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Vlotho: Wenn der „Horror-Mieter” im Mercedes vorfährt

Vlotho : Wenn der „Horror-Mieter” im Mercedes vorfährt

Wohnen, ohne zu zahlen: Kriminelle „Nomaden” bescheren Hauseigentümern Riesen-Verluste. Der Mieterbund NRW spricht von „drastischen Einzelfällen”.

Als Klaus Althoff nach zwei Jahren erstmals wieder sein Haus betreten konnte, sah es dort aus wie „nach einem Bombenanschlag”. Fliegen umkreisten die überall verteilten Essensreste, vor lauter Müllbergen gab es kaum ein Durchkommen. Die über Nacht verschwundenen Mieter hatten ganze Arbeit geleistet.

So wie Klaus Althoff im ostwestfälischen Vlotho machen nach Ansicht von Vermieter-Verbänden derzeit immer mehr Hauseigentümer unliebsame Erfahrungen mit Mietnomaden: Menschen, die von Wohnung zu Wohnung ziehen, ohne je die Miete zu begleichen, und sie oft verwüstet hinterlassen. Weil sie entweder kein Geld haben oder einfach nicht zahlen wollen.

Auch Marie-Luise Erdell wurde von einem Mietnomaden ausgenommen. Auf mehreren tausend Mark blieb sie im Jahr 2000 sitzen, nachdem sich der „nette junge Mann” mit einer gefälschten Verdienstbescheinigung in einer ihrer Wohnungen eingenistet hatte. „Damals war ich leider so dumm, keine Kaution zu verlangen”, sagt die 58-Jährige. Nach monatelangen Rechtsstreitigkeiten, die der Mieter mit kleinen Abschlagszahlungen immer wieder herauszögern konnte, setzte er sich schließlich auf Nimmerwiedersehen ab.

Um anderen Eigentümern ähnliche Erlebnisse zu ersparen, gründete Erdell die Dienstleistungsgesellschaft „Vermieter und Partner arbeiten zusammen” (Vpaz) in der Nähe von Leverkusen. In ihrer Internet-Datenbank waren Ende 2003 mehr als 500.000 Menschen aufgelistet, gegen die rechtskräftige Räumungs- oder Vollstreckungsurteile wegen Mietschulden ergangen sind. „Viele davon sind Mietnomaden, deren Spur sich durch ganz Deutschland zieht.” Wichtig sei, sich nicht vom ersten Eindruck täuschen zu lassen. Nicht selten fährt der Interessent im geliehenen Mercedes vor.

Auf zwei Milliarden Euro schätzt der Wohnungseigentümerverband Haus und Grund Deutschland die angesichts der Wirtschaftskrise in der Bundesrepublik angehäuften Mietschulden. Auch wenn bislang keine Statistik erfasst, wie viel davon durch zahlungsunwillige Nomaden verursacht und wie viele Beträge zurecht aufgrund von Mängeln in der Wohnung zurückgehalten werden, hört Pressesprecher Ludger Baumeister immer häufiger Klagen aus den Landesverbänden: „Der Beratungsbedarf bei den Vermietern ist enorm gestiegen. Es ist schon kriminell, wenn Menschen in ein Haus einziehen - von Anfang an in der Absicht, nichts zu zahlen - und das Ganze dann woanders wiederholen.”

Dagegen spricht der Geschäftsführer des Mieterbundes NRW, Walter Goch, von „drastischen Einzelfällen”. Die jedoch schwer wiegende Folgen für so manchen Eigentümer haben können: Monatelange Mietausfälle und mögliche Gerichts- und Anwaltskosten lassen den Traum von der privaten Altersvorsorge platzen, wenn Raten an die Bank plötzlich nicht mehr gezahlt werden können. Denn selbst bei Gerichtsverfahren gibt es nur selten Geld vom „Horror-Mieter”. „Wenn jemand per Offenbarungseid die Hosen runterlässt und sich für zahlungsunfähig erklärt, ist kaum etwas zu machen”, sagt Marie-Luise Erdell.

Bis dahin ist durchschnittlich ein Schaden von bis zu zehntausend Euro entstanden - bei Vandalismus auch schon mal das Fünffache -, und ein bis eineinhalb Jahre sind vergangen. Denn erst wenn zwei Monatsmieten ausstehen, kann der Eigentümer überhaupt handeln. Es folgt die fristlose Kündigung, dann die Räumungsklage: „Durch die Überlastung der Gerichte kann sich das Verfahren hinziehen. Zumal mancher Mieter plötzlich irgendwelche Mängel in der Wohnung findet. Wenn diese aber beseitigt werden sollen, macht keiner auf”, sagt Ludger Baumeister.

Oder der Mieter ist spurlos verschwunden: Mittlerweile zählen auch immer mehr Besserverdienende zu den Mietnomaden. Gelegentlich wird dann alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest ist. „Denen fehlt einfach das Unrechtsbewusstsein, als handele es sich nur um ein Kavaliersdelikt”, meint Marie-Luise Erdell.

Kein Geld hatte dagegen das junge Pärchen, das sich bei Klaus Althoff einnistete. Sogar kaufen wollte es das Haus in Vlotho, als es im September 2002 dort zunächst zur Miete einzog. „Die beiden erzählten mir von ihrem Bausparvertrag, der bald fällig sei”, ärgert sich Althoff, der weder davon noch von der fälligen Miete etwas sehen sollte. 22 Monate lang, bis das Pärchen nach vielen Gerichtsterminen und Verzögerungen schließlich das Haus verlassen hatte. Um, wie Althoff kurz darauf erfuhr, in der Nachbarschaft mit angeblich derselben Geschichte einzuziehen. Rund 22000 Euro hat er durch die Mietnomaden verloren. Und kaum noch Hoffnung, das Geld zurückzubekommen.

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