Bjarne Mädel im Interview zu „25 km/h“: „Wir haben uns gegenseitig gepusht“

Bjarne Mädel im Interview zu „25 km/h“ : „Wir haben uns gegenseitig gepusht“

Bjarne Mädel hatte viele Klischees über Lars Eidinger im Kopf. Wie der Dreh zu „25 km/h“ war, erzählt er hier.

Ja, Bjarne Mädel kann auch ernst. Mit den witzigen TV-Serien „Stromberg“, „Mord mit Aussicht“ und „Der Tatortreiniger“ feierte der Schauspieler Erfolge. Aber der Hamburger, der an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam studiert und jahrelang Theater gespielt hat, überzeugte auch in ernsten Kinorollen, etwa im Drama „24 Wochen“ (2016), in dem ein Paar erfährt, dass sein ungeborenes Kind mit dem Down-Syndrom zur Welt kommen wird. Von seinem neuen Roadmovie „25 km/h“ (eine Besprechung lesen Sie auf unserer Kinoseite) erzählt der 50-Jährige Im Gespräch mit André Wesche.

Herr Mädel, wie gestaltete sich die erste Zusammenarbeit mit Ihrem Filmbruder Lars Eidinger?

Bjarne Mädel: Tatsächlich war sie ganz toll. Wir kannten uns vorher noch nicht. Aber aus der Entfernung wusste ich natürlich, wer Lars Eidinger ist. Ich mag sehr, wie direkt er spielt, authentisch und intensiv. Natürlich hatte ich diese Klischees im Kopf: „Lars Eidinger, das Enfant terrible. Der feiert die ganze Nacht und legt Platten auf. Der schläft nie.“ Es war wahnsinnig angenehm, was für ein Teamspieler in Lars steckt. Wir beide hatten zum Beispiel Lust darauf, die Namen des gesamten Teams zu kennen. Gleich am ersten Tag haben wir uns hingesetzt und gemeinsam Namen gepaukt. Am zweiten Tag haben wir alle mit Namen begrüßt, das war der Stimmung sehr zuträglich. Und wir hatten Spaß an dieser Überraschung. Irgendwann fühlte es sich tatsächlich so an, als wären wir Brüder.

Inwiefern?

Mädel: Zum Beispiel in der Konkurrenzsituation. Wenn Lars irgendwas Tolles gemacht hat, dachte ich, dass ich mich jetzt ranhalten und auch etwas Tolles abliefern muss. Das war aber nie negativ. Wir haben uns alles gegönnt und uns gegenseitig gepusht. Wir wollten immer noch intensiver, ehrlicher und direkter sein.

Der Film enthält eine beeindruckende Stepptanzszene. Wie haben Sie dafür trainiert?

Mädel: Ich hatte auf der Schauspielschule drei Wochen lang ein bisschen Steppen. Aber das ist schon eine Weile her. Lars hatte überhaupt keine Erfahrung – sagt er zumindest. Wir haben das beide nicht unbedingt geliebt. Wir hatten auch Tischtennisunterricht. Da waren wir immer sehr pünktlich. Zum Steppen kamen wir auch mal zu spät. Das ist immer Ausdruck davon, dass man nicht so gerne dahingeht. Wir haben uns gequält, und es fühlte sich auch wirklich schlimm an. Wir waren erst beruhigt, als wir die ersten Aufnahmen von der Choreographie gesehen haben. Das hat uns motiviert, weiterzumachen. Wir waren ein bisschen traurig, dass im Film manchmal auf die Füße runtergeschnitten wurde. Da könnte man natürlich annehmen, dass die Füße zu Doubles gehören. Beim Film wird ja so viel gelogen! Aber es sind wirklich immer unsere eigenen.

Inwiefern hat Ihre Liebesszene mit Franka Potente Ihren sexuellen Horizont erweitert?

Mädel: Ja, diese Form der Sexualität war mir bisher fremd. Da hat mich Franka Potente wirklich in ganz neue Welten eingeführt. Ich kannte auch Franka vorher nicht, und sie war eine großartige Bekanntschaft. Da kommt jemand aus Hollywood, der sonst mit Johnny Depp dreht. Da weiß man nicht, was einen erwartet. Mal gucken, wie manieriert das jetzt abläuft. Und das war überhaupt nicht der Fall. Franka bringt zum Drehen überhaupt keine Eitelkeit mit, das macht die Arbeit extrem unkompliziert und angenehm. Man weiß, man hat jetzt diese Sexszene, und sie ist ein bisschen skurril. Und man kommt sich ja wirklich sehr nah, so wie andere Leute höchstens auf Weihnachtsfeiern. Damit muss man erst einmal umgehen. Wir hatten dann gleich die Idee, dass wir in dieses Zimmer hineinkommen und uns wie Teenager eine Ecke im Haus suchen. Das stand so nicht im Drehbuch. Ich war von Franka Potentes Art sofort begeistert. Mit ihr könnte ich sofort schon wieder. Drehen.

