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Wenn der Schmerz bleibt

Wenn der Schmerz bleibt

Aachen (an-o) - Klaus Lehmann (53), Professor für Anästhesiologie an der Uni Köln, Präsident der Deutschen Schmerzgesellschaft und des Schmerzkongresses in Aachen erläutert im Gespräch mit "Nachrichten" Redakteur Axel Borrenkott die Probleme der Versorgung chronisch Schmerzkranker in Deutschland.

Nachrichten: Muss ein Patient mit chronischen Schmerzen befürchten, jahrelang nicht richtig behandelt zu werden?

Lehmann: Leider ja. Es gibt einzelne Patienten, die das Glück haben an Ärzte zu geraten, die in Schmerzdiagnostik und -behandlung gut ausgebildet sind und bei denen sich der Schmerz auch behandeln lässt. Davon gibt in ganz Deutschland bisher aber nur rund 3000. Der normale Patient wird zu seinem Hausarzt gehen, der in seinem Medizinstudium nichts Systematisches über Schmerz gelernt hat. Und wenn dieser Hausarzt nicht weiß, wo der nächste Experte sitzt, wird schnell die Antwort kommen: "Da kann ich Ihnen nicht weiter helfen. Damit müssen Sie leben."

Nachrichten: Also weniger ein Problem der Forschung als der Ausbildung und auch des Gesundheitssystems?

Lehmann: Ich glaube, dass für die praktischen Belange der Schmerztherapie das derzeitige medizinische Wissen seitens der Forschung ausreichen würde. Doch da Schmerz in der Universität und in der Facharzt-Weiterbildung keine wirklich große Rolle spielt, wird nicht das Notwendige getan was man tun könnte.

Nachrichten: Welches sind denn bei den fünf bis acht Millionen chronischer Schmerzpatienten die dominierenden Krankheitsbilder?

Lehmann: Rücken-, Muskel-, Gelenkschmerzen bilden die mit Abstand größte Gruppe, gefolgt von Kopfschmerzen. Tumorschmerzen stehen erst an zehnter Stelle. Doch die kann man wirklich gut behandeln, während bei Rücken- und Kopfschmerzen die Erfolge meistens nicht so gut und auch die notwendigen Maßnahmen viel aufwändiger sind.

Nachrichten: Werden Schmerzen als Krankheit heute gesellschaftlich eher akzeptiert als früher, Migräne zum Beispiel?

Lehmann: Ich glaube dass mehr und mehr Patienten und Ärzte einsehen, dass Migräne eine eigenständige Erkrankung ist. Sie wird schon lange nicht mehr als Symptom einer psychischen Erkrankung abgetan. Insgesamt hat sich in den letzten fünf, sechs Jahren einiges bei der Akzeptanz von Schmerzen getan.

Nachrichten: Gibt es heute ein größeres Schmerzempfinden oder -bewusstein als in früheren Epochen?

Lehmann: Das ist sicher so. Schmerz wurde lange Zeit im christlich geprägten Abendland im religiösen Zusammenhang gesehen. Diese Einstellung ist mit der Aufklärung zwar allmählich verschwunden, aber nicht ganz: "Was habe ich denn Schlimmes getan, dass ich jetzt diesen Schmerzen haben muss?" Es gibt aber auch kulturelle Unterschiede. Schmerz, insbesondere chronischer Schmerz ist immer ein ein bio-psycho-soziales Gesamtphänomen. Wir behandeln Schmerzen heute nicht mehr nur noch biologisch. Wenn jemand etwa durch seine Schmerzen so stark in seiner Lebensqualität beienträchtig ist, dass er nicht mehr arbeiten kann, ist klar, dass auch die ganze Familiensituation so beeinträchtigt wird.

Nachrichten: "Ist Schmerztherapie wirklich so erfolgreich wie sie zu sein vorgibt?Ó, fragt ein Beitrag des Kongresses. Soll das eine Provokation sein?

Lehmann: Zutreffend ist jedenfalls, dass wir lange nicht alle diese Erwartungen erfüllen können, die die Patienten an uns stellen und die wir an uns selber stellen. Das hat aber weniger mit mangelndem Wissen zu tun, sondern sehr viel mit der Akzeptanz und Geld. Mit einem Schmerzpatienten muss man viel Zeit verbringen. Das ärztliche Vergütungssystem System ist aber nicht darauf ausgelegt, dass man viel Zeit einem in der Regel auch psychisch und sozial komplizier- ten Fall widmet.

Nachrichten: Kann überhaupt ein einzelner Arzt ein so komplexes Problem übersehen?

Lehmann: Nein, das geht nur im Team. Wenn ein Patient etwa nach einem schon verheilten Knochenbruch seinem Arzt sagt "Ich habe trotzdem noch Schmerzen", ist das sicher die Aufforderung für den Arzt, sich schlau zu machen, wo es Experten gibt, die ein besonderes Repertoire besitzen. Und dazu gehören immer Ärzte verschiedener Fachrichtungen wie auch Psychotherapeuten. In vielen Fällen verstehen wir zwar noch nicht, warum in solchen Fällen auf einmal Schmerzen kommen. Aber wir kennen die Symptome bei Tausenden solcher Patienten. Und wir können Beiträge leisten, damit eine solche Chronifizierung möglichst frühzeitig gestoppt wird. Wenn nämlich eine Chronifizierung sich erst einmal durchgesetzt hat, dann haben wir schlechten Karten.