Interview: Wolfgang Niedecken macht sich große Sorgen um die Welt

Interview: Wolfgang Niedecken macht sich große Sorgen um die Welt

„Live & Deutlich“ geht Niedeckens BAP im Herbst auf Konzertreise. Erweitert um drei Bläser, werden die Musiker um Wolfgang Niedecken in ihrem neuen Konzertprogramm inhaltlich vermehrt politisch Stellung beziehen und auch beim Konzert in der Dürener Arena am 10. Oktober Haltung zeigen.

Warum es für ihn wichtig ist, dem Weltgeschehen nicht schweigend und teilnahmslos, aber auch nicht humorlos zuzuschauen, erzählt Wolfgang Niedecken im Gespräch mit Michael Loesl.

Früher inszenierten die Musiker die Dramaturgie des modernen Lebens in Konzerthallen. Heute findet das Drama in den Sozialen Medien statt. Müssen Sie zunehmend dramatischer agieren, um die Zuschauer bei Laune zu halten?

Wolfgang Niedecken: Zum Glück nicht. Unser Publikum ist mit uns gewachsen. Klar, es kommen immer wieder neue Leute dazu. Aber diese Leute wissen natürlich, dass sie weder Marktschreier noch Schunkelbrüder auf der Bühne antreffen, wenn sie eine Karte für unsere Konzerte kaufen. Dieses Soziale-Medien-Ding ist die Büchse der Pandora. Was darin an Manipulation möglich ist und auch schon praktiziert wird, schafft Gesellschaftsformung auf virtueller Ebene. Leider nicht zum Wohl der Gemeinschaft.

Ist Ihre Band nicht auch in Pandoras Büchse zu finden?

Niedecken: Ich persönlich nutze das alles nicht. Aber als Band finden wir kaum noch im Radio statt und in irgendeiner Form müssen wir auf uns, unsere Platten und Konzerte aufmerksam machen. Das Radio spielt nur noch Musik, die in Formate passt und da passen wir schon lange nicht mehr rein. Das Radio betreibt mit seinen Formaten ganz klar Zensur.

Ist Ihre Radiosendung beim WDR entsprechend eine Art Rebellion gegen den Sender, der ja auch sehr gerne formatiert?

Niedecken: Ich wurde wegen der Sendung von Leuten angesprochen, denen die Musik genauso heilig ist wie mir, und ich darf spielen, was ich will. Deswegen sagte ich zu.

Die arbeiten aber auch für einen Sender, der die Kulturprogramme Stück für Stück abschafft.

Niedecken: Ja, und die leiden unter dieser Entwicklung genauso wie ich und die vielen anderen Musikliebhaber, die den Dudelfunk nicht mehr hören mögen, weil darin nur noch Töne gespielt werden, um die Lücken bis zum nächsten Werbeblock zu füllen.

Was sagen Sie zur öffentlichen Kasteiung von Roger Waters seitens seines Ex-Sponsors ARD, weil er eine klare Meinung zur Siedlungspolitik Israels vertritt?

Niedecken: Das fand ich vollkommen daneben. Ich habe sein Konzert in Köln gesehen, es war toll, obwohl mir seine politischen Projektionen teilweise zu holzschnittartig, zu platt waren. Aber jemanden, wie Waters, der die israelische Siedlungspolitik kritisiert, sofort als Antisemiten einzustufen, ist äußerst bedenklich. Man macht sich damit zum nützlichen Idioten von Netanjahus rücksichtsloser Politik.

Es nimmt Künstlern auch ihren Meinungs- und Gestaltungsraum?

Niedecken: Richtig, wobei uns der ja inzwischen allerorten geraubt wird. Musikkonsumenten verhalten sich Musikschaffenden gegenüber zunehmend respektlos, indem sie für deren Kunst einfach nicht mehr zahlen, obwohl sie sie weiterhin hören wollen. Ich möchte meine Zuhörer aber ernst nehmen, ihnen mit Respekt begegnen und eben nicht die immer gleiche Live-Version eines alten Stücks spielen, sondern unser Repertoire kontinuierlich neu gestalten.

