Aachen: Weniger Verklemmtheit, mehr Liebe: Iris Radischs Liebe zu französischer Literatur

Aachen : Weniger Verklemmtheit, mehr Liebe: Iris Radischs Liebe zu französischer Literatur

Eine Welt ohne Bücher kann sich Iris Radisch nicht vorstellen. Schließlich gebe es eine „Sehnsucht, die uns antreibt, etwas, das in uns bohrt“. Und diese Urgewalt bringt Bücher hervor oder das Verlangen danach, Bücher zu lesen, um die Welt zu begreifen. Wer diese komplizierte Welt besonders eindrücklich erklärt, sind für die Literaturkritikerin der „Zeit“ die französischen Autoren von Jean-Paul Sartre bis Michel Houellebecq.

Ihnen widmet Radisch eine sehr persönliche Literaturgeschichte. Die Idee zu ihrem Buch „Warum die Franzosen so gute Bücher schreiben“ kam Radisch, als sie in der Eifel wanderte. Überhaupt kommt sie gern nach Aachen. Bei der Lesung im Krönungssaal des Rathauses am Donnerstagabend ist sie ganz ergriffen von dem Raum. „Wunderschön“, sei der, sagte die Autorin und Journalistin im Gespräch mit unserer Redakteurin Madeleine Gullert.

Frau Radisch, Sie widmen ihr Buch den Franzosen. Warum denn ausgerechnet den Franzosen, man könnte ja genau so über den Einfluss der amerikanischen zeitgenössischen Autoren schreiben?

Radisch: Das Buch ist die Ernte meines Arbeitslebens. Ich bin mit französischer Literatur großgeworden, wollte aus West-Berlin immer nach Paris, habe als Journalistin viele der Autoren getroffen, das ist meine Lebensgeschichte. Bevor uns die amerikanischen Autoren aufgeklärt haben, waren es die französischen.

Und warum schreiben die Franzosen jetzt so gute Bücher?

Radisch: Ich ziehe eine Klammer von Sartre bis Houellebecq und beginne mit dem Frankreich der Nachkriegszeit. Die französische Literatur war damals Akteurin in diesem historischen Spektakel. Die Schriftsteller verstanden im befreiten Paris 1944 sofort, dass sie die einmalige Chance hatten, die Macht zu ergreifen und die französische Geistesrepublik neu zu grünen. Es ging damals in der Literatur und in der Philosophie um Begriffe wie Freiheit und Revolte. Autoren wie Sartre und Camus erschufen großartige Werke und neue Perspektiven auf die Welt.

Sind die Autoren so besonders, weil sie eben nicht nur Autoren, sondern auch Philosophen sind?

Radisch: Ja, sie liefern sozusagen ein Komplettangebot. Sie erfinden nicht nur den Roman neu, sondern auch die Lebensstile, und sie liefern die dazugehörigen philosophischen Theorien. Es ist ein organisches Ganzes. Die Literatur hat den Anspruch erhoben, dem politischen Diskurs ebenbürtig zu sein — und es ist ihr in Frankreich gelungen und zwar nachhaltig. Französische Schriftsteller erfahren nach wie vor eine enorme Wertschätzung und sind Schlüsselfiguren für ihre Zeit.

Jean-Paul Sartre, Albert Camus, Simone de Beauvoir sind Vertreter des Existenzialismus. Ist der für Sie denn auch heute noch aktuell?

Radisch: Für mich schon. Ich habe das Gefühl, dass ich nach Hause komme, wenn ich die alten Texte lesen. Gerade in der heutigen Zeit hat der Existenzialismus seine Berechtigung. Wir haben das Gefühl, es gebe übergroße Strukturen, dass wir Opfer der Globalisierung und von Algorithmen amerikanischer Großorganisationen sind. Der Existenzialismus macht in dieser Situation Mut. Er sagt ja: Ihr könnt Euer Leben selbst gestalten, Ihr seid nicht übermächtigen Strukturen unterworfen. Und das ist ein Perspektivenwechsel, der uns wieder frei macht oder zumindest auf Freiheitspotentiale aufmerksam macht.

Es ist eine sehr beruhigende Botschaft: Das Leben ist absurd, aber wir sind Absurdität nicht unterworfen. . .

Radisch: Ja, es ist natürlich eine paradoxe Philosophie, die den Menschen mit Sisyphos vergleicht, der seinen Stein immer wieder den Berg hochrollt... Und dann sag Camus aber, dass wir uns diesen Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen sollen. Auch in absurden Situationen können wir Herr der Lage sein. Ja, es gibt kein Schicksal, das man nicht durch Verachtung überwinden könnte. Der Moment der Revolte ist stets enthalten. Und diese Idee, dass man trotz mächtiger Gegner den Kampf nie aufgeben sollte, ist doch unglaublich aktuell.

