1. Kultur

Aachen: Was zwei Revolver alles bewirken

Aachen : Was zwei Revolver alles bewirken

Sie sind schon ein originelles Paar - der gealterte, schrullige Schriftsteller Henri de Fressac und Luc Gerbier, der junge Kriminelle, der auf der Flucht vor der Polizei nach einem Banküberfall in das stille Leben de Fressacs stolpert. Seine Kumpels wurden gefasst, er hat einen Mann angeschossen, und jetzt ist ihm alles egal. Oder doch nicht?

Was er nicht weiß: Auch de Fressac ist am Ende. Die Ehefrau hat ihn verlassen und den Hund mitgenommen, die Schreibideen sind verweht. De Fressac greift zum Revolver - da reißt jemand die Tür auf und hat gleichfalls eine Waffe in der Hand...

„Mit dem Finger am Abzug” lautet der beziehungsreiche Titel einer „Räuberpistole” von Alain Reynaud-Fourton (uraufgeführt 2004 in Paris), die in deutscher Erstaufführung und in einer lebensnahen Übersetzung von Intendant Manfred Langner jetzt am Grenzlandtheater Aachen Premiere hatte. In den bewährten Händen von Regisseurin Erika Gesell wird daraus ein spannender und heiterer Abend, der bei aller Situationskomik durchaus Substanz aufweist.

Mit Ernst Wilhelm Lenik als Schriftsteller und Oliver S. El-Fayoumy als Luc kann sie sich auf ein bewährtes Team verlassen, denn schon in dem Stück „16 Verletzte” von Eliam Kraiem haben die beiden im Grenzlandtheater gezeigt, wie gut sie harmonieren.

Kauzig trifft verzweifelt

Hier ist die Konstellation ähnlich: Der lebenskluge, recht kauzige Schriftsteller trifft auf den verzweifelten jungen Mann ohne Hoffnung. Der eine wurde verlassen und ist vom Leben enttäuscht, der andere hat aus dem Gefühl, zum „Müll der Gesellschaft” zu gehören, eine rebellische Straftat nach der anderen begangen.

Lenik ist als frustrierter Eigenbrötler ein wahres „Prachtexemplar” - schief geknöpfte Jacke, schlabberige Hosen, Staub. Der vergilbte Sonnenschirm kündet traurig von besseren Tagen, doch er steht in der Ecke, daneben ein Federballschläger, und im verlassenen Hundekorb sitzen nur noch die Bärchen (Bühne: Charles Copenhaver, Kostüme: Heike M. Schmidt).

Wie schön, wenn sich de Fressacs Selbstmitleid in freudige, fast amüsierte Überraschung wandelt. Da ist er plötzlich wieder - der blitzende Humor, die Ironie, der Spaß am Leben, das er gerade noch beenden wollte. Er erlebt eine Geschichte - und schreibt sie auf, schreibt, schreibt.

El-Fayoumy legt als Luc rasch die Maske des Gangsters ab. Hinter aller Aggression spürt man den ängstlichen, einsamen Jungen, der plötzlich neugierig auf diesen anderen Menschen mit leerem Kühlschrank, ohne Radio und Fernsehen wird. Und der ihn väterlich so annimmt, wie er ist, sich für ihn interessiert. Zwei Welten begegnen und öffnen einander.

Lenik und El-Fayoumy entwickeln ihre Charaktere mit Leidenschaft und Feingefühl. Herzlicher Beifall des Publikums.