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Ex-Kunsthändler liest in Heinsberg: „Wer einmal lügt, dem traut man nicht“

Ex-Kunsthändler liest in Heinsberg : „Wer einmal lügt, dem traut man nicht“

Als Kunstberater brachte Helge Achenbach Kunden um Millionen. Bei seiner Lesung in Heinsberg gibt er sich geläutert.

Es war eine kurzfristige Einladung und eine, für die sich Pfarrer Sebastian Walde seit der Ankündigung vor zwei Wochen mehrfach rechtfertigen musste. Warum er denn so einen einlade, sei er gefragt worden. Einen, der in mindestens 18 Fällen Menschen, die ihn als Freund betrachteten, um Millionen betrogen hat – wohl größtenteils, um sich selbst einen extravaganten Lebensstil mit Oldtimern, Reisen, Feiern und seinen Ruf der Großzügigkeit zu finanzieren.

Entstanden ist die Lesung in der Evangelischen Christuskirche in der Heinsberger Innenstadt tatsächlich durch einen Zufall: Weil Achenbachs Verein „Kunst ohne Grenzen“ das Heinsberger Gästehaus Villa Glanzstoff bei der Auswahl von Bildern und Skulpturen berät, bot sich die Gelegenheit, den Neu-Autoren einzuladen. Die Auseinandersetzung mit Schuld und Sühne passe hervorragend in die Kirche, ist Pfarrer Walde überzeugt. Für ihn steckt eine wichtige Entdeckung in Achenbachs Autobiografie: „Auch dann, wenn wir uns selbst zerstören, bleibt etwas übrig, das nicht zerstörbar ist.“

Der Weg in die High Society

Die Kirche habe sein Leben in den vergangenen Jahren stark geprägt, stimmt Achenbach ein, als er das Mikro in riesigen Händen vor seinem beachtlichen Bauch hält. Er plaudert zunächst, erzählt von seinen ersten großen Aufträgen als Kunstberater, betreibt – wie auch im Buch immer wieder – ausgiebiges Name-dropping.

Ein guter Ort, um über Sühne zu sprechen: Helge Achenbach (links) und Pfarrer Sebastian Walde in der Heinsberger Christuskirche. Foto: Zva/Anna Petra Thomas

Achenbach, aufgewachsen im Siegerland und in Düsseldorf, studierte Sozialpädagogik, fühlte sich aber schon immer im Umfeld der Düsseldorfer Kunstakademie wohler. Er begann, Freunden wie Gerhard Richter und Günther Uecker dabei zu helfen, ihre Kunst auszustellen und zu verkaufen. Er wurde zum Galeristen, erfand dann den in Deutschland bis dato unbekannten Beruf des „Art Consultant“ und stieg in die High Society der Kunstszene auf. Er beriet Großunternehmen, Versicherungen und Milliardäre bei deren Kunsteinkäufen.

Dann brachte er Kunden wie den Aldi-Erben Berthold Albrecht um Millionen und landete im Knast. Im Juni 2018 wurde er vorzeitig auf Bewährung entlassen und versucht seitdem, sich sein Leben zurückzuerobern – unter anderem mit seiner Autobiografie „Selbstzerstörung – Bekenntnisse eines Kunsthändlers“ (Riva, 240 Seiten, 19,99 Euro). Er gibt sich dabei als Geläuterter, der von nun an auf Transparenz setzt. „Wahrhaftigkeit“ sei, worauf es ankomme und auch er wolle fortan wahrhaftig sein, betont der 67-Jährige immer wieder. Ob man ihm das abkauft, muss auch bei seiner Lesung in der Evangelischen Christuskirche in Heinsberg jeder für sich entscheiden.

Achenbach erzählt von einer Netflix-Serie über sein Leben, die „ziemlich sicher“ in der Planung sei. Von Justizvollzugsbeamten, die ihn verspotteten, als er in Untersuchungshaft kam. Wirft horrende Beträge in den Raum, die einst von ihm vermittelte Werke heute Wert sein sollen und bei denen Laien die Ohren klingeln. Achenbach habe immer ein Gespür dafür gehabt, wie sich der Marktwert von Kunst entwickelt, sagt ein alter Freund, der zur Lesung in Heinsberg gekommen ist.

Als er nach einer halben Stunde beginnt, aus seinem Buch zu lesen, leitet er ein mit den Worten: „Irgendwann gab es mal eine Geschichte, die war wirklich so, wie ich sie jetzt erzähle.“ Etwas, das man wahrscheinlich nur sagt, wenn man sich daran gewöhnt hat, sich ständig rechtfertigen zu müssen. So viel sei ja auch gar nicht übrig geblieben von dem Geld, dass er sich ergaunert habe, erzählt Achenbach später, „weil ich so großzügig war“.

