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Aachen: Wenn ein Polizist die Seite wechselt

Aachen : Wenn ein Polizist die Seite wechselt

Dass Gesetzeshüter eigentlich dazu da sind, ein wachsames Auge auf die Einhaltung von Recht und Ordnung zu werfen, ist der Normalfall. Dass auch sie mal daneben treten können, sollte nicht sein, passiert aber schon mal - aus den verschiedensten Gründen.

So war im Urlaub eine Radtour von Aachen zum Bodensee angegangen worden. Zusammen mit dem ebenso radfahrbegeisterten Kumpel hatte man sich mit Gepäck auf den Weg gemacht. Kondition, Laune und auch das Wetter, alles passte - zunächst. Bis sich nach vier Tagen im
süddeutschen Nördlingen der Himmel öffnete. Um nicht in Radfahrkreisen gleich als Warmduscher zu gelten, sollten Zugfahrten möglichst vermieden werden. Es blieb aber keine andere Wahl, hämmerte man sich ein.

Am Bahnhof im besagten Nördlingen wurden flugs am Schalter zwei
Fahrscheine für die Weiterfahrt gekauft. Eine junge, äußerst
zuvorkommende Dame berechnete den günstigsten Tarif und übergab uns
das kostengünstige Baden-Württemberg-Ticket. Schnell in den
nächsten Zug und dann weiter. Bis zur ersten Fahrscheinkontrolle.

Ein Kontrolleur mit freundlicher Miene deutete an, dass wir falsche
Fahrscheine hätten. Schließlich führen wir durchs Bayernland und nicht durchs Schwabenländle. Weil wir aber Fahrscheine gelöst hätten, kämen wir als Schwarzfahrer nicht in Betracht. Sagte es mit einem Grinsen und knipste die Fahrscheine als gültig ab.

Nicht so seine Kollegin, die am nächsten Bahnhof zustieg und ebenfalls die Fahrscheine kontrollierte. Ohne gültige Fahrscheine seien wir unterwegs. Die gekauften Karten ließ sie nicht gelten. Schließlich sei man in Bayern. Einwände, die Karten seien an einem Schalter ihres Unternehmens gekauft, ließ sie nicht gelten. Weil sich der im Recht bewanderte Ordnungshüter und sein Kunpel vollkommen sicher wähnten, verweigerten sie die Zahlung weiterer Gebühren. Mit der Folge, dass an einem Bahnhof uniformierte Kollegen erschienen, der Zug einen längeren Stopp hinlegte und wir aussteigen mussten. Personalienfeststellung zur Anzei-genaufnahme.

Ein völlig ungewohntesGefühl, einmal auf der anderen Seite zu stehen unter Beobachtung ungezählter Fahrgäste, die die "Schwarzfahrer" auch mal sehen wollten. Kurzum: Die Weiterfahrt war verboten, weil ohne Fahrschein - also rauf aufs Rad. Alles andere hat dann geklappt.

Ehrliches Fazit: Deutschland ist wunderschön. Alle Bundesländer haben ihre Reize. Die Grenzen dieser Länder gilt es jedoch fleißig einzuprägen. Sonst hat man schnell Fahrscheine fürs falsche Bundesland. Übrigens Nördlingen liegt knapp acht Kilometer von der Landesgrenze zu Baden-Württemberg. Kosten des Unternehmens Radfahren: Kauf falscher Fahrscheine: 36 Euro, Strafen: 98 Euro.

Mit kompletter Familie ging es nach dieser sportlichen Aktivität in Aachens Dependance im westlichen Ausland, auf die Halbinsel Walcheren in en Niederlanden. Die Tage der Erholung taten gut. Finanziell reingeschlagen hat jedoch die Heimfahrt. Viele Aachener trafen sich auf dem Weg in die Heimat auf einer Schnellstraße zum fast üblichen Stau. Der besagte muss eine Länge von knapp zehn Kilometer gehabt haben. Nach langem Stop and Go entschlossen sich Viele zu wendenund eine andere Richtung einzuschlagen. Unter den Augen eines Motorradpolizisten geschah dies völlig gefahrlos.

Genau dieser Polizist muss uns und vielen anderen wenig später einen Brief geschrieben haben, in dem er von uns 160 Euro fordert, wegen Wenden auf einer Kraftfahrstraße. Sollte ich als Fahrer nicht bezahlen, seien nach einem Monat 200, nach einem weiteren Monat 300 Euro fällig. Also zahlen. Kosten des Unternehmens Niederlande: 160 Euro.

Völlig straflos dagegen die kleine Irrfahrt entlang der Autobahn 4 bzw A 61 in Richtung Koblenz. Der Beamte hatte aufgrund seines Urlaubes dienstlich völlig abgeschaltet und selbst den Weltjugendtag verkehrsmäßig verdrängt. Somit war am Samstag ab Kerpen Schluss mit Weiterkommen. Also Autobahn verlassen, war ja alles gut ausgeschildert, und über die Dörfer weiter. Stopp ein paar Kilometer weiter: Straßensperre. Ein freundliches Lächeln teilte uns mit, dass auf Grund des Ereignisses nicht weitergefahren werden kann.

Geheimtipps erhielt der Familienvater, wie er am schnellsten wieder auf die Autobahn komme. Die wurden auch befolgt - bis zur nächsten Straßensperre. Auch hier - keine Verzweiflung, sondern mit den gelb
gekleideten freiwilligen Mitarbeitern des Weltjugendtages ein nettes
Gespräch und wieder der Hinweis auf versteckte Wege durch das
westliche Rheinland. Gang rein und fünf Kilometer weiter, die freundliche Art der Verkehrskadetten mitnehmend - bis zur nächsten Straßensperre.
Das Ganze wiederholte sich dann noch zwei Mal bis wieder blaue
Autobahn- und keine Sperrschilder die Fahrbahn schmückten.

Fazit: So freundlich und nett ist der Beamte noch nie mehrmals in die Irre geschickt worden. Das muss die allgemeine Stimmung um diesen Weltjugendtag bewirkt haben. Vor allem war diese Irrfahrt strafmandatsfrei.

Der Fairness halber sei angemerkt, dass die Deutsche Bahn AG die Entscheidung der Schaffnerin zurückgenommen hat. Dem Beamten wurde ein Wochenendticket als Entschädigung zugesandt. Für welches
Bundesland das genau gilt, wird im Atlas vorher nachgeschaut!