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Arlon: Wie Marc Dutroux seine Opfer „hörig” machte

Arlon : Wie Marc Dutroux seine Opfer „hörig” machte

Fast neun Jahre nach dem Verschwinden von Julie Lejeune und Melissa Russo lässt sich immer noch nicht mit Bestimmtheit sagen, wo genau und vor allem durch wen die beiden Mädchen aus Grâce-Hollogne am 24. Juni 1995 entführt wurden.

Vor dem Schwurgericht in Arlon musste Chef-Ermittler Jacques Langlois am Dienstag einräumen, dass im Fall Julie und Melissa viele Fragen offen seien.

Dutroux will mit der Entführung der zwei Kinder nichts zu tun gehabt haben. Er behauptet, Bernard Weinstein und Michel Lelièvre hätten die Mädchen gekidnappt. Weinstein ist tot, kann also dazu nichts sagen, und Lelièvre bestreitet, an der Verschleppung beteiligt gewesen zu sein.
Nach Angaben von Michelle Martin, die ehemalige Lebensgefährtin von Dutroux, waren Weinstein und Dutroux die Täter. Dutroux sei sogar verärgert gewesen, weil die beiden entführten Mädchen für seinen Geschmack zu klein und unreif gewesen seien, was er zunächst wegen der gebotenen Eile nicht bemerkt habe.

Spontaner Entschluss

Untersuchungsrichter Langlois geht davon aus, dass die Entführung nicht geplant, sondern aus einem spontanen Entschluss heraus erfolgte. Laut Langlois spricht vieles dafür, dass sich am 24. Juni 1995 in Grâce-Hollogne nahe der Autobahn Lüttich-Namur die Dinge folgendermaßen zugetragen haben: Julie und Melissa baten Carine Russo, die Mutter von Melissa, um Erlaubnis, zu der in der Nähe gelegenen Autobahnbrücke gehen zu dürfen, um sich die Autos anzuschauen.

Erst sagte Frau Russo Nein, beim zweiten Mal jedoch gab sie nach. Gegen 17 Uhr verließen die Mädchen das Haus und begaben sich in Richtung Autobahn. Julie und Melissa wurden noch von zwei Spaziergängern gesehen, und „Frau H.”, eine Anwohnerin, will beobachtet haben, wie die Kinder in ein Auto stiegen, dessen Tür von einem dunkelhaarigen Mann geöffnet wurde.

Julie und Melissa wurden danach nicht mehr lebend gesehen. Sie verhungerten in einem Kellerverlies im Haus von Marc Dutroux in Marcinelle bei Charleroi. Ihre Leichen wurden am 17. August 1996 in Sars-la-Buissière zusammen mit der von Bernard Weinstein gefunden.

Nachstellung ergab keine neuen Erkenntnisse

Die am 27. Juni 2000 vorgenommene Nachstellung der Entführung der zwei Mädchen, die am Dienstag vor Gericht von Langlois in Form einer Zusammenfassung gezeigt wurde, ergab keine neuen Erkenntnisse, was Ort und Hergang der Tat vom 24. Juni 1995 betrifft. Langlois bestätigte am Dienstag, dass es zwischen ihm und Staatsanwalt Michel Bourlet, der in Arlon als Ankläger fungiert, schon seit langem diesbezüglich Streit gebe.

Bourlet geht davon aus, dass die beiden Mädchen nicht dort entführt wurden, wo Langlois vermutet, sondern ein Stück weiter, auf der Autobahnbrücke oder sogar entlang der Autobahn. Die Mädchen hätten das Haus nämlich nicht gegen 17 Uhr verlassen, sondern gut zehn Minuten früher, so Bourlets Darstellung. Von daher sei gut möglich, dass nicht Julie und Melissa, sondern zwei andere Kinder in ein Auto stiegen und dabei von der Anwohnerin „Frau H.” beobachtet wurden.

Verhalten nach der Verhaftung

Später kam Untersuchungsrichter Langlois auf die Bedingungen zu sprechen, unter denen Julie und Melissa in dem Versteck von Dutroux in Marcinelle gefangen gehalten wurden. Dabei beleuchtete er insbesondere das Verhalten von Michelle Martin nach der Verhaftung von Dutroux am 6. Dezember 1995. Laut Langlois begab sich Martin mehrere Male in den Keller. Einmal habe sie die beiden Mädchen lachen gehört, doch als sie sich Mitte Januar 1996 zum einzigen Mal dazu entschloss, ihnen Lebensmittel und Wasser zu bringen, habe sie nichts gehört.

Laut Langlois hat Martin den Ermittlern gesagt, sie habe sich dermaßen gefürchtet, „dass sie die Kellertreppe auf allen vieren rückwärts hinabstieg, um möglichst schnell wieder nach oben zu kommen”. Julie und Melissa bekamen in der Zeit danach von Martin nichts mehr zu essen. Wohl aber fütterte sie die Schäferhunde.

„Konditioniert”

Chef-Ermittler Langlois ist der Meinung, dass Julie und Melissa frühzeitig von Dutroux „konditioniert” wurden und gewissermaßen darauf getrimmt waren, nicht zu reagieren, wenn sich jemand dem Versteck näherte. Dies sei auch der Grund dafür, dass sie keinen Laut von sich gaben, als Michelle Martin im Januar 1996 die schwere Tür zum Verlies geöffnet habe, um ihnen Lebensmittel und Wasser zu bringen.

Auch Sabine Dardenne und Laetitia Delhez seien Dutroux hörig gewesen, sagte Langlois. Immerhin seien Sabine und Laetitia am Tag ihrer Befreiung am 15. August 1996 erst bereit gewesen, das Versteck in Marcinelle zu verlassen, nachdem ihnen Dutroux dazu die Erlaubnis erteilt hätte. Die beiden Entführten hätten Dutroux sogar umarmt und sich bei ihm bedankt.