Aachen: Weltkulturerbe Aachener Dom: Zwischen Jubilate und Popmusik für alle

Aachen : Weltkulturerbe Aachener Dom: Zwischen Jubilate und Popmusik für alle

Es wird laut, fröhlich, besinnlich und international — mit den musikalischen Ideen rund um das Fest „40 Jahre Weltkulturerbe Aachener Dom“ wandern die Organisatoren nicht nur durch vier Jahrzehnte, sie blicken zudem auf Impulse, die in 1200 Jahren vom Aachener Dom ausgegangen sind.

„Ohne die Dommusik in Aachen hätte sich der gregorianische Choral nicht so stark im fränkischen Reich verbreitet“, sagt Domkapellmeister Berthold Botzet. Er war es, der mit Harald Nickoll, Leiter der Musikschule Aachen, und Michael Schmitz-Aufterbeck, Generalintendant des Theaters Aachen, ein facettenreiches Programm entwickelt hat.

In der Zeit vom 23. bis zum 30. September ist für üppigen Klang und viel Begegnung gesorgt, ob nun im Dom oder unter freiem Himmel auf dem Katschhof. Wo 200 Bläser und 300 Streicher aufeinander treffen, braucht man Platz — etwa am 29. September, wenn unter dem Motto „Omdat wij vrienden zijn“ („Weil wir Freunde sind“) junge Instrumentalisten der Musikschulen Kerkrade und Aachen miteinander musizieren. „Die Niederlande pflegen eine große Blechbläsertradition“, erklärt Nickoll. „Das wird eine Art Europa-Happening.“ Bei „Come on and sing“ wird der große Popchor der Musikschule Aachen internationale Popmusik „zum Zuhören und Mitmachen“ anstimmen.

Möglichst viele musikalische Ebenen sollen angesprochen werden. Zusammen mit Solisten und dem Sinfonieorchester unter der Leitung von Justus Thorau wird Regisseur Ludger Engels im Dom ein Frühwerk Georg Friedrich Händels inszenieren: „Il Trionfo del Tempo e del Disinganno“ ist eine geistliche Oper, bei der es um Schönheit und Vergänglichkeit geht. „Damals war Händel zum ersten Mal in Italien, diese Reise hat ihn sehr verändert“, erzählt Schmitz-Aufterbeck. „Dieses Werk von 1706 ist so lebendig und virtuos — es hat mich begeistert.“ Händel war erst 22 Jahre alt, als er die Oper komponierte, in der sich „Schönheit“, „Gefallen“, „Misstrauen“ und „Zeit“ ein sängerisches Streitgespräch liefern.

Deutsche Erstaufführung im Dom

Vor einiger Zeit hat sie sich Schmitz-Aufterbeck in der Oper Zürich angesehen — durch Zufall, denn eigentlich wollte er damals hauptsächlich Cecilia Bartoli erleben. Er verliebt sich in Händels Komposition, die nun in deutscher Erstaufführung als Produktion des Theaters im Dom erklingt. „Vielleicht wird es eine Umsetzung für unser Haus geben, das kann ich aber noch nicht versprechen“, meint Schmitz-Aufterbeck. Nun sind alle gespannt, wie Engels die Aufführungssituation als „szenische Installation“ umsetzt — mitten im Dom.

Hörerlebnisse der besonderen Art verspricht unter dem Motto „Zwischen Erde und Stern“ auch Harald Nickoll. Wenn sich der „Klangzauber mit Initiativchören der Aachener Chorbiennale“ im Dom entfaltet, kann es sein, dass sich der Junge Chor Aachen, Carmina Mundi, der Aachener Kammerchor und der Madrigalchor Aachen auf die vier Himmelsrichtungen verteilen. „Quadrophonischer Gesang hat einen besonderen Reiz“, verspricht Nickoll, der zugleich Gründer von Carmina Mundi ist.

Im A-cappella-Gesang wird an die Gesangstradition am Hofe Karls des Großen erinnert, aber selbst Geräusche oder der Atem der Sängerinnen und Sänger wird eine Rolle spielen. „Man hört alles, was die menschliche Stimme kann“, betont Nickoll. „Und das ist viel mehr als singen.“ Es kann sogar sein, dass sich etwa zwei Chöre im Obergeschoss und zwei im unteren Bereich des Doms aufstellen, das wird sich noch entwickeln. Der „Klangzauber“ verlangt eine durchdachte Dramaturgie, bei der selbst die Wegezeiten zählen.

Gäste aus aller Welt verspricht Berthold Botzet — zum Beispiel die Schola antiqua aus Spanien, die entsprechend ihrer Heimat den „Gesang altspanischer Christen unter maurischer Herrschaft“ im Gepäck hat. Im vierten Konzil von Toledo 633 hat man die „mozarabischen Choralgesänge“ festgelegt, die so in Aachen erklingen werden, wie man es vor 1385 Jahren den Christen in Spanien gestattet hat. Polnische Meister des 17. Jahrhunderts wird das Ensemble Weser-Renaissance mit seinem „Jubilate Deo aus der Kathedrale Krakau“ mitbringen, gotische Musik aus der Kathedrale Reims interpretiert das Ensemble Gilles Binchois aus Frankreich.

Neukompositionen

„Was bei all dem Angebot im Vordergrund bleibt, ist die Dommusik zur Liturgie“, versichert der Domkapellmeister. Und so betont die „Marianische Chormusik“ mit dem Mädchenchor des Doms, dass das Unesco-Baudenkmal auch eine Marienkirche ist.

Bereits beim Auftaktgottesdienst zur Festwoche am 23. September sind Mädchen- und Domchor sowie das Dom-Bläserensemble im Einsatz. Der Dom als Krönungskirche: Ein Beispiel für „Musik zur letzten Aachener Kaiserkrönung 1520/1530“ bringt das Ensemble Josquin capella aus Berlin mit. Und selbst Neukompositionen zu Ehren des Weltkulturerbes Aachener Dom wird es geben.

Für den Abschlussgottesdienst hat der Komponist Klaus Wallrath zwei Hymnen geschaffen. Wallrath ist als Kantor und Chorleiter in Düsseldorf-Gerresheim tätig und unterrichtet zudem an der Folkwang Universität in Essen. Botzet: „Damit schlagen wir eine musikalische Brücke zur liturgischen Musik der Gegenwart.“

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