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Aachen: Von einer Freundschaft, vom Flüchten und Standhalten

Aachen : Von einer Freundschaft, vom Flüchten und Standhalten

Michael und ich haben uns am 12. September 1972 kennengelernt. Da waren wir 21. Es war die Einführungsveranstaltung der damaligen Fachhochschule für Betriebswirtschaft in Aachen. Michael stand schon oben im Hörsaal, braunes Gesicht, dünne hellblonde Haare, rotes T-Shirt, Lederbänder um den Hals und an den Armen, Sportlerfigur.

Ich kam eindrucksvoll zu spät, per Anhalter aus Frankreich mit einem großen Rucksack.

Nach der Einführung, in der der Rektor von den Wonnen der Mikro- und der Makroökonomie schwärmte, fanden sich unsere Blicke. „Geh´n wir n´ Kaffee trinken?”, fragte Michael. Im Grunde war in diesem Moment unsere Freundschaft beschlossen.

Ein Kerl mit Lederbändern und ein Typ mit Rucksack und Vollbart inmitten von blassen Muttersöhnchen mit Aktenköfferchen. Alles klar. Dass wir beiden die größten Muttersöhnchen waren, gehörte zu den offenen Geheimnissen dieser Freundschaft.

Ein ganzes Semester haben wir dann nicht durchgehalten, obwohl die Dozenten für Rechnungswesen, Unternehmensführung und Marketing sich alle Mühe gegeben haben. Ich habe später brav mein Bafög zurückgezahlt. Michael eher nicht.

„Reinhauen ist einfacher”

Wir haben übereinander Gedichte geschrieben, Heinrich Heine Rosen aufs Grab gelegt, nach ein paar Runden in der Kneipe von Frau Ermschel Schopenhauer widerlegt, Enzensberger gelobt und anschließend Peter Maffay in der Jukebox gedrückt. Michael hat immer sentimentale Musik geliebt. Ich habe den Umweg über den Jazz genommen.

Er hat mir eine Karriere als Jurist geweissagt, ich ihm eine als Schriftsteller. Immerhin habe ich später viel über Mord und Totschlag geschrieben. Vielleicht meine beste Zeit. Man lernt, wieviel Glück man hatte, nicht auf der anderen Seite zu sitzen. Michael kam öfter mit einer Verletzung an. Aber aus diesen Geschichten hat er mich herausgehalten.

Natürlich waren wir in die jeweilige Freundin des anderen verliebt, und manchmal ging das ineinander über. In so einem Moment des Übergangs, als mich die ersten Zweifel an meiner Vernünftigkeit überkamen, und ich den Lebensmut von beiden beneidete, sagte eine Freundin: „Reinhauen ist viel einfacher.” Sie sitzt heute im Europaparlament und macht, wie ich höre, ziemlich vernünftige sozialdemokratische Politik.

Michael hat dann ein Jurastudium abgebrochen, sich noch als Versicherungsvertreter und Verkäufer versucht und einen Mercedes auf Pump gekauft, bevor er zum ersten Mal abgehauen ist nach Kreta. Erst Monate, dann fast für ein Jahr, dann immer wieder einmal. Sein Griechenland. Reisen, unterwegs sein. Seine Sehnsucht. Auch meine Sehnsucht. Ich habe dann ein Studium abgeschlossen, nach vielen Semestern, meine Eltern atmeten auf.

Michael schrieb lange Briefe von den Bauern, der Olivenernte und den Eigenarten der Kreter, ich berichtete von meinen ersten Artikeln über den Eschweiler Ratsausschüsse und dass ich ein Haus mit Garten gemietet habe. Wenn Michael zurückkam, haben wir über das Leben geredet, das Leben an sich. Über Ehrlichkeit, was man wollte, was man nicht geschafft hat, über unsere Frauen, unsere Zweifel an uns selbst. Was Freunde miteinander reden. Dass wir beide nicht dafür gebaut waren, es lange irgendwo auszuhalten, weil wir fürchteten, mit unseren Unzulänglichkeiten über kurz oder lang aufzufliegen.

Michael ist immer geflüchtet. Aus jeder Arbeitsstelle, aus seiner Vaterschaft, aus nahezu jeder gesellschaftlichen Verantwortung. Aber wenn schlecht über einen geredet wurde und sich alle in ihrer Einigkeit darüber sonnten, ließ er sich quälend genau erklären, was denn eigentlich so schlimm an demjenigen sei. Man sah in der Regel nicht gut dabei aus.

Michael sprach gerne fremde Menschen auf der Straße an, meist ältere Damen und verwickelte sie in ein Gespräch, mit dem Charme eines Heiratsschwindlers. Mir war das anfangs peinlich. Die Frauen jedoch sagten: „Dass Sie sich aber so viel Zeit für mich genommen haben, junger Mann!” Auf unseren Feten war er es, der mit den Kindern spielte und ihnen abenteuerliche Geschichten erfand.

Irgendwann konnte Michael seine Geschichten und sein Leben nicht mehr auseinanderhalten. Marlon Brando war einer seiner großen Helden, Werner Herzog, der Filmemacher, ein anderer. Vermutlich stimmt auch vieles nicht, was er mir erzählt hat. Doch als meine Lust nachließ, amerikanische Politiker und rheinische Kämmerer jeden Tag als Schurken zu entlarven, hat er mir dicke Briefe mit kritischer Literatur geschickt: „Da musst du unbedingt was drüber machen!”

Michael war Alkoholiker, das habe ich lange nicht gemerkt. Von Dresden aus, wo er sich die letzten Jahre verkrochen hatte, hat er den am meisten demütigenden Entzug von allen gemacht, den bei Synanon. Eine Zeitlang schien er tatsächlich trocken. Dann wurde er, der Sportstyp, immer dicker. Weil er sich dessen schämte, hat er noch mehr gegessen.

Die letzte Reise

Im September 2007 hat er sich noch einmal nach Kreta aufgemacht, ein Kreta, das längst ein anderes war. Maultiere wollte er züchten, Maler werden, endlich sein Buch schreiben. Im Dezember hörten die Briefe mit den großen Plänen auf. Seine letzte Mail vom März schließt mit den Worten „sobald ich mich wieder unter Kontrolle habe, schreib ich dir”. Er hat wohl die Kerze noch einmal von oben und von unten angemacht. „Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß...”, war eins unserer Lieblingsgedichte. „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.” Am 19. Oktober ist Michael nicht mehr aufgewacht.

Wir wollten zusammen alt werden. Das müssen wir nun irgendwie anders definieren.