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Aachen: „Wie ein psychedelischer Tanzbär”

Aachen : „Wie ein psychedelischer Tanzbär”

Bricht der wegen fünffachen Mordes angeklagte Egidius Sch. endlich sein Schweigen? Immer wieder stellten sich Angehörige der ermordeten Frauen und Zuschauer die Frage, wann der Mann auf der Anklagebank endlich etwas sagt.

Jetzt scheint der kommende Donnerstag (15. Mai) zu der Hoffnung Anlass zu geben, dass das Verfahren um die sogenannten Anhalter-Morde zwischen 1983 und 1990 in der Aachener Region jedenfalls teilweise von der Last der Ungewissheit befreit werden wird. Verteidiger Rainer Dietz jedenfalls kündigte für den nächsten Verhandlungstag - es wäre inzwischen der 9. Tag - an, eine Erklärung seines Mandanten zu verlesen.

Egidius Sch. sei sogar bereit, auf Nachfragen zu antworten, hieß es am Ende des gestrigen Prozesstages. Eine faustdicke Überraschung also in einem Verfahren, zu dessen bizarren Wendungen eine neue hinzugefügt werden könnte.

Ins diffuse Gesamtbild des Prozesses passen die gestrigen Aussagen zweier Zeuginnen, die im Jahr 1983 gemeinsam mit Opfer Nr. 1, der damals 18-jährigen Marion G., regelmäßig in die Disco „Dschungel” in Richterich gingen und ihrer Tanzleidenschaft frönten.

„Es war ein Donnerstag, an dem ich die Marion zum letzten mal dort sah”, erinnerte sich die heute 42-jährige Daniela S.. „Sicher?”, fragte Richter Gerd Nohl. Sicher, es war der Donnerstag, denn das war 1983 der ultimative „Dschungel”-Tag, samstags etwa ging man eher in die „Rockfabrik” in Übach.

Beide kannten sich aus einer weitläufigen Clique, alle waren zutiefst erschütterte, als sie aus der Presse von dem Mord erfuhren - schließlich hätte es beinahe jede treffen können.

„Uns fiel damals einer auf. Der war etwas älter, tanzte komisch, wackelte so psychedelisch mit dem Kopf. Sie nannten ihn „den Tanzbär” und ekelten sich vor seiner komischen Erscheinung auf der Tanzfläche. „Schauen sie doch mal nach links, ist er das?” fragt der Vorsitzende Richter Nohl.

„Ja, das ist er”, meinte die Zeugin und erlag hoffentlich dabei nicht tiefsitzenden populistischen Hassgefühlen. Aber: Eine zweite Dschungel-Besucherin, heute 46 Jahre alt, hatte den Angeklagten in aktuellen Presseveröffentlichungen als „den Tanzbär” wiedererkannt. Sollte sich das bewahrheiten, lauerte der ehemalige Krankenpfleger damals gezielt seinen Opfern auf.

Etwa zwei Stunden lang berichtete die einstige LKA-Gutachterin, Regierungsdirektorin a.D. Dr. Dagmar Neubert-Kirfel (66), über den Verfahrensstand in den 80ern. Es gab „diffuse Spurenlagen”, erklärte sie, Dinge also, die kriminalistisch nicht zusammenpassten und auch nicht auf einen Zusammenhang zwischen den Frauenmorden verwiesen.

In einer Sache aber konnte sie weiterhelfen: Das am dritten Opfer, Angelika S., gefundene fremde Schamhaar kann durchaus vom heutigen Angeklagten stammen. Bisher war man davon ausgegangen, dass es sich um eine andere Blutgruppe als die seine handelte. Jetzt gilt die Blutgruppe des 51-Jährigen nach einem Blick in die Altakten als nicht mehr ausgeschlossen.