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Warten auf die Entschuldigung

Warten auf die Entschuldigung

Alsdorf (an-o) - Zwei Frage stellen fast alle. "Hat sich Silvio Berlusconi schon bei Ihnen persönlich entschuldigt. Ist der Fall für Sie nach dem Anruf des italienischen Ministerpräsidenten bei Kanzler Gerhard Schröder erledigt?" Bis gestern nachmittag lautet die Antwort von Martin Schulz: Nein.

Rund 50 Stunden nach dem Eklat im Straßburger Abgeordnetenhaus glühen im Alsdorfer Regional-Büro des Fraktionsvize der Sozialisten im Europaparlament immer noch die Telefondrähte. Fast minütlich nehmen Stefan Mix und Helmut Hansen, Mitarbeiter von Martin Schulz, Interview-Wünsche entgegen. Die Entgleisung von Berlusconi - Herr Schulz, Sie wären in einem Film die perfekte Besetzung für einen KZ-Kommandanten - haben ihren Chef mit einem Schlag europaweit bekannt gemacht.

Es sind nicht nur die großen Fernsehsender wie die britische BBC oder RTL, die um ein Gespräch bitten. Mehr als 30 Zeitungen und Rundfunkanstalten wollen an Schulz ran: Angefangen vom englischen Renommierblatt "Sunday Times" über das kroatische Radio Zagreb bis hin zu griechischen, irischen und linken italienischen Blättern. Nein, erklärt Schulz wechselweise auf französisch, englisch oder deutsch, Berlusconi habe seinen Ausfall nicht allein gegenüber dem Bundeskanzler zu bedauern, sondern sich beim Präsidenten des Europaparlamentes, Pat Cox, zu entschuldigen.

Dem amtierenden EU-Ratspräsidenten Berlusconi müsse klar gemacht werden, dass er mit seiner wüsten Schimpfkanonade eine Institution - das Europa-Parlament - beleidigt habe. "Wenn Berlusconi sagen würde: Leute, es tut mir leid, das wiederholt sich nicht, dann ist die Sache erledigt," erklärt Schulz dem Deutschlandradio. Er selbst sehe weiterhin keinen Grund, bei Berlusconi um Nachsicht für seine kritischen Fragen zu bitten. "Meine Attacken waren sicherlich hart, wie sie halt im Parlament üblich sind, wie sie aber ein Regierungschef akzeptieren muss."

Seitenhieb auf Schulz

So sehen das auch fast alle Absender der rund hundert Faxe und E-Mails, die gestern allein im Alsdorfer Büro von Schulz eingehen. Viele Italiener melden sich. "Glauben sie mir, Berlusconis Worte sind nicht das, was meine Landsleute denken", entschuldigt sich ein Mann aus Turin für seinen Regierungschef. "Bravissimo", lobt ein anderer Azzuri den Sozialdemokraten.

Doch es sind auch kritische Stimmen im Posteingang. "Ich habe es satt, von arroganten Deutschen immer wieder kritisiert zu werden", mailt ein italienischer Professor aus Dänemark, der Berlusconi beleidigt sieht und wettert: "Ihr Deutschen seit keinen Deut besser."

Unterstützung bekommt Schulz gestern hingegen vom Vizepräsidenten des Europäischen Parlament, Ingo Friedrich. Auch er fordert: Berlusconi muss sich beim Europaparlament entschuldigen. Andernfalls drohe das Verhältnis zur italienischen Ratspräsidentschaft dauerhaft beschädigt zu werden. Allerdings kann sich der CSU-Mann einen kleinen Seitenhieb auf seinen politischen Gegner Schulz nicht verkneifen. "Eine Auseinandersetzung zwischen Primadonnen darf nicht die Arbeitsfähigkeit auf europäischer Ebene gefährden".