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Kerkrade: Wenn die Grenze das Kindergeld kostet

Kerkrade : Wenn die Grenze das Kindergeld kostet

Freie Wahl des Arbeitsplatzes im gesamten Raum der Europäischen Gemeinschaft (EG), so lautet das Versprechen der EU zur Arbeitnehmerfreizügigkeit. Es ist in der Tat viel erreicht, aber die Freiheit ist immer noch nicht vollkommen.

Die Grundsätze sind geregelt, aber nach wie vor gibt es zahlreiche Hürden im Steuer- und Sozialversicherungsrecht, die sich vor allem aus den unterschiedlichen Rechtssystemen ergeben. Eine Harmonisierung ist bisher nicht in Sicht.

„Das Steuer- und Sozialversicherungsrecht wird als Kernstück der staatlichen Souveränität gesehen”, sagte Professor Rainer Prokisch von der Universität Maastricht vor der Deutsch-Niederländischen Gesellschaft in Kerkrade. Die Mitgliedstaaten der EG würden die Nachteile, die sich aus den Unterschieden für die Bürger ergeben, oftmals bewusst in Kauf nehmen. Dass die Staaten selbst und nicht die Europäische Gemeinschaft die Probleme verursacht, würde sogar oft verschwiegen, sagte Prokisch. Genaues Abwägen bei der Wahl von Wohnort und Arbeitsplatz empfiehlt sich also. Fallbeispiele:

Felix Fischer studiert und lebt in Maastricht. Wenn er mit dem Studium fertig ist, will er nach Deutschland zurückkehren. Wo sollte er sich krankenversichern?

Das steht ihm frei. Bis vor ein paar Jahren musste er sich noch in den Niederlanden versichern. Er konnte nicht in den Genuss der günstigen Krankenversicherung für Studenten in Deutschland kommen. Jetzt kann er sich in Deutschland versichern und im Nachbarland befreien lassen. Achtung: Ist Felix älter als 30 Jahre, wird er automatisch versicherungspflichtig. Auch wenn er eine Arbeitstelle in den Niederlanden antritt.

Heike Hellmann lebt in Deutschland und arbeitet in den Niederlanden als Angestellte. Wo zahlt sie Lohnsteuer?


In den Niederlanden, denn nicht der Wohnort, sondern der Arbeitsplatz ist ausschlaggebend. Es spielt auch nicht immer eine Rolle, wo sich der Sitz des Arbeitgebers befindet. So etwas wie eine Familienbesteuerung gibt es in den Niederlanden übrigens nicht. Es wird individuell besteuert. Es kann daher vorkommen, dass sich Heike stark wundert über die wesentlich höhere Steuerbelastung in den Niederlanden bei vergleichbaren Einkünften.

Kann Heike Hellmann denn dann noch ihre Fahrtkosten steuerlich absetzen?

Nein, nach dem niederländischen Steuerrecht kann ein Arbeitnehmer so gut wie nichts steuerlich absetzen. Im umgekehrten Fall - Wohnen in den Niederlanden, Arbeiten in Deutschland - käme sie wie gewohnt in den Genuss der Pendlerpauschale. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele Kilometer sie auf deutschem oder auf niederländischen Boden zurücklegt.

Und wo ist sie krankenversichert?

Auch in den Niederlanden. Im Prinzip gilt das Sozialversicherungssystem des Landes, in dem sie arbeitet. Sie ist sogar - wie alle Niederländer ab 18 Jahren - dazu verpflichtet, ihren Beitrag zum gesetzlichen Grundleistungspaket zu zahlen. Ambulant kann sie sich aussuchen, wo sie behandelt werden will. Bei stationärer Behandlung in Deutschland sollte sie allerdings ihre Krankenversicherung vorher fragen, ob sie die Kosten auch übernimmt.

Marco und Maria Müller aus Hückelhoven arbeiten in Heerlen. Sie haben zwei Kinder, 14 und 18 Jahre alt. Beide gehen zur Schule. Was bedeutet das fürs Kindergeld?


