Würselen: Wilhelmstein: Rebekka Bakken liebt das Experiment

Würselen: Wilhelmstein: Rebekka Bakken liebt das Experiment

Was für eine Stimme, was für eine Künstlerin! Zwischen den regennassen Mauern der Open-Air-Bühne Burg Wilhelmstein gab es ein Wiedersehen und Wiederhören mit der norwegischen Sängerin und Songwriterin Rebekka Bakken.

Vor zwei Jahren wurde sie hier bereits vom Publikum gefeiert und das „We love you!” rief man ihr auch an diesem Abend wieder entgegen, als sie im bodenlangen, ärmellosen Sommerkleid (zunächst allerdings mit Jeans-Jacke) die Bühne betritt. Wie damals weht ihr langes Haar frei um die Schultern. Wie damals zieht die 1970 in Oslo geborene Künstlerin bald die hochhackigen Sandaletten aus und bewegt sich barfuß über den Holzboden.

Die schöne starke Stimme ist noch stärker, ausdrucksvoller geworden. Rebekka Bakken wirkt weiblicher und in ihren musikalischen Varianten sehr viel mutiger. Bei der Tour „September”, die zugleich das neue Album präsentiert, wird sie von einer Band begleitet, die auffallend druckvoll und selbstbewusst agiert.

Hier fordern Sängerin und Musiker permanent einander heraus, was in jedem Fall gut tut. Beim Konzert auf der Burg gehen allerdings manchmal ein paar kompositorische Feinheiten in der - selbst vom erfahrenen Techniker der Gruppe nicht korrigierbaren - Lautstärke des Schlagzeugs unter.

Das Publikum stört es nicht, im Gegenteil. Diese neue, experimentierfreudige Rebekka Bakken überrascht und begeistert. Charmant überspielt sie kleine Texthänger, freute sich über ihre Zuhörer, die sogar spontan soufflierten.

Eine gereifte Sängerin, deren Songs auf der CD weit zahmer wirken, als beim Liveauftritt. Rebekka Bakken zeigt an diesem von Donnergrollen begleiteten Abend, dass sie mehr kann. Ausgewählt hat sie einen Mix aus älteren und neuen Titeln, die sie leidenschaftlich ausbaut (etwa „Minas dream”).

Wie eine Meerjungfrau wirft sie sich mit fantasievollen Vokalisen in die Wellen ihrer Musik und schwimmt weit hinaus in einen Ozean der Emotionen und Klänge. Manchmal erinnern diese Reisen einer grandiosen Stimme an die Gesänge der schwedischen Samen, eren Schamanen im kunstvollen „Jojken” Naturphänomene lautmalerisch beschwören konnten. „Cover me with snow”, ein Titel, der melancholisch nachschwingt, verändert sich stattdessen bis hin zum rockigen Ausbruch.

Das Spiel mit dem Hall, dem sie konzentriert nachhorcht, und die stets verblüffenden Modulationen ihrer Stimmführung faszinieren. Im nächsten Moment nimmt sie sich still zurück, erzählt in ihren Balladen von Glück, Leid und Sehnsucht. Mal sind die Hände fest um das Mikrofon geschlossen, dann wieder breitet sie die Arme weit aus und nimmt alle mit in ihre Gefühlswelt, durch die immer wieder ein kühler Wind weht. Beim Abschiedslied „No easy way” ist sie zerbrechlich wie feines Porzellan.

Aber sie kann auch frech, provokant und fetzig werden, etwa bei „Driving”, einem sehr jazzigen Titel. Das „böse Mädchen”, das gern mit den „naked boys”, spielt, steht ihr. Ab und zu setzt sie sich selbst ans Klavier und plaudert.

„Jeg hvet en hvile” ist ein Lied aus ihrer norwegischen Heimat, das sie im mädchenhaften Volksliedton beginnt und es zum archaischen, fast extatischen Gesang an die Geister des Landes steigert. Die Sängerin spielt in diesem Konzert gekonnt mit diversen musikalischen Stilrichtungen. Mal gibt es ein paar Country-Kiekser, dann erdigen Blues oder die sanften Rhythmus ihrer Balladen. „Forever Young”, ein gefeierter Alphaville-Titel, ist wie für sie geschaffen, und so covert sie ihn einfach.

Ihren Musikern gesteht Rebekka Bakken mit sichtlichem Vergnügen große Freiheiten zu: Gitarrist Börge Petersson-Overleigh, ein Könner, formt aus Grundmelodien der Titel eigenständige, lange Soli. Mathias Leber zeigt pianistische Virtuosität an Keyboards und Klavier, Lars Danielsson, der eher zurückgenommen für den guten Grundton sorgt, kommt mit seinem Bass schließlich gleichfalls zum Zuge und Rune Arnessen bearbeitet intensiv sein Schlagzeug. Rebekka Bakken schafft es mit ihrer Drei-Oktaven-Stimme, selbst bei größtem Schallpegel all ihre Musiker nahezu mühelos zu übertönen und musikalisches Feuer zu entfachen.

Als Schmankerl zum Abschluss gibt es wieder das liebenswerte österreichische Lied „Und der Schnee draußen schmilzt”, das bereits 2010 die Menschen rührte. Diesmal ist es sogar eine Hommage an den Ende 2011 gestorbenen Liedermacher Ludwig Hirsch.

Sanft und gar nicht mehr so laut: Mit „Ghost in this house” klingt der Abend aus. Arm in Arm verabschieden sich Rebekka Baken und ihre Musiker vom heftig applaudierenden Burg-Publikum.