Aachen: Wer wird Aachens neuer Generalmusikdirektor?

Aachen : Wer wird Aachens neuer Generalmusikdirektor?

Mit dem Opern-Dirigat des Schweden Per-Otto Johansson wurde die Kandidaten-Kür für das Amt des neuen Aachener Generalmusikdirektors abgeschlossen. In der kommenden Woche wird sich die Findungskommission zusammensetzen und dann auch bald ihre Entscheidung verkünden.

Wenn keine Schwierigkeiten bei den sich anschließenden Vertragsverhandlungen entstehen, dürfte der Zustimmung des zuständigen Ausschusses sowie des Stadtrates nichts mehr im Wege stehen. Für den 1. August dürfen wir uns auf einen neuen Generalmusikdirektor freuen.

Dass sie ihr Handwerk verstehen, dass sie mit einem Orchester umgehen können, dass sie alle imstande sind, auch unter zeitlich knappen, aber realistischen Bedingungen eine anspruchsvolle Oper ordentlich über die Bühne zu bringen, haben alle drei Bewerber bei den sinfonischen Konzerten und den Operndirigaten bewiesen. Dass sie sich unter 80 mit teilweise ebenfalls guter Reputation aufwartenden Bewerbern durchsetzen konnten, spricht dafür, dass die Entscheidung knapp ausfallen kann.

Hohe Anforderungen

Auch wenn sich die Mitglieder der Findungskommission durch Gespräche und Einblicke in die Probenarbeit ein differenzierteres Bild von den Persönlichkeiten und ihren Intentionen machen konnten als der normale Konzert- und Opernbesucher, sind die Entscheidungsträger nicht zu beneiden. Immerhin geht es um nichts weniger als darum, die hohe Qualität des städtischen Musiklebens und die damit verbundene Akzeptanz durch das Publikum zu bewahren und nach Möglichkeit noch zu steigern. Da sind nicht nur handwerkliche musikalische Kompetenzen eines Kapellmeisters und Dirigenten gefragt, sondern auch Fähigkeiten im Umgang mit Musikern, Sängern, der Theaterleitung, städtischen Gremien und nicht zuletzt dem Publikum. Kommunikationskompetenzen dürften nach den Umständen der Nicht-Vertragsverlängerung mit Kazem Abdullah bei der anstehenden Wahl einen höheren Stellenwert einnehmen als in der Vergangenheit.

Dass wir es bei den Finalisten mit Dirigenten aus Amerika, England und Schweden zu tun haben, könnte auf den ersten Blick zu sprachlichen Problemen führen, die schon die Arbeit Abdullahs erschwert haben. Allerdings wirken, abgesehen von dem Schweden Per-Otto Johansson, alle Kandidaten seit Jahren erfolgreich mit deutschen Orchestern und Opernhäusern zusammen: Der Engländer Christopher Ward unter anderem als Assistent von Simon Rattle bei den Berliner Philharmonikern und als Kapellmeister am Staatstheater Saarbrücken und der Amerikaner Ido Arad unter anderem als Kapellmeister an der Deutschen Oper Berlin. Lediglich Per-Otto Johansson machte sich in Deutschland bisher rar und wirkte vor allem in Skandinavien und ab und zu in den Niederlanden.

Wie es sich gehört, hüllen sich die Mitglieder der Findungskommission und des Orchesters in Schweigen, wenn es um Fragen nach ihren Favoriten geht. Bei aller Diskretion lässt sich freilich heraushören, dass bei der Abwägung der Stärken und Schwächen der Bewerber die Würfel weder bei der Findungskommission noch beim Orchester eindeutig gefallen sind. Es besteht nach wie vor intensiver Gesprächs- und Beratungsbedarf, bevor die Entscheidung getroffen werden kann.

Nun also hob Per-Otto Johansson den Taktstock zu Janáeks „Katia Kabanova“. Den Sängern ließ er nicht immer den rechten Freiraum zum Atmen, andererseits hielt er das Orchester auch in dynamischen Extrembereichen von allen Kandidaten am wirksamsten soweit zurück, dass die Sänger nicht dauerhaft gegen eine klingende Betonmauer ankämpfen mussten.

Als ein Aussetzer im Ensemble zu einem kurzen Stillstand führte, erwies sich Johansson als souveräner Pannenhelfer, der das Schiff rasch wieder in Fahrt bringen konnte. Johansson war auch der Kandidat, der bei den sinfonischen Dirigaten mit den akustischen Tücken des Eurogress‘ am Besten zurecht gekommen ist, so dass sein Feingefühl für leuchtende Klangfarben und klangliche Transparenz auch in einem groß besetzten Werk wie den „Sinfonischen Tänzen“ Rachmaninows zur Geltung kommen konnte. Kompetenzen, die sich im Umgang mit dem Orchester deutlicher niederschlagen als in der Behandlung der Sänger.

Ido Arad leitete die Entscheidungsrunden bereits im Oktober mit einer außergewöhnlich filigran ausgefeilten „Pastorale“ von Beethoven ein. Elementare Voraussetzungen für eine gelungene Interpretation wie Tonbildung, Phrasierung, formale Übersicht und klangliche Transparenz erfüllte der Amerikaner mit beeindruckender Souveränität. Allerdings zeigten sich in dichter instrumentierten Werken Probleme mit der Klangorganisation. Da schlugen die bekannten Balanceprobleme zwischen Streichern und Bläsern voll zu Buche, was auch sein Opern-Dirigat beeinflusste. Hier legte er Wert auf scharfe dynamische Kontraste, auf die die Sänger an den Höhepunkten nur mit Volldampf reagieren konnten, was weder dem Werk noch den Stimmen besonders gut bekommt.

Kein leichter Vergleich

Die Einschätzung des Engländers Christopher Ward fällt aus der Sicht des schlichten Besuchers besonders schwer, da er im „Weihnachtskonzert“ einige Ausschnitte aus Tschaikowskys „Nussknacker“ zwar klangschön und schwungvoll zu Gehör brachte, aber keine Gelegenheit hatte, sich mit einem größer dimensionierten Werk zu befassen. Inwieweit er einen komplexen Satz gliedern, formen und zusammenhalten kann, davon erfuhren wir in dem Programm nichts. Und sein Opern-Dirigat ließ aus der Perspektive eines Theaterbesuchers nur marginale Unterschiede zu dem Arads erkennen.

So verständlich es ist, die Besucher der drei Sonderkonzerte nicht mit identischen Programmen abschrecken zu wollen: Die extreme Buntscheckigkeit der Werkfolgen erleichtert den direkten Vergleich der Kandidaten nicht gerade. Ein einziges aussagekräftiges Werk, etwa eine Haydn-Symphonie, hätte man schon gern von allen Dreien hören wollen.

Die Stärken und Schwächen der Kandidaten halten sich, mit unterschiedlichen Akzenten, soweit im Gleichgewicht, dass für die Entscheidung auch Aspekte der Persönlichkeit in die Waagschale geworfen werden müssen, die sich dem Konzert- und Opernbesucher entziehen. Die Spannung vor der Entscheidung steigt.