Vielleicht ist Musik heute nicht mehr das Tor zur Welt, sondern nur noch funktionales Geplänkel?

Niedecken: Da könnte was dran sein und das bedrückt mich. Dennoch gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass es auch in künftigen Generationen Leute geben wird, die diese Leidenschaft leben werden.

Nietzsche bezeichnete die Hoffnung als das übelste der Übel, weil sie die Qual der Menschen verlängert.

Niedecken: Damit will ich mich aber nicht abfinden. Es erschreckt mich hingegen, dass ich langsam mein Grundvertrauen in die Demokratie verliere. Der Menschheit ist bislang noch kein besseres System eingefallen als die Demokratie. Aber die wird dermaßen ausgehöhlt, dass ich mir wirklich große Sorgen mache. Der mächtigste Mensch der Welt ist ein bauernschlauer Zyniker und Lügner, dem der Zustand der Welt vollkommen egal zu sein scheint. Es ist nicht zu fassen.

Zieht es Sie auch deswegen „Live & Deutlich“ wieder auf Tour, auf die Straße zurück?

Niedecken: Ja, die Songs, die wir spielen, werden im Verlauf des Programms immer politischer, bis es zu den eher heiteren Zugaben kommt. Ich kann angesichts der Weltlage keinen schönen Abend zum Spaßhaben gestalten, damit würde ich mir selbst untreu werden. Den würde unser Publikum aber auch gar nicht erleben wollen. Man soll ja auch etwas mit nach Hause nehmen können. Am Ende könnte es die Gewissheit sein, dass es noch mehr Leute gibt, die sich mit den Zuständen nicht abfinden wollen.

Deswegen besuchten viele Leute auch Anfang der 80er Jahre schon BAP-Konzerte. Erschreckt es Sie, dass ein Lied wie „Bahnhofskino“ noch relevanter erscheint als 1984?

Niedecken: Sagen wir mal so, ich bin keineswegs froh darüber, dass ich dieses Lied damals als Momentaufnahme schrieb, die rückblickend betrachtet, fast schon prophetischen Charakter besitzt. „Bahnhofskino“ ist der große Bruder von „Kristallnaach“ und ich wäre heilfroh, wenn beide Nummern heute keine Relevanz mehr besäßen. Leider ist dem überhaupt nicht so.

Sie entstammten dem damaligen Zeitgeist, der sich immer noch mit den Nachwirkungen der Nazizeit auseinandersetzte.

Niedecken: Und heute spielen Bands wie Freiwild den Soundtrack für die AfD. Das ist Bedienen von Stammtischparolen und sonst gar nichts. Was wir früher als miefige Stammtischmeinungen angesehen hatten, spiegelt den momentanen Zeitgeist. Und das ist ein Problem.

Nimmt man nicht an der Polarisierung des Sozialgefüges teil, wenn man deutlich darauf reagiert?

Niedecken: Ich versuche, mich an Werten wie Anstand, Würde und Respekt zu orientieren. Ich kann das nicht alles geschehen lassen, ohne etwas dazu zu sagen! Wenn wir nicht langsam aufwachen und die Gleichgültigkeit brechen, mit der wir auf sterbende Flüchtlinge im Mittelmeer und den rechten Mob reagieren, ist es bis zum deutschen Äquivalent zu Donald Trump nicht mehr so lange hin.

Wird Ihr Humor während der kommenden Konzerte keine Rolle mehr spielen?

Niedecken: Und ob! Humor ist das Elixier, das mich immer schon drastische Zustände ertragen ließ. Ohne Humor wären etliche menschliche Auswüchse für mich unerträglich, und deshalb wird der selbstverständlich in unseren Konzerten zum Tragen kommen. Übrigens braucht Humor Distanz zu den Dingen, aber vor allem Distanz zu sich selbst.

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