Sie haben keinen Anspruch auf Kindergeld in Deutschland, was mit finanziellen Einbußen verbunden ist. Grundsätzlich gilt: Wer in den Niederlanden arbeitet, hat Anspruch auf Kindergeld des Tätigkeitsstaates. Das Kindergeld in den Niederlanden ist aber um einiges niedriger als in Deutschland Zudem wartet eine größere Überraschung auf sie: In den Niederlanden wird das Kindergeld nur bis zum 18. Lebensjahr gezahlt, in Deutschland immerhin sieben Jahre länger, wenn die Kinder ein Studium aufnehmen. Studieren die Kinder allerdings in den Niederlanden und haben dort auch ihren Wohnsitz, so haben sie Anspruch auf die niederländische Studienfinanzierung.

Sollte einer der beiden Müllers in Hückelhoven wohnen und in Deutschland arbeiten, haben sie Anspruch auf Kindergeld aus beiden Ländern. Allerdings wird dann das niederländische Kindergeld mit dem deutschen verrechnet. Aus Deutschland gäbe es also nur den Unterschiedsbetrag zu den niederländischen Leistungen.

Nachwuchs im Hause Kuckelkorn: Die Eltern wohnen in Roermond und arbeiten in Wegberg. Was heißt das für das Elterngeld?

Sie haben zwar Anspruch auf Elterngeld, wenn einer der beiden Partner eine „Babypause” einlegt. Während das Elterngeld in Deutschland steuerfrei ist, müssen die Personen mit Wohnsitz in den Niederlanden das Elterngeld versteuern.

Sebastian Siebert aus Heinsberg ist arbeitslos. Das Unternehmen, für das er in Roerdalen gearbeitet hat, ist pleite. Wer zahlt Arbeitslosengeld?

Die Niederlande, weil er dort zuletzt berufstätig war. Aber auch nur, solange er dem niederländischen Arbeitsmarkt zur Verfügung steht. Sollte er sich auch beim Arbeitsamt in Heinsberg als Arbeitssuchender melden, werden die Zahlungen gestoppt. Im umgekehrten Fall ergäbe sich folgende Schwierigkeit: Der Niederländer, der in Deutschland gearbeitet hat, bekommt keine Unterstützung nach ALG II, da dies nicht mehr als Arbeitslosenhilfe, sondern als Sozialhilfe gilt. Er müsste also nach Deutschland umziehen, um einen Anspruch geltend machen zu können.

Pia Porschen hat in den Niederlanden und in Deutschland jeweils 20 Jahre gearbeitet. Sie will ihren Lebensabend in Kerkrade verbringen. Würde der niederländische Staat die Gesamtrente zahlen?

Nein. Die Leistungen werden unabhängig voneinander berechnet. Die Niederländer haben einer Mindestabsicherung ein Pensionsfondsystem, bei dem nur zählt, was eingezahlt wurde. Und: Wenn Partner oder Kinder in Deutschland wohnen, sind sie nicht nach dem Allgemeinen Altersgesetz (Algemeen Ouderdomswet, AOW) mitversichert. Nach dem deutschen Sozialversicherungssystem dagegen würden die vollen 40 Jahre berechnet. Übrigens: Sollte Frau Porschen eine Riesterrente abgeschlossen haben und sich für Kerkrade entscheiden, würde diese Rente voll besteuert werden. Ähnlich wie das Elterngeld.

Kurt Kaiser wohnt in Aachen. Er hat eine Ferienwohnung in Zeeland. Wert: 300.000 Euro. Sein Nachbar in Zeeland mit Wohnsitz in Belgien besitzt eine Wohnung von gleichem Wert. Die Einkommensteuer, die beide zu entrichten haben, ist aber unterschiedlich hoch. Wieso?

Auf die Spitze getrieben könnte man sagen, dass Niederländer bei Deutschen und Belgiern mit zweierlei Maß messen. Der Grundsatz lautet: Wer in den Niederlanden wohnt, dem wird ein Steuerfreibetrag eingeräumt (konkret in diesem Beispiel: statt 300.000 Euro werden nur etwa 280.000 Euro zugrundegelegt). Der gilt auch für Belgier unabhängig von ihrem Wohnort. Für Deutsche aber nicht.

Kurt Kaiser muss übrigens auch dann für seine Ferienwohnung Einkommensteuer zahlen, wenn er sie gar nicht vermietet. Es wird unwiderlegbar vorausgesetzt, dass er Mieteinkünfte bezieht.