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Aachen: Warhol-Bilder: Nationales Kulturgut oder nur Dekoration?

Aachen : Warhol-Bilder: Nationales Kulturgut oder nur Dekoration?

Wirbel ohne Ende: Die bevorstehende Versteigerung der beiden Bilder „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ aus dem Aachener Spielcasino am 12. November in New York erregt Politiker und Museumsdirektoren gleichermaßen. Am Donnerstag debattierte der Kulturausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags darüber — klar ist: Der Verkauf lässt sich nicht mehr verhindern.

Das Auktionshaus Christie‘s habe eine „Verkaufsgarantie“, erklärte am Donnerstag pikanterweise das NRW-Finanzministerium, während bislang immer von einer „autonomen Entscheidung“ der Casino betreibenden Westdeutschen Spielbanken GmbH & Co. KG die Rede war. Indessen hat ausgerechnet ein „alter Hase“ der internationalen Szene, der als unermüdlicher Impresario noch immer auf Seiten der Kunst stand, absolut nichts gegen den Verkauf der Warhols: Wolfgang Becker, ehemaliger Leiter der Neuen Galerie — Sammlung Ludwig und Gründungsdirektor des Aachener Ludwig Forums. Er verfertigte damals auch noch den Katalog für die Sammlung der Aachener Spielbank.

Eine bislang einsame Stimme, das belegt nicht nur die ganz gegenteilige Meinung von Beckers Kollegin Annette Lagler, der stellvertretenden Leiterin des Aachener Ludwig Forums, sondern auch ein weiterer Protestbrief von 27 Museumschefs innerhalb einer Woche. Sie wollen auch Kunstwerke im „indirekten Landesbesitz“ vor der Veräußerung geschützt sehen.

Damit aber noch lange nicht genug: Der Umgang des Aachener Casinos mit seiner Kunstsammlung gerät immer mehr in die Kritik. Ein Mitarbeiter der Spielbank, der seinen Namen nicht genannt wissen will, meldete sich am Donnerstag bei unserer Zeitung und erklärte, dass nicht nur der monumentale, 13 Meter hohe „Lichtregen“ von Zero-Künstler Heinz Mack mit 7000 elektrischen Lichtquellen abmontiert und weggeschmissen wurde, sondern dass auch eine Skulptur des Kölner Künstlers Victor Bonato aus der casinoeigenen Diskothek „im Container“ gelandet sei.

„Sachgerecht entfernt“

Mit diesen Aussagen konfrontiert, bestätigt Westspiel-Pressesprecher Christof Schramm, dass Macks „Riesenskulptur über drei Etagen“ 2003 „sachgerecht“ entfernt wurde, da sie nicht mehr funktionsfähig und nicht mehr zu reparieren gewesen sei. Der Künstler sei naturgemäß nicht begeistert gewesen davon, habe aber sein Einverständnis gegeben.

Mack selbst erinnert sich dagegen ganz anders: „Eines Tages bekam ich Post vom Casino, dass man sich von meiner Arbeit trennen wolle“, erklärte er gegenüber der Online-Ausgabe der „Bild“-Zeitung. „Aber dann hatte man es ohne Absprache mit mir weggeworfen. Bei der Demontage war ich nicht dabei, sie war nicht sorgfältig genug. Das war ein Totalschaden.“ Macks Vorwurf gipfelt in dem Satz: „Frau Kraft hat mir zwar den Verdienstorden umgehängt, aber wo bitte ist ihr Verständnis für die Kunst?“

Nun kann Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) im Ernst nicht die Verantwortung dafür in die Schuhe geschoben werden, dass auch ein Warhol-Siebdruck mit einer Marilyn-Monroe-Darstellung von Handwerkern im Aachener Spielcasino für eine Tapete gehalten und durchbohrt wurde. Immerhin: Kulturministerin Ute Schäfer (SPD) regte in der Debatte die Einrichtung eines Runden Tischs an, wo sicher auch das Thema „verschandelte Kunst in Aachen“ zur Sprache kommen dürfte.

Und was ist mit der angeblich verschwundenen Skulptur von Victor Bonato? Westspiel-Sprecher Schramm hat nach unserer Anfrage am Donnerstag recherchiert — und nichts gefunden über ein solches Werk.

