Zu Gast: Angélique Kidjo will mit Musik Mut machen

Zu Gast: Angélique Kidjo will mit Musik Mut machen

„Wenn Gott eine Stimme hat, dann findet sie in ihrem Gesang ihren Ausdruck“, sagt der amerikanische Bandleader Dave Matthews über Angélique Kidjo. Die kleine Frau mit der großen Stimme gilt als die musikalische Botschafterin Afrikas schlechthin.

Top-Ten-Erfolge wie „Agolo“ machten die Sängerin aus Benin in Europa und Amerika zur Afropop-Diva, Carlos Santana coverte ihren Hit „Adouma“ für sein „Shaman“-Album. Zu ihrem illustren Freundeskreis zählen Peter Gabriel, Alicia Keys und Cassandra Wilson. Zur Burg Wilhelmstein in Würselen-Bardenberg kommt die Grammy-Preisträgerin am Dienstag, 29. Juli, mit den Songs ihres neuen Albums „Eve“. Wie sie den Frauen Afrikas damit Mut machen will, erzählt die 53-Jährige Michael Loesl.

Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?

Kidjo: Ich habe sie nicht gezählt, aber stimmlicher Ausdruck interessiert mich seit jeher. Daheim in Benin sprachen wir Fon, Yorùbá und Französisch. Seit mehr als zehn Jahren lebe ich in New York, was Englisch unumgänglich macht. Aber ich spreche auch Portugiesisch, und Deutsch lernte ich, während ich mit Jasper Vane_SSRqt Hof viel durch Deutschland tourte.

Woher stammt Ihre Neugierde auf Sprachen und Kulturen?

Kidjo: Ich komme aus einem unorthodoxen Elternhaus. Meine Eltern, insbesondere mein Vater, stiftete meine Geschwister und mich seit unseren Kindertagen zum Weitblick an. Zu Hause wurde viel diskutiert, und es wurde mindestens genau so viel Musik aus allen Ecken der Welt gehört. James Brown, Miriam Makeba, Stevie Wonder, Miles Davis — von denen stammten meine Kinderplatten.

Eine vielfältige Kindheit.

Kidjo: Ja, aber mit meinem freiheitlichen Selbstverständnis eckte ich daheim in Benin ständig an. Die Rolle einer Frau war und ist in Afrika mit viel Unfreiheit behaftet. Ich schnitt mir schon früh die Haare ab, spielte mit den Jungs meines Dorfes Fußball und kletterte ständig in Bäumen herum. Ich war ein richtiger Tomboy, ein Mädchen mit dem Rollenverständnis eines Jungen.

Ihr Freund Peter Gabriel bezeichnet Sie als „Feuerball“.

Kidjo: Als Peter seine Frau Meabh vor zwölf Jahren auf Sardinien heiratete, war ich unter den Hochzeitsgästen. Das war eine ganz schön steife Gesellschaft. Richard Branson, Peter und seine Freunde saßen in typisch englischer Manier wie angegossen herum, und ich hielt es nicht aus. Ich nahm Peter an die eine Hand, Branson an die andere und tanzte mit ihnen. Das war der Anfang einer rauschenden Nacht. Ich verehre Peter, er hat mehr für afrikanische Musiker getan als jeder andere westliche Musiker.

Und Sie tun als Sonderbeauftragte der Vereinten Nationen mehr für afrikanische Frauen als jeder andere weibliche Star aus Afrika vor ihnen.

Kidjo: Man kann sich das Grauen der Beschneidung weiblicher Genitalien im Westen nicht vorstellen, wenn man die Verstümmelungen, die an afrikanischen Frauen nach wie vor vorgenommen werden, nicht gesehen hat. Vollkommen anachronistische Riten werden dort nach wie vor als Vorwand genommen, nicht am Patriarchat zu rütteln. Ich möchte, dass Afrika von innen heraus derlei Verbrechen verhindert. Und deswegen kläre ich meine Landsleute als eine von ihnen auf.

Ist Ihre Musik von ausgesprochenem Internationalismus geprägt, weil Sie mit verschiedenen Musikspielweisen aufwuchsen?

Kidjo: Ich nahm eine Album-Trilogie auf, in der ich die Musik erforschte, die der Route der Sklaven folgte, die von meiner Heimat deportiert worden waren. Die Fährten reichten von Salvador de Bahia in Brasilien über Kuba und Nordamerika bis ins Herz Europas. Meine Musik befindet sich an jener geografischen Schnittstelle, an der traditionelle afrikanische Rhythmen auf die Harmonien der afrikanischen Diaspora treffen.

Warum gibt es verhältnismäßig wenige afrikanische Musikerinnen?

Kidjo: Es werden zum Glück immer mehr. Auf meinem neuen Album lasse ich mich von afrikanischen Frauenchören unterstützen. Aber als ich von meiner Mutter, die damals eine Theatergruppe in Benin leitete, buchstäblich zum Singen auf die Bühne geschubst wurde, galten weibliche Bühnenakteure als leichte Mädchen. An dieser Auffassung ändert sich mittlerweile etwas.

Sie lebten bis zu Ihrem 20. Lebensjahr in Benin, danach für 17 Jahre in Paris und seit 14 Jahren in New York. Wie betrachten Sie die westliche Sichtweise auf Afrika?

Kidjo: Mit gemischten Gefühlen. Auf der einen Seite stimmt es, dass sich der afrikanische Kontinent zunehmend selbst massakriert. Denken Sie nur an die Gesetzeslage für Homosexuelle in Uganda oder an die Rechte der Frauen in weiten Teilen Afrikas. Afrikas Politiker begehen tagtäglich Verstöße gegen Menschenrechte. Es ist eine Schande. Auf der anderen Seite besitzt Afrika endloses menschliches Potenzial, das mich hoffen lässt. Aber das nimmt man hier angesichts von Aids und Hunger nicht wahr.

Kann Musik helfen?

Kidjo: Musik kann nicht füttern helfen, aber sie kann das Selbstbewusstsein stärken. Ich weiß, dass meine Alben in Afrika millionenfach kopiert und gehört werden. Mit „Eve“ will ich allen, die viel Hoffnung in sich tragen, Mut zum Frausein, zum Anderssein und zum Individualismus machen. Nicht nur in Afrika.