Hat die Arbeit Erinnerungen an Ihr erstes eigenes Mofa geweckt?

Mädel: In dem Film holen wir uns das Gefühl von Jugend und Freiheit zurück. Das muss man selbst erlebt haben, um es beschreiben zu können. Wir fuhren nebeneinander auf unseren Mofas. Ohne Helm, die Straßen wurden ja für uns abgesperrt. Man spürt den Wind und denkt, das ist nun unser Beruf. Wir kriegen sogar noch Geld dafür. Und es hat wirklich Erinnerungen an früher wachgerufen, als man mit dem Ding zur Schule gefahren ist. Auch wenn ich eigentlich eine 80er gefahren habe, war dieses Lebensgefühl durchaus ähnlich.

Sie fahren im Film durch Deutschland. Was gab es zu entdecken?

Mädel: Ich war in meinem Leben vorher noch nie im Schwarzwald. Und ich habe festgestellt, dass es dort extrem schöne Ecken gibt. Manchmal saßen wir auf unseren Mofas, haben auf unseren Auftritt gewartet und gedacht, dass es doch eigentlich schön ist, Deutschland auch mal so zu zeigen. Nicht immer nur die kaputten Industrieanlagen. Es ist eigentlich ein ganz schönes Land, in dem wir leben. Da gibt es noch einige Flecken mit frischer Luft.

Haben Sie hin und wieder eskapistische Gedanken?

Mädel: Ich liebe im Moment gerade meinen Beruf und habe das Glück, Sachen machen zu dürfen, die ich interessant finde. Früher hatte ich mal den Gedanken, meinen Reisepass wegzuschmeißen und abzuhauen. Niemand wird mich finden, ich fange noch mal ganz neu an! Das Problem an solchen Ausbruchsfantasien ist, dass man sich selbst ja immer mitnimmt. Man kann nicht jemand völlig anderes sein. Nur als Schauspieler kann ich mich für eine begrenzte Zeit komplett nicht mitnehmen. Deshalb bin ich im Moment sehr glücklich mit dem, was ich machen darf. Im Film geht es darum, die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen und nichts zu bereuen. Es ist meine große Angst, am Ende meines Lebens feststellen zu müssen, dass ich etwas komplett Falsches gelebt und die falschen Abbiegungen genommen habe. Deshalb versuche ich, Sachen zu machen, hinter denen ich stehe und die ich gut finde. Auch im Privatleben mache ich nichts leichtfertig, damit ich später nichts bereue.

Erinnern Sie sich an manche Filmgeschichten, als wären sie Bestandteil Ihres echten Lebens?

Mädel: Wenn ein Projekt toll läuft, dann tatsächlich. Es kommt immer darauf an, was es ist. Beim „Tatortreiniger“ würde ich nicht fühlen, es wirklich erlebt zu haben. Dazu ist es zu skurril. Bei „24 Wochen“ war es so eine intensive Erfahrung, dass ich im Nachhinein das Gefühl habe, Julia Jentsch und ich haben wirklich zusammen etwas durchgemacht und einen Verlust erlitten. Und im Fall von „25 km/h“ habe ich das Gefühl, tatsächlich eine Reise mit Lars Eidinger gemacht zu haben, auf der wir uns sehr nahegekommen sind. Fast wie Brüder. Das ist nicht so dahingesagt, das ist wirklich so.

Hat die Schauspielerei für Sie einen therapeutischen Aspekt?

Mädel: Nicht vordergründig. Ich habe keine Probleme, die ich dadurch ausleben möchte. Es wäre aber doof, jetzt mit „nein“ zu antworten, weil irgendwas daran immer therapeutisch ist. Ich fände es schlimm, wenn das mein Beruf wäre, damit ich meine Macken ausleben oder meine psychischen Defekte kurieren kann. Das steht nicht im Vordergrund. Aber ich glaube schon, dass das etwas mit einem macht. Ich hatte ja schon „24 Wochen“ erwähnt. Wenn man im Film so eine schlimme Erfahrung macht, kann man die nach ein paar Wochen wieder ablegen. Das kann man nicht mit Menschen vergleichen, die ein solches Schicksal ein ganzes Leben mit sich herumtragen müssen. Es wäre anmaßend zu behaupten, dass ich wüsste, was das heißt. Aber ich kann mal auf eine solche Lebenssituation draufblicken, ohne die Verantwortung dafür übernehmen zu müssen. Und das ist sehr reizvoll.

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