Aachen: Vorzügliche Winterreise mit vorzeitigem Ende

Aachen : Vorzügliche Winterreise mit vorzeitigem Ende

Diese Winterreise blieb eine Unvollendete. So sehr sich die Veranstalter der Kammermusikreihe Accordate über die Verpflichtung des prominenten Sängers Matthias Goerne und seines Klavierpartners Alexander Schmalcz gefreut hatten, so groß war die Enttäuschung, als der gefeierte Bariton nach dem ersten Lied der zweiten Abteilung von Franz Schuberts Liederzyklus „Die Winterreise“ seinen Vortrag wegen einer Medikamentenallergie abbrechen musste.

Er ließ ein betroffenes, aber verständnisvolles Publikum im Aachener Rathaus zurück, das sich bis dahin an einem exzellenten Liedvortrag erfreuen konnte. Es mag Liedsänger geben, deren Stimme fokussierter ist und mehr Kern besitzt. Dafür besticht Goerne mit einer Wärme des Vortrags, einer Intensität des Ausdrucks, einer perfekten Balance zwischen Deklamation und Gestaltung der Linie, die zutiefst berühren und das Drama des einsamen Wanderers durch die winterliche und emotionale Kälte, die von Schubert in so unvergleichlicher Weise und Eindringlichkeit dargestellt wurden, geradezu hautnah miterleben lassen.

Und wieder einmal wird einem die Größe dieses Komponisten bewusst, der die 24 Gedichte von Wilhelm Müller in so revolutionärer Weise vertonte, dass selbst seine besten Freunde von diesem „Zyklus schauerlicher Lieder“ irritiert waren und der damit den Höhepunkt seines Liedschaffens erreichte. Goerne leistet sich bei seiner Interpretation nicht die geringsten Maniriertheiten, wie man sie in der Spätphase seiner Sängerlaufbahn von einem seiner Lehrer, Dietrich Fischer-Dieskau, ertragen musste und die danach Schule machten.

Das ist ganz textbezogen mit Stellen von zarter Innerlichkeit, in denen der Sänger in der Höhe mit einer perfekten Voix mixte arbeitet, aber auch mit emotionalen Ausbrüchen, in denen er sein gesamtes Stimmvolumen entfaltet und bei denen der Opernsänger offenkundig wird. Abgesehen von kleinen Tempoverzögerungen wie etwa in der „Wasserflut“ bleibt sein Vortrag streng mit beeindruckendem Legatogesang und zugleich großer Textverständlichkeit.

Einen großen Anteil an der packenden Darstellung hatte Alexander Schmalcz, der den für die Schilderung der psychischen Spannungen des einsamen Wanderers so elementar wichtigen Klavierpart höchst sensibel, mit Verzicht auf allzu heftige Akzente interpretierte und ein gleichgewichtiger Partner des Sängers war. Um so größer war die Enttäuschung des Publikums, dass dieser vorzügliche Vortrag ein vorzeitiges Ende nahm.

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