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Aachen: Zwischen Kirchen-Fresko und Küchenzeile

Aachen : Zwischen Kirchen-Fresko und Küchenzeile

Die Welt ist gekippt, der Blick geht vorbei an uniform verzierten kalt hellen Häuserfronten gen Himmel. In diese geordnet disziplinierte Bühnenwelt klettert Werther quer hinein durchs Fenster, ein barock verträumter Einzelgänger in weißem Anzug mit verspieltem Rüschenhemd.

Er zeigt Charlotte die Schönheit des Sternenhimmels, lehrt sie tanzend zu balancieren auf Fensterrahmen und Mauervorsprüngen und schenkt ihr für einen kurzen Augenblick Freiheit und Selbstbestimmung. In diesem Moment sind Werther und Charlotte ein richtiges Liebespaar, danach nie mehr. Die Aachener Neuninszenierung von Jules Massenets 1892 in Wien uraufgeführten Oper „Werther” geht unter die Haut.

Klares Sittengemälde

Die Regie von Helen Malkowsky konzentriert sich im mit sorgfältigen Details gespickten Bühnenbild von Dieter Richter auf die äußeren Rahmenbedingungen, die eine unerbittliche Pflichterfüllung fordern und zur Katastrophe führen.

Aus diesem klar strukturierten Sittengemälde, aus diesen klischeehaften Männer- und Frauenbildern zwischen opulentem Kirchenfresko und modern kalter Küchenzeile entwickelt sich langsam aber unaufhaltsam das Psychogramm von Charlottes tödlich endender Emanzipation. Am Ende verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart in der endlos erweiterten Häuserfassadenflucht - keine Zukunft für Charlotte und Werther, auch nicht in einer anderen Welt.

Die Musik schaut ausnahmslos in das Seelenleben von Massenets Opernhelden. Marcus R. Bosch lässt mit purer Emotionalität in einem Klangrausch voller Tragik und Farben aufspielen. Attackierend rhythmisierte Disharmonien vermitteln Trauer und falsche Fröhlichkeit, blühende Melodien die unerfüllte Sehnsucht nach Glück und gleichberechtigter Liebe. Das Publikum erlebt eine sowohl innige wie packende musikalische Analyse, in der sich Herz und Gefühle auf technisch hoch angesetztem Niveau voll austoben können.

Die Sänger werden von dem Orchester und der Regie gefordert und gefördert. Der Werther von Yikun Chung entspricht nicht dem introvertierten Typus der Goethe-Vorlage. Expressivität und Intensität prägen hingegen seine Interpretation, die gespickt ist mit einer substanzreichen Pianokultur, natürlichen Registerwechseln und temperamentvollen Gefühlsausbrüchen.

Obwohl Chung keinen Zweifel daran lässt, wer der Titelheld der Oper ist, ist doch die interessantere, weil sich entwickelnde Figur dieser Oper die Charlotte. Mélanie Forgeron zeigt deren Entwicklung in allen Konsequenzen auf und spannt einen Bogen von einer anfänglich auch stimmlichen Verhaltenheit und Disziplin bis hin zum furiosen Countdown ihrer endgültigen Selbstbefreiung.

Zudem kombiniert ihr mädchenhafter Mezzosopran sehnsuchtsvolle Wärme mit desillusionierter Einsamkeit. Optisch ist sie in den geschmackvollen, symbolstarken Kostümen von Henrike Bromber eine Augenweide. Eine ernsthafte Aufwertung erfährt die Charakterisierung der Sophie von Eva Bernard.

Charlottes jüngere Schwester wird durch den differenzierend eingesetzten dramatischen Koloratursopran der Bernard zu einem unglücklichen, zu früh erwachsen gewordenen Kind, frustriert durch die Nichtbeachtung ihrer Umgebung, überfordert vom plötzlichen Tod der Mutter.

Bei Martin Berner als Charlottes Ehemann Albert ist der Zuschauer hin und her gerissen, ob man ihn wegen der egozentrischen Hartherzigkeit seiner Rolle hassen oder wegen des vokal kernigen Glanzes seines kraftvollen Baritons lieben soll. Möge der Sänger dem französischen und italienischen Belcanto noch lange erhalten bleiben, bevor ihn der Wagner-Ruf ereilt.

Richard Meijer gelingt ein berührender Amtmann, zu der die leicht raue Nuance seines Bassbaritons sehr gut passt. Andreas Joost und Pawel Lawreszuk geben dessen Freunde Schmidt und Johann, der eine französisch unkompliziert, der andere mit Biss akzentuierend. Der selbstbewusst artikulierende Kinderchor des Theaters passt sich an das hohe Niveau des Abends an.

Das zur Pause noch recht verhalten reagierende Publikum zeigte sich beim Schlussapplaus einhellig begeistert und bedachte die dichte und intensive Aachener Neuinszenierung mit großer, Bravo durchzogener, sich steigernder Zustimmung.