Macht es einen Unterschied, wenn ein Betrüger nur Superreiche betrügt, denen der Verlust keinen existenziellen Schaden zufügt? Und das Geld anschließend neben dem eigenen Vergnügen und dem des Freundeskreises auch in Kunstprojekte und Künstlerunterstützung investiert? Achenbach selbst sagt heute, dass ihn irgendwann der Größenwahn gepackt hat. Selbst nach der knappen Abwendung einer Insolvenz habe er weitergelebt nach dem Prinzip „Was kostet die Welt“.

„Ich habe mit der Zeit meinen inneren Kompass verloren“, sagt er, er habe nicht mehr gewusst, was recht, was schlecht, was Anstand ist. Was das „törichte“ und „wahnsinnige“, das er tat, für ihn bedeutete, habe er erst verstanden, als er Jahre später festgenommen wurde. Trotzdem findet er, dass er inzwischen eine zweite Chance verdient hat. „Ich habe schließlich keinen ermordet“, sagt er. Außerdem: Eigene Margen ohne Wissen des Kunden aufzustocken, sei im Kunstgeschäft „normal“ gewesen. Dass bei einem Auftrag mit Aldi-Familie Albrecht eine höhere Marge als die von Berthold Albrecht veranschlagten fünf Prozent abgesprochen gewesen sei, daran konnte sich Babette Albrecht im Prozess nicht erinnern. „Wer einmal lügt, dem traut man nicht“, sagt Achenbach heute dazu.

Neben der „wachsenden Erfahrung, dass es im Kunstgeschäft eben so läuft“, spielte für den Kunstberater noch etwas eine Rolle: Endlich die Anerkennung zu bekommen, die ihm die Eltern – und vor allem die Mutter – verweigert hatten. Zumindest wohlwollendes Interesse kann Achenbach sich in der Christuskirche abholen. Rund 80 Zuhörer sind da, die meisten kommen Pfarrer Walde und den Kennzeichen auf dem Parkplatz zufolge aus dem Kreis Heinsberg. Für die meisten scheint das, was der Kunsthändler mit eingestreuten Witzchen und Dialekt-Einlagen aus seinem bewegten Leben zu erzählen hat mehr zu wiegen als die Kontroverse, die seine Person mit sich bringt.

Achenbachs Autobiografie ist – trotz lesenswerter Anekdoten und Einblicken in den Kunstmarkt – derweil ein 240-Seiten-Werk, bei dem man sich mehr als einmal denkt, dass einem die Memoiren auch auf halber Länge ausgereicht hätten. Achenbach wiederholt sich, besonders, wenn es um die Darstellung seiner Person geht – am wohlsten hat er sich immer zwischen den coolen Kunststudenten gefühlt, der freien Liebe und der Feierei frönte er, hat aber nie Drogen genommen und, offenbar besonders wichtig, seit dem „Testosteroneinschuss“ in seiner Jugend sind hübsche Frauen seine größte Schwäche.

„Wie Hans im Glück“

Für Achenbach ist nach seiner „Selbstzerstörung“ nur wenig übrig geblieben, was nicht zerstörbar ist. Er fährt Zug statt Oldtimer, versucht, wieder als Kunstberater zu arbeiten, ist dabei aber auf das Wohlwollen und die Finanzen anderer angewiesen. Er verkauft es als Katharsis: Es habe sich herausgestellt, wer die echten Freunde sind. Er könne nun „vieles Verlorene wiederentdecken“, die kleinen, einfachen Freuden. Er hat wieder eine Freundin, eine 36-jährige Malerin, die während seiner Erzählungen in der Christuskirche die Diashow durchklickt. Am Niederrhein betreibt er auf einem Bauernhof einen Verein für vertriebene Künstler. „Ich fühle mich wie Hans im Glück“, sagt Achenbach. Der startet im Grimm’schen Märchen mit einem Klumpen Gold und tauscht sein Gut immer weiter ein, bis er nur noch Feldsteine hat. Die fallen ihm schließlich in einen Brunnen, und er ist von aller Last befreit.

Ganz ohne Materielles geht es dann aber doch nicht. „Ich würde mich freuen, wenn ein paar Bücher verkauft würden“, sagt Achenbach am Ende der Lesung. Die meisten Zuhörer stellen sich am Büchertisch an, bevor sie die Kirche verlassen.