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Aachen: Walter-Hasenclever-Literaturpreis für Autor Michael Köhlmeier

Aachen : Walter-Hasenclever-Literaturpreis für Autor Michael Köhlmeier

Kann der Mann fesselnd und humorvoll erzählen: Michael Köhlmeier. Knapp übertroffen wird er nur noch von seinem Freund Konrad Paul Liessmann. Der eine ist österreichischer Schriftsteller aus Vorarlberg, der andere Philosoph und Professor an der Universität Wien.

Beide kennen sich seit 30 Jahren. Im Ballsaal des Alten Kurhauses in Aachen faszinierten sie am Sonntagvormittag das Publikum bei der Verleihung des Walter-Hasenclever-Literaturpreises an den Vorarlberger mit einem grandiosen Ersatz der bei solchen Veranstaltungen sonst üblichen Laudatio.

Erstaunliche Parallelen

Köhlmeier, dessen Spezialität es auch ist, antike Sagen nachzudichten, erzählte die mythologische Geschichte vom musikalischen Wettstreit des Satyrn Marsyas mit Gott Apollon — der für den Verlierer, den Dämon, schlecht ausgegangen war: Apollon zog ihm nach der provokativen Herausforderung bei lebendigem Leib die Haut ab. Liessmann interpretierte in seinem Part des philosophisch-literarischen Dialogs diese uralte Geschichte und fand verblüffende Parallelen zur europäischen Kunst im Allgemeinen und zur aktuellen Preisverleihung im Speziellen — das alles frei, lebendig und eloquent in sprühende Sätze gefasst. Kurz: ein luftiger intellektueller Hochgenuss.

Am Vorabend der Verleihung fand an gleicher Stelle eine Lesung mit Köhlmeier statt, unter anderem aus dem neuen Roman „Zwei Herren am Strand“ (Hanser) mit dem der Autor in diesem Jahr auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand. Köhlmeier erzählt darin über das Treffen der engen Freunde Charlie Chaplin und Winston Churchill praktisch die Geschichte des 20. Jahrhunderts — zwischen den Dimensionen Politik und Kunst, Ernst und Komik.

Einen weiten Bogen schlug auch Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp in seinem Grußwort zu Beginn, in dem er Köhlmeiers Werk sehr treffend zu würdigen wusste — von der griechischen Mythologie, wie sie der Preisträger ganz neu „für die Gegenwart interpretiert“, bis zum Europa unserer Tage. Nur mit dem Wissen und der Weisheit vergangener Generationen, so das Credo, könne die Zukunft gestaltet werden. Dass die Preisverleihung dann auch noch ausgerechnet am 9. November, dem Schicksalstag der Deutschen, stattfand — auch dieser Tatsache konnte Philipp beziehungsreiche Aspekte abgewinnen, über die Erinnerung an das bittere Schicksal des Namensgebers Hasenclever bis zum daraus resultierenden Appell, heutigen Flüchtlingen vermehrt Hilfe zu bieten.

Vergleich mit Hasenclever

In seiner Dankesrede verglich Köhlmeier sein Leben mit dem des Aachener Autors Walter Hasenclever, der sich in der Nacht vom 21. auf den 22. Juni 1940 im Internierungslager Les Milles bei Aix-en-Provence das Leben nahm, und befand mit Blick auf seine eigenen 65 Jahre: „Ich lebte in einer gnadenvollen Zeit“, und nicht, wie Hasenclever es damals für sich ausdrückte, in „einer Zeit, die günstig ist für Verbrechen.“ Selbst radikalste Ansichten, die Köhlmeier noch im Alter von 24 Jahren vertrat, seien ihm nicht zum Verhängnis geworden. Und: „Mir diktiert die Zeit kein Thema. Ich kann schreiben ohne Thema.“ Frei, ganz unbedrängt — und das, obwohl er während des Studiums in Marburg in einer WG mit Trotzkisten, Maoisten und selbst RAF-Sympathisanten gewohnt habe. Auch ein treffendes, sehr persönliches Wort über das freie Deutschland zum 9. November.

Alle Beteiligten der würdigen Veranstaltung bekamen sehr viel Beifall vom Publikum, auch Heribert Leuchter, dem Köhlmeier für seine „so zarten Töne“ dankte, die er mit seinem „mächtigen Instrument Baritonsaxophon“ gezaubert hatte.