Sehen Sie unseren Beruf auch als eine Art Sisyphos-Arbeit?

Radisch: Schon, ich finde ja. Man fängt immer wieder von vorne an, man wird nie fertig, hat nie die perfekte Lösung. Man muss immer wieder alles neu aus anderen Blickwinkeln betrachten.

Neben dem Gesellschaftspolitischen liegt der Fokus bei den Franzosen der Nachkriegszeit auf der Liebe, und zwar einer freien Liebe.

Radisch: Eine meiner Thesen ist, dass die Franzosen so gute Bücher schreiben, weil sie so ein kompliziertes Liebesleben haben. Sartre und de Beauvoir haben die offene Zweierbeziehung erfunden, in vorgelebt und in Romanen beschrieben. Damit haben sie den Lebens- und Denkstil revolutioniert. Sie machen Mut, dass man auch mit komplexen Liebessituationen umgehen kann. Das lese ich gerne. Aber ja: Wir leben mit dem Preis, den man für diese Freiheit zahlt. Das ist ja dann eher das Thema von Houellebecq.

Warum hat Liebe und Sexualität im französischen Roman so eine herausragende Rolle?

Radisch: Einerseits stehen die Franzosen in der Tradition auch der Libertinage. Der Roman „Gefährliche Liebschaften“ stammt aus dem 18. Jahrhundert. Die Existenzialisten haben Vorbilder im exzessiven Umgang mit erotischen Fragen. Und Paris spielt eine so herausragende Rolle. Die Autoren leben alle dort, treffen sich in Cafés und unter dieser Glocke leben sie eine Form der exzessiven Gesellschaft.

Waren deutsche Autoren der Nachkriegszeit verklemmter?

Radisch: Ja, das Pariser Liebes-Chaos wäre in Deutschland, das lange kein geistiges und gesellschaftspolitisches Zentrum hatte, aber auch gar nicht möglich gewesen, wir hatten keine solche Hauptstadt, keine solche Tradition.

Ist das schlecht?

Radisch: Ich will das gar nicht bewerten. Und nein: Deutsche Literatur gefällt mir auch in ihrer Langsamkeit und ihrer Regionalität. Ob ein Autor aus Bayern oder von der Nordsee kommt, macht einen riesigen Unterschied. Meine andere Seele liebt aber das Tempo, das Philosophische, das Exzessive der französischen Literatur.

Meint Houellebecq, den Sie als Schlusspunkt in dem Buch wählen, es ernst, wenn er das Exzessive anprangert?

Radisch: Ich glaube schon, dass er die Rückabwicklung der Freiheit, der Frauenbewegung, der Säkularisierung wünscht. Wir zahlen den Preis der Freiheit; es gibt Einsamkeit, Verlorenheit in dieser Gesellschaft. Das hat sich Houellebecq nicht ausgedacht. Im Übrigen bekomme ich immer Kontra bei meinen Lesungen, wenn es um Houellebecq geht.

Houellebecq ist einer der wenigen Autoren, die mich laut zum Lachen bringt. Sie auch?

Radisch: Ja, ich lache laut über seine sehr bittere Ironie. Er ist schon höhnisch.

Was sagt das über uns?

Radisch: Ich glaube, dass es ein entlastendes Lachen ist. Es entlastet von Houellebecqs bitterböser Sicht auf die Wirklichkeit.

Sie beenden Ihr Buch mit Houellebecq. Sehen Sie aktuelle Autoren wie die vielgelobte Virginie Despentes in der Tradition von Balzacs Realismus? Ist das die neue Strömung?

Radisch: Inzwischen ist französische Literatur so vielfältig, dass man nicht von Schulen sprechen kann. Und ich ende mit Houellebecq, weil sich noch zeigen muss, was prägend für die jetzigen Autoren ist. Despentes würde ich aber einer neo-realistischen Strömung zuordnen. Es wird auch sehr viel Doku-Fiction geschrieben. Ich habe das Gefühl, dass die Franzosen wieder mehr auf wirklichkeitsgesättigte Literatur setzen.

Weil die Welt ohnehin so konfus ist?

Radisch: Ja, Emmanuel Carrère sagt, dass er aus der Ironiefalle herauskommen will. Wenn man alles nur noch in Anführungszeichen sieht und nichts mehr ernst nimmt, kann man das Leben auch nicht mehr ernsthaft begreifen.

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