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Wenn der Schmerz zur Krankheit wird

Wenn der Schmerz zur Krankheit wird

Aachen (an-o) - Was Schmerzen sind, muss man keinem beibringen. Wie man aber damit umgeht und wie man Patienten besser behandeln kann - darüber können Mediziner tagelang fachsimpeln. Nächste Woche tun das rund 2300 von ihnen beim "Deutschen Schmerzkongress 2002" in Aachen.

Fünf bis acht Millionen Menschen leiden in Deutschland an chronischen Schmerzen. An Schmerzen also, meist im Kopf, im Rücken oder im Bauch, die oft gar nicht (mehr) mit einer ursprünglichen Krankheit zusammenhängen, sondern sich entweder verselbstständigt haben oder ganz originärer Schmerz sind. Migräne gilt als typisches Beispiel für einen Schmerz, der selber die Krankheit und nicht die Folge einer anderen ist. Es hat lange gedauert in Deutschland bis die Forschung sich dem Thema Schmerz als Krankheit - und nicht nur als unvermeidliche, aber vorübergehende Begleiterscheinung von Entzündungen, Verletzungen oder Operationen widmete. Bis heute gehört "Schmerz" nicht zum Pflichtteil des Medizinstudiums, doch über die Apothekentische gehen jedes Jahr weit mehr als eine Milliarde Euro für Kopfschmerzmittel, die nicht verschrieben wurden.

Fluch und Segen der Technik

Und noch lange ist es nicht so weit, dass das heute mögliche Wissen über Entstehung, das Erkennen und die erfolgreiche Behandlung dauerhafter Schmerzen in der normalen Arztpraxis angekommen ist. Dem vor allem wollen die "Schmerzkongresse" abhelfen, die in jedem Jahr in einer anderen Region stattfinden und die hier praktizierenden Mediziner aufklären wollen und Gelegenheit bieten, mit führenden Schmerzforschern zu sprechen. In Aachen als Stadt einer technischen Universität bot sich, etwas plakativ, als Leitthema "Schmerz und Technik - Risiko und Chance" an. Soll heißen: Die heutige technisierte Arbeitswelt verursacht spezielle Schmerzen, etwa durch körperliche Fehlhaltungen vor Computern, doch vermag der technische Fortschritt auf der anderen Seite auch Schmerzen zu lindern, zum Beispiel durch die Computertomografie.

Die Bandbreite der Vorträge und Seminare des von kommenden Mittwoch bis Sonntag im Eurogress stattfindenden Kongresses ist umfassend. Sie reicht von Akupunktur und Verhaltenstherapie bis zu Sterbehilfe und zum "pharmaceutical engineering", einer computergesteuerten Hochleistungs-Biotechnik zur individuellen Maßschneiderung von Medikamenten.

Eine kleine Auswahl der Themen: "Möglichkeiten der modernen Technik in der Schmerztherapie", "Schmerz und Ernährung", "Fehler in der Schmerztherapie", "Akute Schmerzen bei Kindern", "Kann man Schmerz objektiv messen?", "Ärztliche Gesprächsführung bei Schmerzpatienten", "Migräne - Alte Fragen, neue Antworten", "Schmerzbewältigungstraining".

Bundespräsident kommt

Feierlicher Höhepunkt der Tagung ist die Verleihung eines Förderpreises, zu der sich Bundespräsident Johannes Rau am Donnerstag, 26. September, für eine knappe Stunden in Aachen auf- und eine Rede im Eurogress halten wird. Am Abend folgt eine Feier im Krönungssaal, auf der Dompropst Hans Müllejans über Aachen und den Dom sprechen wird.

Zum Thema:

Der "Deutsche Schmerzkongress 2002" vom 25. bis 29. September in Aachen ist in erster Linie eine Fortbildungsveranstaltung für die Mediziner der Region sowie die gemeinsame Jahrestagung mehrerer medizinischer Gesellschaften. Darunter sind die Deutsche Gesellschaft zum Studium des Schmerzes (DGSS), die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) und die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie (DIVS). Diese Vereinigungen fungieren auch mit der erst seit kurzem bestehenden "Deutschen Schmerzgesellschaft" (DSG) als Veranstalter. Kongresspräsident ist Klaus Lehmann, Professor der Uni Köln, der auch der DSG und der DGSS vorsteht.

An zwei Veranstaltungen (Patientenforen) kann die Öffentlichkeit teilnehmen. Am Freitag von 16 bis 19 Uhr im Eurogress geht es um "Rezeptfreie Schmerzmittel: Was jeder darüber wissen sollte". Am Samstag, 15 bis 18 Uhr, heißt das Thema: "Risikofaktor Schmerz: Bio-psycho-soziale Aspekte der chronischen Schmerzkrankheit". In Diskussion mit vier Referenten werden hier neben den medizinischen Vorgängen auch die seelischen und die sozialen Aspekte beleuchtet, die bei der Schmerzempfindung eine Rolle spielen.

Für Studierende, Pfleger, Schwestern, Psychologen und Ärzte, die nicht am Kongress selbst teilnehmen, gibt es über alle Tage eine Ringvorlesung mit grundlegenden Informationen aus der Schmerzforschung.