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Brüssel: „Wo bin ich?”, fragt ab 2009 keiner mehr

Brüssel : „Wo bin ich?”, fragt ab 2009 keiner mehr

So mancher Autofahrer, der sich auf sein satellitengestütztes Navigationssystem (GPS) verlässt, hat 1999 während des Jugoslawien-Bombardements der NATO hin und wieder eine Autobahnausfahrt verpasst.

Nicht etwa, weil er die Ansagen des Navigators nicht befolgt hätte, sondern weil der GPS-Betreiber, das amerikanische Verteidigungsministerium, den für die zivile Anwendung zur Verfügung gestellten Bereich des Systems absichtlich und ohne Vorwarnung „ungenau” geschaltet hat, um mehr Kapazitäten für die eigentliche militärische Anwendung freizusetzen. Eine Möglichkeit, die sich die USA zur Wahrung ihrer nationalen Interessen - und dazu zählt seit den Terroranschlägen des 11. Septembers sehr viel - vorbehalten haben.

Lange gewährt, jetzt muss es gut werden

Solche Ärgernisse sollen in Zukunft nicht mehr vorkommen. Denn die EU möchte dieses amerikanische Quasi-Monopol durchbrechen und arbeitet gemeinsam mit der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA mit Hochdruck an ihrem eigenen Satellitennavigationssystem, das sinnigerweise Galileo - wie der mittelalterliche Astronom und Physiker - heißt.

Lange hat es gewährt, jetzt muss es nur noch endlich gut werden. Nachdem die üblichen innereuropäischen Probleme beseitigt waren, gab es heftigen Krach mit den USA, die ihr Quasimonopol gefährdet sahen und angebliche Sicherheitsinteressen vorschoben, um Galileo zu verhindern. Die Verwendung des gleichen Frequenzbandes würde möglicherweise Störungen des GPS und damit Sicherheitsrisiken bewirken, argumentierte das Pentagon.

In Wirklichkeit ging es den Amerikanern darum, im Notfall Galileo dazwischenfunken zu können, ohne ihr eigenes System zu stören.

Kostenloser Basisdienst

Nachdem die Europäer sich bereit erklärten, eine geringfügig andere Frequenz zu verwenden, kam es zur lang ersehnten Einigung. Damit steht der zügigen Weiterentwicklung Galileos nichts mehr im Wege. 2005 werden die ersten Galileo-Satelliten in ihre Umlaufbahn gebracht, bis 2009 soll das System voll funktionsfähig sein. Die Aussichten auf eine technologische Erfolgsstory locken viele Partner an. China, Russland, Indien und Israel wollen sich an der Entwicklung von Galileo beteiligen und stellen auch künftige Absatzmärkte dar.

Wie GPS wird auch Galileo einen kostenlosen Basisdienst zur Verfügung stellen, nur viel präziser und zuverlässiger. So können Autofahrer, Hobbysegler, aber auch Fußgänger in Zukunft ganz exakt ihre Position bestimmen, Ungenauigkeiten durch „Schatten” in Großstadtschluchten oder im Gebirge wie beim GPS sind dann ausgeschlossen. Beispielsweise können auch Menschen, die orientierungslos sind (etwa Alzheimer-Patienten), leicht gefunden werden.

Wirtschaftlicher und sicherer

Der kommerzielle Dienst hat eine noch höhere Genauigkeit. Wenn ein zahlender Kunde durch einen Galileo-Fehler einen Schaden erleidet, wird er vom Galileo-Betreiber dafür entschädigt. Eine Garantie, die das - allerdings kostenlose - GPS nicht bietet.

Die Luftfahrtindustrie ist sehr interessiert daran, die Vielzahl der Systeme, die sie heute einsetzt, durch ein einziges System zu ersetzen und damit wirtschaftlicher und sicherer zu arbeiten. Der Nutzen allein für Luftverkehrsgesellschaften im Zeitraum von 2008 bis 2020 wird auf etwa 15 Milliarden Euro veranschlagt.

2,2 Milliarden Euro

Ähnliche Vorteile werden im Schiffsverkehr erwartet. Zukünftige Systeme im europäischen Straßenverkehr können dazu beitragen, die Zahl der rund 40000 Unfälle mit Todesfolge ebenso zu reduzieren wie die Kosten in Höhe von jeweils rund zwei Prozent des EU-Bruttosozialprodukts, die durch Staus und Unfälle entstehen.

Ein Herzstück Galileos ist der „öffentlich regulierte Dienst”, der mit dem genauesten und zuverlässigsten Galileo-Signal funktionieren wird. Dieses Signal soll den Mitgliedsstaaten zur Verfügung gestellt werden, die damit ihre Dienste wie Feuerwehr, Polizei oder Rettung betreiben können.

140.000 Arbeitsplätze

Nicht zu unterschätzen ist die Bedeutung des Projekts für den Wirtschafts- und Technologiestandort Europa. Galileo kann laut Studien zur Schaffung von mehr als 140.000 Arbeitsplätzen beitragen. Angesichts solcher Möglichkeiten erscheinen die veranschlagten Gesamtkosten von rund 2,2 Milliarden Euro für die Errichtung des Systems, von denen rund 1,5 Milliarden durch die Privatwirtschaft aufgebracht werden sollen, in einem weniger dramatischen Licht.

„Die Kosten betragen etwa zwei Drittel der Kosten der Hochgeschwindigkeitsbahnstrecke zwischen Lüttich, Köln und Frankfurt”, relativiert der Galileo-Prospekt die Zahlen.

Das System soll von privaten Konzessionären betrieben werden und sich durch die kostenpflichtigen Dienste mittelfristig selber finanzieren.