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Aachen: Wem es „Leid tut”, darf es auch „leidtun”

Aachen : Wem es „Leid tut”, darf es auch „leidtun”

Wer die reformierte Schreibung von „es tut mir Leid” leid ist, dem wird das Leid jetzt genommen: Die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung führt eine neue Variante ein.

Neben „Leid tun” darf man nun auch genau so gut schreiben: „leidtun”! Was gefällt, ist erlaubt - und nicht nur bei diesem Beispiel. Wie es in unserer Rechtschreib-Zwischenbilanz prophezeit wurde, so ist es in der Tat gekommen: Die Kommission für deutsche Rechtschreibung hat in ihrer aktuellen „Anpassung des Regelwerks” jetzt zahlreiche weitere Alternativschreibungen erlaubt.

Einzelheiten dieses mit Spannung erwarteten 4. Zwischenberichts sind in einer Beschlussfassungs-Vorlage für die Kultusministerkonferenz bekannt geworden und im Internet einzusehen.

Wer erwartet hat, dass die Kommission offenkundig falsche Neuschreibungen endlich wieder tilgen würde - zum Beispiel das mit der Grammatik unvereinbare, aber neuerdings mögliche „es tut mir sehr Leid („sehr” kann man einem Substantiv nicht voranstellen), der wird enttäuscht: Statt Fehler auszumerzen, versuchen die Verantwortlichen den Mängeln des Regelwerks und der vielfach geäußerten Kritik mit immer neuen Schreibvarianten zu begegnen.

Unverhohlen äußert die Kommission den Grund für diese Strategie: „Da keine Schreibweisen falsch werden, entstehen keine Probleme bei der weiteren Verwendung von Schulbüchern, beziehungsweise bei Korrekturen. Alle Bücher sowie Rechtschreib-Programme können allmählich angepasst werden. Zusätzliche Kosten entstehen nicht.” So wird die deutsche Orthographie der Wirtschaftlichkeit geopfert...

Der Schreibende kann sich künftig aussuchen, was ihm besser gefällt: „Zeit sparend” oder „zeitsparend” zum Beispiel im Bereich der Zusammen-/Getrenntschreibung von Verbindungen mit Partizipien; „allein stehend” oder „alleinstehend”, „Rat suchend” oder „ratsuchend”.

„Kritik erledigt”

Hier heißt es: „Insbesondere in diesem Fall werden frühere Zusammenschreibungen wieder zulässig und erledigt sich die Kritik an der angeblichen Wortvernichtung”.

Auch bei Fremdwörtern kann man sich jetzt Zusammen- oder Getrenntschreibung aussuchen: „Bluejeans” oder „Blue Jeans”. Der liebe Bindestrich: Wem die Schreibung 8fach bislang nicht zusagte, kann jetzt 8-fach auch mit Bindestrich schreiben.

„Damit nimmt die Anzahl der Varianten zu. Das entspricht jedoch offensichtlich den Wünschen der Schreibgemeinschaft”, heißt es.

Neues bei der Groß- und Kleinschreibung: „Ohne weiteres” und „vor kurzem” soll auch „groß” möglich sein: „ohne Weiteres”, „vor Kurzem”. Das Gleiche gilt für „die Einen”, „die Anderen”, „die Meisten”. Kommentar der Kommission: „Wer den substantivischen Gebrauch unterstreichen will, kann großschreiben.”

Den Fuballfreunden wird dies eine Genugtuung sein: Die „gelbe Karte”, bislang schwer diskriminiert in ihrer einzig erlaubten Kleinschreibung, erhält den verdienten „terminologischen Status” eines „fachsprachlichen Gebrauchs” - und darf endlich so geschrieben werden, wie es ihr zusteht: als „Gelbe Karte”!

Doch damit nicht genug, die Rechschreibkommission hat noch eine weitere kleine Feinheit in ihren Zwischenbericht eingebaut, die sie selbst betrifft: Jeder Änderung der bestehenden Regelung bedarf bis jetzt der Entscheidung der politischen Institutionen, weil die Kommission jeweils nur Vorschlagsrecht hat.

Das soll anders werden: Bei „geringfügigen” Änderungsvorschlägen wollen die Reformer künftig ganz ohne den politischen Vormund entscheiden dürfen.

Klein Fritzchen mag das alles sehr erfreuen - ist er schlau, wird er jeden Diktatfehler künftig leicht begründen können: „Ich wollte doch nur den adjektivischen Gebrauch von ,mist unter-streichen...”