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Aachen: Von der tödlichen Verführung zur Macht: „Der Traum ein Leben”

Aachen : Von der tödlichen Verführung zur Macht: „Der Traum ein Leben”

Was bleibt im Gedächtnis haften, wenn das Spiel auf der Bühne beendet ist? Auf jeden Fall die diabolische Magie einer grandios gestalteten und mit höchster Sensibilität geführten Puppe in Kleinkindgröße: Zanga. Die riesige blaurote Werbefigur vor dem Theater Aachen entspricht dem Einfluss und dem „aufgeblähten” Selbstbewusstsein jener Gestalt aus dem Stück „Der Traum ein Leben”, einem „dramatischen Märchen” des Österreichers Franz Grillparzer.

Gereimte Texte

In einer Inszenierung von Elina Finkel hatte das Werk jetzt im Großen Haus des Aachener Theaters Premiere. Unterstützt von Dramaturgin Ann-Marie Arioli sorgte Elina Finkel für eine spielbare Fassung des im Original ausufernden, gereimten Werkes. Gereimtes hatte allerdings auch das Ensemble zu verkraften, was dem Ganzen zusätzlich den Hauch des Unwirklichen verlieh.

Grillparzer (1791-1872), der zum Freundeskreis um Hegel, Goethe und Tieck gehörte, veröffentlichte „Der Traum ein Leben” 1834. Hier wird so manches „märchenhafte” Zitat bewusst aufgegriffen und geschickt benutzt, um moralische Botschaften zu transportieren.

Was bringt es uns Heutigen, sich mit diesem Grillparzer und gar mit einem „dramatischen Märchen” zu beschäftigen? Elina Finkel, die damit bereits zum vierten Mal für das Aachener Theater inszeniert, hat dem Stück seinen Parabel-Charakter belassen und jene Elemente pointiert hervorgehoben, die Grillparzers Aussagen tatsächlich zeitlose Wirkung verleihen. Zanga, der vom Dichter als „Negersklave” benannt ist, wird in Aachen von einer Puppe verkörpert. Elina Finkel bündelt damit die böse, verführerische Kraft und giftige Energie in einem kleinen Körper, der in seiner trügerischen Präsenz zugleich das Fremde, Rätselhafte in sich trägt. Puppenbauerin Suse Wächter hat ein Wesen - Kind und Greis zugleich - mit glitzerndem Blick erschaffen, dem Julia Brettschneider mit schauspielerischer Kraft dämonisches Leben verleiht. Sie selbst, gekleidet in einen eleganten schwarzen Zweiteiler aus fließendem Stoff, streng frisiert und attraktiv geschminkt, bleibt durchaus nicht verborgen. Dennoch gelingt es ihr perfekt, ein Eigenleben Zangas zu suggerieren.

Und der tut alles, um den jungen, abenteuerlustigen und erfolgshungrigen Rustan aus der ländlichen Beschaulichkeit in die weite Welt - und auf die schiefe Bahn - zu locken. Hier setzt Grillparzer das bekannte Motiv des strauchelnden, gierigen Helden ein, der unter allen Umständen siegen möchte, um am besten eine Prinzessin samt Königreich zu erringen. Aus Mozarts „Zauberflöte” (die Musik unterstützt das Zitat) kommt die böse Schlange (Sebastian Stert) daher. Auch Rustan schafft es nicht, das Untier zu besiegen. Das übernimmt der weißhaarige „Mann vom Felsen” (Joey Zimmermann). Doch da es förderlich ist, einen König (schwungvoll Karsten Meyer) zu retten, der auch noch mit Gülnare (Anne Wuchold mit dramatischer Pose) eine hübsche Tochter hat, geschieht der erste Mord.

Wie eine schleichende Krankheit durchsetzen ab sofort Töten und Lügen Rustans Leben. Er ist den Einflüsterungen Zangas erlegen. Doch schließlich fliegt der Schwindel auf, geteert und gefedert (wie man das im Märchen so kennt) kehrt er zurück zu Massud (klug und eindringlich Heino Cohrs) und dessen Tocher Mirza (offen und lieb Johanna Falckner). War alles wirklich nur ein Traum? Nebel wallen, die Gegenwart wirkt verändert. Ein Schrei des Entsetzens. Die Erkenntnis ist bitter.

Markus Haase gibt Rustan das naive Ungestüm des jungen, dummen Helden, der sich naiv in einen Blutrausch locken lässt und aufgrund der Einflüsterungen eines anderen den tief verborgenen dunklen Seiten des eigenen Ichs folgt. Zerknirscht muss er beim Erwachen feststellen, wie er sich hat benutzen lassen: „All die Größe, all die Greuel, Blut und Tod, und Sieg und Schlacht...”, lässt ihn Grillparzer im Stück sagen. Und der kluge Massud ergänzt den Satz: „...war vielleicht die dunkle Warnung einer unbekannten Macht”. Und Rustan gibt zurück: „Eine Nacht? Und war ein Leben”.

Auch Pappkameraden

Das Bühnenbild von Mascha Deneke mit seinem Hinweis auf „Samarkand”, mit den Pappkameraden im Tarnmuster-Look und zahlreichen variablen Elementen erinnert an die Gedankenbruchstücke in Traumsequenzen. Darin wirken um so stärker eine Prinzessin im knallig pinkrosafarbenen Kleid, ein König mit dem typischen Mantel, der allerdings sehr locker sitzt, und der Unschuld Mirza als Naturkind im leuchtenden Grün neben einem konzentriert angelnden Papa. Klaus Bruns sorgte für die effektvollen Kostüme mit Symbolwirkung.

Zeitlos ist die Erkenntnis, wie die Verführung zur Macht funktioniert, wie skrupellose Einflüsterung die Ohren des Schwachen aber Gewaltbereiten finden und wie tödlich es für Körper und Seele ist, aus Eitelkeit und Geltungsdrang einem bitterbösen Spielkameraden, der hier Zanga heißt, auf den Leim zu gehen. Viel und langanhaltender Applaus für alle Beteiligten. Und auch Zanga verbeugte sich mit wissendem Blick.