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Kalletal: Warten auf den nächsten Schicksalsschlag

Kalletal : Warten auf den nächsten Schicksalsschlag

Die Uhr auf der Anrichte im Wohnzimmer von Petra Makel steht hinter dem Foto ihres Mannes, einem kleinen Holzkreuz, einem Blumenstrauß und einer brennenden Kerze.

Sie tickt laut, unaufhörlich und zerreißt die Stille, als gebe sie den Takt dafür an, dass das Leben weiter geht. Aber wie?

Diese Frage würde die gelernte Eisenbahnerin am liebsten zum Fenster hinausschreien. Über die herrliche Hügelwelt von Ostwestfalen hinweg. Hier, im 30-Seelenort Rentorf (Kalletal), wo die Welt geradezu malerisch in Ordnung zu sein scheint. Wie weiterleben?

Ohne Kevin, den elfjährigen Sohn? Der heute vor einem Jahr nach vierjährigem Wachkoma in Folge eines Badeunfalls starb? Jetzt auch ohne Ehemann Frank, den Petra Makel seit dem 16. Lebensjahr liebt? Zudem ohne finanzielle Mittel? Die 32-jährige Frau, im sechsten Monat schwanger, streicht sich über den Bauch und sagt: „Wenn ich meinem Mann glaube, dann wird es wieder ein Junge.” Ein angedeutetes Lächeln huscht über ihr von Tränen gezeichnetes Gesicht.

Ausweichschneise von Schulkindern versperrt

Ihr Mann. Frank Makel, 41 Jahre alt, von Beruf und Leidenschaft Fernfahrer, gestorben am Freitag, 25. Juni, 12 Uhr, im Flammeninferno von Kerkrade, wo er inzwischen eine Art Heldenstatus hat. Weil er die einzige Möglichkeit, sich zu retten nicht nutzte: Die Ausweichschneise für den offensichtlich bremsenlosen 40-Tonner auf eine Wiese war von Schulkindern versperrt. „Frank wusste, was es bedeutet, ein Kind zu verlieren. Er wusste, wie weh das tut. Er wollte das den Eltern ersparen”, ist seine Frau überzeugt. Und immer wieder fragt sie sich: „Warum ist er nicht herausgesprungen?” Vermutlich um weiteres Leben zu retten: Kurz vor dem Supermarkt, in den sich der Laster schließlich zehn Meter tief hineinbohrte, wich Frank Makel einem Pkw mit Frau und Kind aus.

Wieder Stille. Wieder dieses Ticken der Uhr. Ihre Söhne Kenny (9) und Kim (3) hat Petra Makel zu Freunden geschickt. Kenny war dabei, als die beiden Polizeibeamten an jenem 25. Juni gegen 18 Uhr vor der Tür ihres gemieteten Natursteinhauses standen: „Sind Sie Frau Makel? Es ist sehr wahrscheinlich, dass Ihr Mann einen tödlichen Unfall hatte.” Kenny drehte sich um und sagte: „Mama, ich gehe nach oben.” Er verweigert sich seitdem. Der Junge spricht nicht über den Tod des Vaters, auch nicht über Kevin. Oder er weint. Der kleine Kim verarbeitet die Tragödie im Spiel mit Matchboxautos und Crash-Szenarien: „Papa Unfall, Papa tot.”

Petra Makel selber stehen eine Freundin, weitere gute Freunde und der Kerkrader Pfarrer Sjang Schumans zur Seite. Allerdings nehmen nicht alle im Dorf Anteil: „Manche wissen vielleicht nicht, wie sie mir begegnen sollen”, versucht sie das zu erklären. Im Regal liegen ungezählte Beileidsbriefe aus unserer Region, insbesondere aus Kerkrade und Herzogenrath. So auch von jener Schule, deren Kinder ihr Mann verschonte. „Ich werde versuchen, die Briefe nach und nach zu beantworten, aber manche haben keinen Absender. Auf diesem Wege sage ich schon einmal Danke”, flüstert die 32-Jährige unter Tränen.

„Wir wollten grillen”

Und nochmal kommen wir auf diesen verfluchten, sonnigen Freitag, 25. Juni, zu sprechen. Die Woche schien wie jede andere zu verlaufen. Seit drei Jahren war Frank Makel - zuletzt für die Spedition Egon Müller aus Bad Salzufflen - von Montag bis Freitag unterwegs. An jenem Tag hatte er bei Düsseldorf Stahlplatten geladen und sollte sie in die Niederlande bringen: „Wie täglich haben wir auch am Abend zuvor lange telefoniert”, sagt Petra Makel. Wochenendpläne hätten sie geschmiedet. „Wir wollten grillen und mit den Kindern einen Ausflug machen.” Ihre wunderschöne Wohngegend war für die gebürtigen Brandenburger einst Urlaubsgebiet - schließlich bekamen sie den Kick, dorthin zu ziehen. „In diesen Tagen hätten wir wieder Urlaub gehabt”, erzählt sie. „Wir wollten zuerst renovieren, dann zur Schwiegermutter nach Berlin und im Anschluss an die Ostsee.” Gemeinsam noch hatten sie Kevins Sterbezimmer umgestaltet, die Bilder schon abgehängt.

Doch dann, „von einer Sekunde auf die andere brach die Welt zusammen”, so Petra Makel. Seit dem 25. Juni findet sie erst in den Morgenstunden Schlaf, „weil ich nachts Frank nach Hause kommen sehe”. In ihrer Schlaflosigkeit hängt sie der Sinndeutung von Mysterien, dem Bewältigen von Ohnmacht nach: „Am 29. August 2003 wurde Kevin beerdigt, ebenfalls an einem 29., nämlich im Juli, wurde Frank beigesetzt. Kenny war dreieinhalb, als Kevin den Unfall hatte. Kim war dreieinhalb, als sein Vater starb. Und an Franks Todestag hätte meine Oma Geburtstag gehabt.”

„Ich muss stabil bleiben”

Es sind angstgetriebene Gedanken: „Ich warte darauf, dass das Schicksal zum nächsten Schlag ausholt.” Und dennoch. Petra Makel ist eine starke Frau. „Ich muss stabil bleiben, ich darf nicht in die Knie gehen. Das bin ich unseren Kindern schuldig.”

Nächsten Sommer werde sie nach Kerkrade fahren, „um abzuschließen”. „Jetzt ist es noch zu früh”, sagt Petra Makel. Ende November wird sie entbinden. „Wir wollten eigentlich gar kein Kind mehr. Aber es sollte wohl so sein. Und ein Junge wird es bestimmt. Frank hatte auch früher mit seiner Vorhersage immer Recht.” Wieder wird es still. Und wieder tickt die Uhr so laut.

Zum Thema:

Zum persönlichen Leid kommt Petra Makels wirtschaftlich schwierige Situation, die auch in Zukunft nicht absehbar erscheint. Die juristische Klärung des Unfalls in Kerkrade, bei dem offensichtlich die Bremsen des Lastwagens versagten, sowie eine damit möglicherweise verbundene Entschädigung wird voraussichtlich viel Zeit in Anspruch nehmen - mit offenem Ausgang.

Eine Lebensversicherung existiert nicht. Finanzielle Reserven der Familie flossen vier Jahre lang in die Pflege des im Koma liegenden Sohn Kevin, der vor einem Jahr elfjährig starb.

Wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser der Familie helfen möchten, spenden Sie bitte auf unser Konto von „Menschen helfen Menschen”, 776666, Sparkasse Aachen, BLZ 39050000, Stichwort Frank Makel.