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Aachen: „Wozzeck”-Premiere: Keine Betroffenheit

Aachen : „Wozzeck”-Premiere: Keine Betroffenheit

Der „Wozzeck” von Alban Berg, vertont nach den Text-Fragmenten von Georg Büchner und uraufgeführt in Berlin 1925, gehört zu den anspruchsvollsten Werken der Opernliteratur, das in der progressiven Verarbeitung von traditionellen Musikformen, Zahlensymbolik und moderner Zwölftontechnik seinesgleichen sucht in seiner Brillanz und Expressivität.

In der Neuinszenierung dieses Jahrhundertwurfes im Großen Haus des Theaters Aachen zeigte sich das Aachener Sinfonieorchester unter der Stabführung seines Generalmusikdirektors Marcus R. Bosch den hohen Ansprüchen der Partitur konzentriert und souverän gewachsen.

Die szenische Umsetzung von Barbara Beyer im Bühnenbild von Lothar Baumgarte provozierte jedoch nicht den fast erwarteten Skandal. Zahm und höflich feierte das Publikum die dritte musikalische Premiere der laufenden Spielzeit. Die wenigen Buhs verebbten schnell.

Weg von Sozialkitsch und weinerlicher Milieustudie - das ist die Prämisse der für ihre Kompromisslosigkeit bekannten Regisseurin Barbara Beyer bei ihrem Aachener „Wozzeck”. Die Protagonisten leben in einer steril funktionellen Containerwelt à la „Big Brother”.

Ein Bett, eine Toilette, Waschbecken, Dusche und Badewanne - Orte, an denen Intimhandlungen verrichtet werden - heben Schamgrenzen auf. Jeder ist Opfer und Täter zugleich, jeder ein rücksichtsloser Egoist. Augenkontakte und Menschlichkeit werden vermieden.

Uniforme Charaktere

Diese uniforme Behandlung der Charaktere provoziert jedoch beim Publikum fatalerweise das, was Barbara Beyer am meisten fürchtet: Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der Hauptpersonen.

Statt Wut und Betroffenheit schleichen sich eher banale Fragen in die Köpfe der Zuschauer, ob die Ketchup-Schmierereien auf Wozzecks weißem Anzug wohl wieder leicht zu entfernen sind, wie bühnentechnisch das Problem des ständig aus den Wasserhähnen laufenden Wassers gelöst worden ist und warum sich Marcus R. Bosch gegen dieses akustisch störende Plätschern nicht gewehrt hat.

Optische Gags wie die in der Schänke stramm auf dem Boden liegenden Jäger aus der Pfalz oder der für den minimalen Schlussauftritt aufwendig in Barockkostüme gewandete Chor verpuffen ohne nachvollziehbaren Sinn in der Luft.

Zwar ist der Unterhaltungswert garantiert, doch eine Interpretation der Kernfrage des Stückes, wozu der Mensch durch Erniedrigung, ungewollte Not und Manipulation von außen fähig ist, wird hier kaum erfahrbar.

Das gelingt nur, wenn Barbara Beyer Menschlichkeit zulässt: die Ermordung Maries wird als Höhepunkt eines sensibel erotischen Beischlafes gezeigt, als tödliche Befreiung aus austauschbarer Gefühllosigkeit durch einen kurzen Moment von Hingabe - leider die einzige Szene, die in ihrer Dichte tragische Dramatik erzeugt.

Das Ensemble auf der Bühne erfüllt mit konsequentem Engagement das Regiekonzept und bildet mit dem Orchester eine musikalische Einheit, die staunen macht. Marcus R. Bosch überlässt keinen noch so kleinen Effekt dem Zufall, scheut sich nicht, Brutalität und Kälte in großen Klangteppichen und beißenden Musikzitaten zu demonstrieren, und hält seine Musiker gleichzeitig dazu an, die tiefe Traurigkeit der Partitur auszuloten, ohne rührselig zu werden.

Die Sänger werden von Bosch getragen und trotzdem gefordert. Johannes M. Kösters in der Titelpartie besitzt einen grob vibrierenden, kräftigen Bariton mit dem perfekten Wozzeck-Timbre, ein prägnanter Charakter in stimmlicher wie darstellerischer Umsetzung.

Als Marie gelingt Lisa Graf ein beeindruckendes Rollendebut: mit kontrollierter und doch expressiver Stimmführung erfüllt sie die hohen Ansprüche der dramatischen Sopranpartie mit sicherer Gestaltungsvielfalt. Dem Tambourmajor verleiht Louis Gentile schmetternde, heldentenorale Züge.

Ein faszinierend differenziert artikulierender Hauptmann ist Andreas Joost zu verdanken, der Doktor liegt Claudius Muth ideal dröhnend in der Kehle. Mit schlanker Lyrik interpretiert Francois Soons einen etwas zu leisen Andres.

Jaroslaw Sielicki und Hans Lydman als Handwerksburschen im Mafioso-Look, Judtih Berning in der Partie der blondierten Edelnutte Margret, der Opernchor, sowie die Knaben des Aachener Domchores in den Kinderpartien ergänzen zuverlässig die hohe Qualität des Gesamtensembles.

Viel Spannung aus dem Orchestergraben, großartige Leistungen bei den Sängern, viele Fragen an die Inszenierung - lebendiger Premierenabend an einem diskussionsfreudigen Theater.