1. Kultur

Aachen: Wenn die Schnitzel durchs Klinikum rasen

Aachen : Wenn die Schnitzel durchs Klinikum rasen

Wer wollte nicht schon immer einmal hinter die Kulissen bekannter oder unscheinbarer Bauwerke schauen? Die „Nachrichten” nehmen ihre Leser deshalb mit auf spannende Reisen in den Untergrund. Es müssen nicht immer düstere Gewölbe, enge Katakomben und feuchte Gänge sein, deren Geheimnisse dem Passanten in der Regel verhüllt bleiben.

„Wer eine Reise macht, der hat viel zu erzählen”, sagt der Volksmund. Und das Sprichwort würde auch für jene Schnitzel gelten, welche den Patienten des Aachener Universitätsklinikums täglich zu Hunderten serviert werden - wenn ein Schnitzel denn reden könnte. Weil dem bekanntlich nicht so ist, haben sich die „Nachrichten” zum Auftakt der„Keller-Serie” auf Spurensuche in die riesenhafte Bettenburg begeben.

An Schienen gezogen

Tief unter dem Klinikum wartet nämlich eine Überraschung auf den Besucher: Wie von Geisterhand bewegen sich hier große Metallcontainer durch das Gewirr steriler, von kalten Neonröhren beleuchteter Gänge. Beinahe lautlos gleiten die silbernen Behälter an Schienen, welche unter der Decke montiert sind, einem scheinbar undefinierten Ziel entgegen. Was hier ähnlich gespenstisch wie der Stützpunkt eines James-Bond-Bösewichts wirkt, ist tatsächlich das automatische Fördersystem, welches alle Stationen des Klinikums mit dem separaten Versorgungsgebäude verbindet.

Dieser flache Bau mit seinem orange-farbenen Dach befindet sich neben dem Hauptgebäude und ist mit diesem über einen unterirdischen, bis zu 150 Meter langen Gang verbunden. Im Versorgungsgebäude arbeiten bis zu 500 Mitarbeiter - von der Großküche über die Wäscherei bis hin zur Entsorgungsstation. Punkt elf Uhr setzen sich hier täglich unzählige Container voller Essen aus der Großküche des Klinikums in Bewegung, um automatisch ihr Ziel im Hauptgebäude anzusteuern.

Auf rund 3700 Metern Schienen laufen so Tag für Tag insgesamt mehr als 2100 Transporte mit einem Gewicht von mehr als 160 Tonnen ab: Essen, Müll, Wäsche oder Medikamente - alles, was in einem Krankenhaus von der Größe des Klinikums eben transportiert werden muss. „Wir haben lediglich 45 Minuten, um mehr als 1300 Portionen Essen im ganzen Haus zu verteilen - ohne das Fördersystem wäre dies unmöglich”, erklärt Claude Marchal, der Leiter des Fachbereichs Fördersysteme.

19 Mitarbeiter kümmern sich unter seiner Leitung um Wartung und Instandhaltung der riesigen Anlage. „Unsere 820 Motoren ersetzen mindestens 50 Mitarbeiter, die nötig wären, um die Transporte zu bewältigen”, so Marchal. Der Clou des Systems seien die separaten Förderschächte, zehn an der Zahl: „Ohne die wären unsere Aufzüge ständig von Gütertransporten belegt.” Die durchschnittliche Fahrzeit eines Containers schwankt so von rund sieben bis elf Minuten. Für kleine Gegenstände wie Patientenakten oder Medikamente verfügt das Klinikum daneben über ein weiteres System, das alle Stationen mit mehr als 6700 Schienenmetern verbindet. „Das macht mehr Spaß als eine Modelleisenbahn”, versichert Techniker Jürgen Eschweiler, der sich im Gewirr der Gänge blind orientieren kann.

Über mancherlei Umwege gelangt man hier zum „wichtigsten Raum des ganzen Klinikums”, wie sein Hüter Josef Meertens sagt. Hier lagern nicht weniger als 900 Batterien, die im Falle eines Stromausfalls Leben retten können. Weil das Notstromaggregat mit seinen sieben riesigen Schiffs- und Panzermotoren mindestens 15 Sekunden braucht, bis es Strom produzieren kann, müssen die Batterien diese Zeit überbrücken. Es sind Sekunden, die über Leben und Tod entscheiden: „Wir versorgen damit nicht nur die Notbeleuchtung, sondern vor allem auch die lebenserhaltenden Systeme im OP oder der Intensivstation”, sagt Meertens. Seit Bestehen des neuen Klinikums ist der Notfall allerdings erst einmal eingetreten, und zwar 1986.

Diesel mit 3700 PS

Seither werden die riesigen Dieselmotoren mit einer Leistung von jeweils mehr als 3700 Pferdestärken nur einmal monatlich zu Wartungszwecken für je eine Stunde angeworfen. Selbst dann aber ist der Energieverbrauch enorm: 700 Liter Diesel schluckt eine Maschine pro Stunde - bei einem Vorrat von 100000 Litern ist dies allerdings kein Problem.