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Aachen: Walter Vogel schenkt dem Suermondt-Ludwig-Museum 34 Werke

Aachen : Walter Vogel schenkt dem Suermondt-Ludwig-Museum 34 Werke

Eine Meute alter Männer schart sich in Paris vor dem Eingang des Moulin Rouge zur Nachmittagsvorstellung — die ist wahrscheinlich erschwinglicher als die am Abend. Eine scheinbar unscheinbare Momentaufnahme in Schwarz-Weiß, aber mit durchaus witziger Note: Offenbart die Szene doch, dass diese gebeugten Herren bei aller Gebrechlichkeit noch einiges an überraschender Vitalität in sich bergen.

Es sind sensible Bilder mit Hintersinn wie diese, die Walter Vogel als den großen deutschen Reportagefotografen ausweisen. 2005 stellte das Aachener Suermondt-Ludwig-Museum — namentlich dessen Mitarbeiterin Sylvia Böhmer — das fotografische Lebenswerk des gebürtigen Düsseldorfers erstmals in einer Ausstellung mit 120 Arbeiten aus 50 Jahren umfassend vor.

Die gegenseitige Zuneigung zwischen dem heute 84-Jährigen und dem Aachener Museum ist geblieben — jetzt schenkte Walter Vogel dem Haus 34 seiner Werke, die zwischen 1954 und 2004 entstanden sind und die ganze Kunst dieses Großmeisters der Fotografie faszinierend vor Augen führen. Sylvia Böhmer durfte die Fotos selber auswählen. Zur Eröffnung der Ausstellung im Kupferstichkabinett wird der Künstler am Mittwochabend anwesend sein.

Walter Vogel, der unter anderem für das „Zeit-Magazin“ und den „Spiegel“ gearbeitet hat, gilt als Klassiker der Bildreportage. Gleichwohl entstanden die beeindruckenden Aufnahmen zumeist nicht als Auftragsarbeiten, sondern in Eigenregie auf Reisen durch die ganze Welt. „Schauplätze des Lebens“ lautet denn auch so schlicht wie treffend das Thema der Schau.

Der gelernte Maschinenbau-Ingenieur schmeißt 1963 den gesicherten Job und nimmt an der Folkwangschule in Essen erneut ein Studium auf: das der Fotografie. Erste Reportagen widmet er dem Ruhrgebiet und dem Zirkus, später der Düsseldorfer Kunstszene, seiner Freundin Pina Bausch, damals noch Tanzschülerin in Essen. Später geht er auf Reisen nach Asien und Afrika. Lüttich und Paris durchstreift er bis in die letzten Winkel.

Es sind immer die kleinen Leute, denen er sich nähert in ihrer auf den ersten Blick unwürdig erscheinenden, in den 50ern und 60ern im Kohlenpott zum Beispiel von Kriegsschäden und rußigen Industriemonstern geprägten Umgebung. Ein Ausdruck von Melancholie, aber auch hintergründiger, feinsinniger Humor kennzeichnet die technisch makellosen, in geduldiger Dunkelkammerarbeit perfektionierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen.

Der Ruhrpott, Paris, Italien, Lüttich, Afrika und Asien — das sind nun die 34 ausgewählten „Schauplätze des Lebens“, die bisweilen die tragikomische Vergeblichkeit im menschlichen Leben in einer einzigen amüsanten Szenerie offenbaren: Auf einer schier unendlich erscheinenden, sandigen Wüstenstraße in Westafrika könnte sich ein einsamer Mann glücklich wähnen, ein Moped zu besitzen — allein: Es ist defekt, er muss es schieben.

Paris, eine Bar: Der Kellner trinkt ein Glas leer — Vogel nennt die Aufnahme „Der letzte Schluck“, mit Blick auf den bevorstehenden Abriss der legendären Markthallen nebenan. In Lüttich findet er 1973 eine urtümliche Kneipe, in dem zwei Musikanten ihr Instrumentarium mit Riesentrommel aufgebaut haben und den Raum damit fast erdrücken. Erst kürzlich war Vogel mit Sylvia Böhmer in Lüttich unterwegs, um solch skurrile Etablissements wie aus einer anderen Zeit noch einmal aufzustöbern. Vergebens: „Wir sind nicht fündig geworden“, erzählt die Kuratorin.

Oft sind es im Verschwinden begriffene Lebensformen, kulturelle Ausprägungen und Milieus, die Walter Vogel mit seiner Kamera noch ein letztes Mal zu dokumentieren sucht, und sei es mit einem intimen Blick in die untergehende Cafébar-Kultur in Italien. Punktgenau „schießt“ er dabei seine Bilder, groteske Gegensätze der Alltags- und Arbeitswelt offenbaren sich dabei oftmals erst beim zweiten Hinsehen: Während etwa der gewaltige Schwertfisch in der Fischhandlung in Genua halb zersägt sein Leben längst ausgehaucht hat, saugt der Arbeiter dahinter gleichmütig an seiner Zigarette und unterhält sich mit dem Kollegen.

„Schauplätze des Lebens“: Wäscher in Bombay, Straßenbahn-Passagiere in Salzburg, Kirmesbesucher in Düsseldorf. Vogel fängt unerhört feinfühlig Gesten und Gesichter ein mit jenem großen Respekt, den er sich aus seiner eigenen Arbeitszeit in einer Gießerei bewahrt hat.