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Wie flexibel arbeiten die Nachbarn?

Wie flexibel arbeiten die Nachbarn?

Heerlen (an-o) - Die Niederlande machen es vor: Dank flexibler Arbeitszeitregelungen können Frauen hier Familie und Karriere besser vereinbaren als in Deutschland, wo der Begriff "Teilzeit" vielen als Unwort gilt. Ein Projekt mit dem Titel "Euro-Mobilzeit" soll verschiedene euregionale Modelle unter die Lupe nehmen.

"Wir wollen in erster Linie untersuchen, inwiefern die niederländischen und belgischen Modelle auf Deutschland übertragbar sind", erklärte Projektinitiatorin Nina Mika-Helfmeier, Leiterin der Stabsstelle Forschung und Gleichstellung des Kreises Aachen, zum Auftakt von "Euro-Mobilzeit" im niederländischen Hoensbroek bei Heerlen. Rund 40 Vertreter aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung diskutierten hier gestern über die Chancen neuer Teilzeitmodelle für die Grenzregion. Im Laufe der kommenden drei Jahre soll das Projekt zunächst einen Überblick über die verschiedenen europäischen Arbeitszeitmodelle erbringen. "Für ausgesuchte Unternehmen der Region wollen wir danach praxisbezogene neue Arbeitszeitmodelle ausarbeiten und umsetzen", so Mika-Helfmeier.

Die Niederlande gelten seit langem als Vorreiter in Sachen flexibler Arbeitszeitmodelle. "Als flexibel bezeichnen wir generell das Arbeiten zu unregelmäßigen Zeiten", erläutert Lei Delsen, Dozent an der Katholischen Universität Nijmegen, die das Projekt gemeinsam mit der RWTH Aachen und den Universitäten von Lüttich, Maastricht und Heerlen wissenschaftlich begleitet. Neben traditionellen Arbeitszeitmodellen wie Gleitzeit oder Schicht- und Nachtarbeit kennen die Niederländer auch die Möglichkeit flexibler Jahresarbeitsverträge.

Diese räumen den Tarifpartnern eine größere Rolle bei der Festlegung von Arbeits- und Ruhezeiten ein. Laut Delsen ist die Zahl der Arbeitnehmer, die verschiedene Arbeitszeitmodelle nutzen, in den vergangenen zehn Jahren auf 64 Prozent (plus zehn Prozent) gestiegen. Für Arbeitnehmer wie -geber hat dies nach Ansicht von Projektleiterin Jessica Lerche, Kreis Aachen, viele Vorteile: "Arbeitnehmer können Familie und Beruf besser vereinbaren, weil sie über ihre Arbeitszeit teilweise selbst entscheiden." Gleichzeitig würden Arbeitgeber durch die Vermeidung von Überstundenzuschlägen entlastet, und profitierten zudem von gesteigerter Bindung und Motivation ihrer Mitarbeiter.

Wichtig seien neue Arbeitszeitmodelle auch für den angespannten Arbeitsmarkt in der Grenzregion. "Wir haben viel zu wenig qualifizierte Teilzeit-Arbeitsplätze. Praxisorientierte Modelle können bei der Schaffung neuer Jobs eine wichtige Hilfe sein", so die Projektinitiatorin Mika-Helfmeier. Dies hofft auch Regierungspräsident Jürgen Roters, zugleich Vorsitzender der Euregio Maas-Rhein: "Wir brauchen flexible Arbeitsverträge, um dauerhaft konkurrenzfähig bleiben zu können." Es gelte nun, endlich von den europäischen Nachbarn zu lernen: "Die Region insgesamt würde von einer europäischen Harmonisierung profitieren."