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Aachen: Wilde Zeiten in Aachen leben wieder auf

Aachen : Wilde Zeiten in Aachen leben wieder auf

Gammler lassen sich am Elisenbrunnen von der Sonne bescheinen, „antiautoritär“ ist das Schlagwort des Tages, ein gewisser Wolf Vostell stellt in der Aachener Neuen Galerie einen Sandkasten mit Erde aus dem Hürtgenwald auf und lädt die Besucher dazu ein, darin herumzugraben — der Spaten stößt auf Hartes, und das Stöhnen toter Soldaten ertönt.

Peter Ludwig hat mit seiner Ausstellung „Zeitspiegel — Provokation — Kunst“ im Suermondt-Museum mal eben die Kunstwelt zugleich verstört und fasziniert. Und zwei Jahre später, am 19. Dezember 1970, gibt die gerade frisch gegründete Düsseldorfer Band Kraftwerk in eben jener Neuen Galerie ein Konzert zu Ehren des 200. Geburtstags von Ludwig van Beethoven — eine, sagen wir, sehr eigenwillige und für die Zeit hyperexperimentell-elektronische Bearbeitung des Streichquartetts Nr. 15 a-Moll, op. 132. Anderthalb Stunden lang.

Das waren noch Zeiten! Als die Jugend auf die Barrikaden ging, und Kunst wie Musik ein neues Zeitalter einläuteten — zumal in Aachen. Ein auf fünf Jahre angelegtes Forschungsprojekt am Ludwig Forum will die Aachener Beiträge zur internationalen Kunstentwicklung und -geschichte seit den 60ern gründlich aufarbeiten. Titel: „Plattform Aachen“. Förderer: das Land NRW und die Sparkassen-Stiftung. Damit verbunden sind geplante Ausstellungen, eine gedruckte Doku-Publikation und am Donnerstag (19 Uhr) zum Auftakt ein wissenschaftlich künstlerisch perfomanceartig einführender Misch-Abend unter dem Motto „Kritische Diskothek“. Dazu gehört auch eine Rekonstruktion des damaligen Konzerts von Kraftwerk durch den Kölner Komponisten Volker Zander. Das Projekt knüpft an die Ausstellung von 2011/12 an: „Nie wieder störungsfrei! Aachen Avantgarde seit 1964“.

„Kritische Diskothek“ — den Begriff hat Wolfgang Becker Anfang der 80er geprägt, der Motor der Aachener Avantgarde-Bewegung und damalige Leiter der Neuen Galerie — Sammlung Ludwig und Gründungsdirektor des Nachfolge-Instituts Ludwig Forum. 1983/84 ließ er unter diesem Titel Künstler und Musikerinnen wie Klaus Endrikat und Ina Deter ihre eigenen Plattensammlungen vorstellen — eine Kultveranstaltung in der Neuen Galerie.

Dies alles und noch viel mehr spüren die Projektleiter Lene ter Haar und Benjamin Dodenhoff sowie der wissenschaftliche Mitarbeiter Nicodemus Schulz bei der Sichtung aller möglicher Folianten wieder auf.
Als erstklassige Quelle erweist sich dabei das Archiv von Wolfgang Richter, dem langjährigen Feuilleton-Chef der „Aachener Volkszeitung“, der 2010 im Alter von 84 Jahren gestorben ist. Seine Dokumente vermachte er dem Ludwig Forum — ein absoluter Glücksfall: Allein mehr als 80 Ordner umfasst die zusammengetragene Artikel- und Schriftensammlung über Künstler aus unserer Region, gar nicht zu reden von unzähligen Veröffentlichungen und Aufsätzen über Ausstellungen, Museen, Theatern und was auch immer — in der vordigitalen Zeit erstaunlich systematisch aufbereitet. „Da ist die ganze Entwicklung quasi in Echtzeit nachzuverfolgen“, sagt Projektleiterin Lene ter Haar.

Auch die überaus kunstfreundliche Parteinahme der Aachener Presse zu jenen wilden Zeiten ist dabei offenbar geworden: Aus den gesammelten Korrespondenzen Wolfgang Richters ist laut ter Haar und Dodenhoff deutlich ersichtlich, dass die hiesigen Künstler gerne den Feuilletonchef erfolgreich vorab ins Boot geholt hatten, wenn wieder einmal ein Skandal anstand.

Für 2015 sind bereits zwei Ausstellungen der „Plattform Aachen“ fest eingeplant: eine über den Aachener Künstler Peter Lacroix (1924-2010), zeit seines Lebens ein unermüdlicher Impresario der hiesigen Szene (1. Februar bis 19. April 2015), sowie über den Fotografie-Professor und Kunstsammler Wilhelm Schürmann (ab 22. März 2015), der zusammen mit Rudolf Kicken in Aachen die erste Fotogalerie in Deutschland überhaupt gründete — erst in einem ehemaligen Kinderzimmer in der Nähe des Aachener Doms, später in den Nebenräumen einer Buchhandlung, die „Galerie Lichttropfen“. Pioniere der Kunstwelt eben.
An diese Zeit erinnert der heutige Abend der „Kritischen Diskothek“ im Ludwig Forum mit drei Programmpunkten: Der belgische Wissenschaftler Koen Brams präsentiert die Brüsseler Künstlerzeitschrift „Schède“, die in den 70er Jahren in Aachen kursierte und als Beleg für die internationale Vernetzung der hiesigen Szene gilt.

Seine Masterarbeit schreibt der junge Berliner Künstler Adrian Schindler über das legendäre Ausstellungsprojekt „Commemor“ des französischen Fluxuskünstlers Robert Filliou, der 1970 in Aachen den Vorschlag machte, europäische Kriegerdenkmäler über die Grenzen hinweg auszutauschen. Schindler wird über seine Forschungen berichten und „Acht fiktive Vorschläge zur Migration eines Monuments“ zur Diskussion stellen.

Der Kölner Komponist und Autor Volker Zander wird das Kraftwerk-Konzert in einer „performanceähnlichen Veranstaltung“ (Brigitte Franzen) rekonstruieren, von der man sich überraschen lassen sollte. Zander wird, so verspricht das Ludwig Forum, „auf Basis neuester Recherchen im Archiv der Plattform den Versuch unternehmen, diesen Abend wieder aufleben zu lassen“.

Bemerkenswert der letzte Satz des Berichts vom Originalkonzert am 21. Dezember 1970 in den „Aachener Nachrichten“: „Unverständlich bleibt auch, wieso die Stadt Aachen als Träger der Neuen Galerie zu einer Veranstaltung, zu der naturgemäß fast ausschließlich junge Leute zu erwarten waren (die auch sehr zahlreich kamen), einen Eintrittspreis von drei Mark erheben mußte.“ Der Eintritt zur Veranstaltung entspricht dem Museumseintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro. Geht doch eigentlich.