„Scharf auf die Kohle“

Als „Witz“ bezeichnet indessen der ehemalige Leiter des Aachener Spielcasinos Günter Münstermann, jetzt geschäftsführender Gesellschafter der Spielbank Berlin, den Verkauf der Warhol-Bilder. „Das Finanzministerium ist doch scharf auf die Kohle“, sagt er und drückt damit deutlich seinen Zweifel aus, dass mit den gerechneten 100 Millionen Euro tatsächlich das westdeutsche Spielbankwesen saniert und ein neues Casino in Köln finanziert werden soll. Der gebürtige Hastenrather: „Solche Bilder hätte ich gerne hier bei uns in Berlin.“

Münstermann wird mit seiner Einschätzung nach der Debatte im NRW-Kulturausschuss zumindest teilweise bestätigt: Maximal 80,6 Millionen Euro soll Westspiel aus der Versteigerung bekommen, der mögliche Rest wandert in die Landeskasse...

„Pure Spekulation“ — so kommentiert Wolfgang Becker die infrage stehende Summe. „Warten wir doch erst einmal ab.“ „Kaum zur Kenntnis genommen“, „Varianten von mehreren Bildern“, „dekorativ über dem Spieltisch hängend“, „im Kontext von Rauchen und Trinken“ — Becker wundert sich, dass nie besondere Aufmerksamkeit genossen habende Bilder jetzt auf einmal als „schützenswertes Kulturgut“ gepriesen werden. „Das hat viele lächerliche Seiten.“

„Selbst erwirtschaftet“

Im Übrigen widerspricht er der gerne wiederholten Behauptung, die Warhols wären mit öffentlichen Mitteln erworben worden. „Stimmt doch nicht! Sie wurden bezahlt von Geldern, die die Spielbank selbst erwirtschaftet hat.“ Und als solche habe sie ebenso das Recht wie eine Commerzbank, die einen millionenschweren Giacometti versteigern lässt, die eigene Existenz über den Verkauf eines eigenen Kunstwerks zu sichern. „Das halte ich überhaupt nicht für anrüchig“, sagt Becker. „Wenn Karstadt solche Bilder besitzen sollte, rate ich dringend dazu, sie zu verkaufen.“ Und: „Die Warhols sind sicher sehr schöne Bilder, aber die hängen ja nicht umsonst in einem Spielcasino.“ Warhol über einem Spieltisch? „Das findet man sicher auch in Las Vegas.“

Angesichts solcher Worte dürfte seiner Kollegin Annette Lagler das Herz bluten. Und sie erinnert an die „ungeheure Bedeutung der Warhol-Werke gerade für Aachen“: „Über Nacht ist Aachen 1968 mit der Pop-Art-Ausstellung von Peter Ludwig zum weltweiten Mekka der Kunst geworden.“ Und Warhol habe mit den entscheidenden Beitrag dazu geleistet, sagt sie. „Erst jetzt wird das alles für viele begreifbar.“ Damals hatten die Museumsleute in den USA selbst Angst vor einem Ausverkauf amerikanischer Kunst nach Europa — sprich Aachen.

Ironie der Geschichte: Vermutlich würde sich Warhol jetzt keineswegs im Grabe umdrehen, sondern sich eher amüsieren über den geplanten Verkauf und die Debatte darüber: „Schließlich wollte er ja gerade Kunst nicht mehr im goldenen Barockrahmen sehen, sondern im ganz gemeinen Alltag. Neu, frech, lebendig sollte sie sein, in Büros hängen und nicht mehr feierlich präsentiert hinter weitgehend verschlossenen Türen.“ Ein Spielcasino als Ausstellungsort für Warhols Werke — das müsste ganz im Sinne des Künstlers sein.

„Allerdings“, gibt Annette Lagler zu, „allerdings passt dieser ironische Witz nur in diese Zeit selbst.“ Erst sehr viel später ist die Bedeutung dieses typisch Warhol‘schen Hintersinns erkannt und gewürdigt worden. Und genau das hat dann auch den Wert der Werke bestimmt. Ob allerdings 100 Millionen Euro der angemessene Preis ist: Die Kunsthistorikerin zuckt mit den Schultern. Aber: „Realistisch ist das schon. Wenn man sich die Preise der letzten Jahre vor Augen hält...“

Der Verkauf, wenn er offenbar auch nicht mehr zu stoppen ist: „Er darf auf keinen Fall sang- und klanglos über die Bühne gehen“, sagt sie. „Es muss darüber intensiv diskutiert werden.“ Zugleich werde darüber das Bewusstsein geschaffen, dass durch den Aachener Sammler Peter Ludwig viele amerikanische Künstler überhaupt bekannt geworden sind.

Im Kulturausschuss des Landtags immerhin bedauerten Vertreter aller Fraktionen den Verkauf der Bilder — wie unschuldige Lämmer, die mit großen Augen große Ereignisse bestaunen, aber nicht verstehen.