gibt es kein Entrinnen. Sie hat das Ensemble auch angezogen - ganz, wie man es erwartet, inklusive Kopftuch.

Bettina Scheuritzel ist als Lehrerin Sonia Kelich in dieser wirren Truppe zunächst die bieder bemühte Lehrerin. Dann springt ihr Verhalten um. Sie wird zur gewaltbereiten Bildungs-Terroristin, die ihrem Frust nach unsäglichen Demütigungen mit funkelnder Wut Luft macht. Sie wird dabei ihren Schülern, die sie mit rassistischen Beschimpfungen überschüttet, auf fatale Weise immer ähnlicher.

Das Karussell der wechselnden Blickpunkte dreht sich. Es werden Hiebe in alle Richtungen ausgeteilt. Dabei kann sich Hannemann auf ein extrem spielfreudiges, gut trainiertes Ensemble verlassen, das die Charaktere in all ihren Ausprägungen glänzend verkörpert: Nadine Kiesewalter (Mariam), Julia Doege (Latifa), Tim Knapper (Musa), Philipp Manuel Rothkopf (Bastian), Robert Seiler (Hakim), Markus Wickert (Ferit) und Felix Strüven (Hasan) beherrschen sowohl „Kanak-Sprach” als auch schillersche Verse.

Großkotzige Anmache und schüchterne Empfindsamkeit finden nahezu in einem Atemzug statt. Das sind die besonderen Szenen dieses Kammerspiels. Eine Lösung ist nicht vorgesehen, stattdesen eine letzte Spiegelung: Nach einer mörderischen Attacke auf die Lehrerin übernimmt das türkische Mädchen Mariam Führung und Waffe. Plötzlich kommen die Sprüche der Lehrerin aus ihrem Munde, aber das ändert nichts.

Die Schule ist vorbei. Nur Hasan, der Kurde, auf dem die anderen herumhacken, bleibt hocken. Dann greift auch er zur Pistole - und zielt ins Publikum.

Hannemann hat die Gratwanderung souverän gemeistert, ohne sich zu verstricken. Die Fragen bleiben. Ein mutiger Abend, der mit viel Applaus belohnt wird.

Es gibt weitere Aufführungen

„Verrücktes Blut” von Nurkan Erpulat und Jens Hillje. Theater Aachen, 20 Uhr, Kammerspiele.

Weitere Auffügrungen: 14., 17., 20., 28. November, 5., 14., 18. Dezember, 17., 25., 30. Januar, 14. Februar.

Infos unter Telefon 0241/4784244 oder im Internet.

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