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Aachen: Von Zahnärzten, die gar keine waren

Aachen : Von Zahnärzten, die gar keine waren

Eine Spritze hilft gegen Zahnschmerzen. Eine Füllung gibt es bei Löchern. Eine bunte Zahnspange richtet schiefe Zähne. Und wer keine Zähne mehr hat, kann heute eine Prothese, die „Dritten Zähne”, erhalten. Klar. Das weiß jedes Kind.

Aber wie die Menschen früher mit Zahnschmerzen umgegangen sind und welche Rolle Zahnwürmer, Zahnbrecher und Zahnkünstler damals gespielt haben, das hat Professor Dominik Groß (43) am Freitag im Hörsaal Audimax 1200 staunenden Kinderuni-Hörern erklärt.

Groß ist nicht nur Arzt und Zahnarzt von Beruf, sondern auch Historiker. Am Institut für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin der RWTH Aachen beschäftigt sich der Professor mit der Zahnmedizin von der Geschichte bis zur Gegenwart.

„Vor 100 bis 200 Jahren gab es kaum Zahnärzte. Bis ins 19. Jahrhundert haben Laien Menschen mit Zahnschmerzen behandelt. Sie hießen Zahnbrecher und Zahnkünstler, hatten meist keine Ausbildung und waren somit keine Zahnärzte im heutigen Sinn”, erzählt Groß den jungen Hörern.

Dann zeigt er Bilder von den alten Zeiten. Die Kinder im Hörsaal staunen: Zeichnungen von Zahnwürmern, verfaulte Gebisse, Gemälde von Patienten,denen die Angst ins Gesicht geschrieben steht. Es gab schließlich auch keine Betäubungsmit-

tel. Höchs- tens Alkoholika. Damals hatten die Menschen kein Vertrauen in die Zahnbehandler. „Sie gingen nur im äußersten Notfall und bei sehr schlimmen Schmerzen zum Zahnbehandler. Und der hat dann häufig die Zähne einfach herausgebrochen und die Wurzel steckenlassen”, sagt Groß. Das hat das Problem verschärft. Zum Eiterschmerz kam der Schmerz durch den abgebrochenen Zahn hinzu.

„Bevor es Antibiotika gab, konnte der Patient an den Folgen eines Eiterzahns sogar sterben”, sagt Groß und beruhigt. Heute bestehe keine Lebensgefahr. Auch wenn der Besuch nicht immer angenehm ist: „Kinder brauchen keine Angst zu haben. Vor allem, wenn sie regelmäßig ihre Zähne putzen.”

Und Zahnwürmer gab es ohnehin nie. „Lange Zeit dachten die Menschen aber, dass die Zähne im Mund von Zahnwürmern zerfressen werden. Teilweise hat man bei offenem Mund die Zähne ausgeräuchert, weil man dachte, man könne sie so vertreiben.” Das sei jedoch genauso ein Irrglaube gewesen wie die Wundermittel von damals, die nichts getaugt hätten.

Heute ist klar: Bakterien im Mund verursachen Zahnkaries. Zum Abschluss der Vorlesung fragt Groß das Wissen der jungen Hörer ab. „Zahnschmelz ist das härteste Gewebe in Deinem Körper, härter als Stahl.” Das stimmt. In der nächsten Quiz-Frage geht es um Fluorid: Es schützt, etwa als Tablette, den Zahnschmelz.

Und weil Zahnkaries ansteckend ist, empfiehlt Groß: „Jeder sollte seine eigene Zahnbürste benutzen. Und Eltern nicht den Schnuller ihrer Kinder ablecken.” Wenn die ersten Borsten der Bürste sich zur Seite biegen, wird es Zeit, sie zu wechseln. Bei einem Kind ist das schon nach vier Wochen der Fall, spätestens nach drei Monaten, rät der Experte zu einer neuen Zahnbürste. Damit die Kinder möglichst ihr Leben lang ohne die „Dritten” auskommen.