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Schleiden: Vom Täterort zum Tourismus-Magneten

Schleiden : Vom Täterort zum Tourismus-Magneten

Wie der grüne Kulturminister Michael Vesper aus der NS-Ordensburg Vogelsang einen „Lernort Geschichte” und ein „Schaufenster des Nationalparks” machen will.

Schleiden. Burkhard Hirsch, der in zahllosen Debattenschlachten gestählte FDP-Politiker, steht ratlos vor dem riesigen Gebäude-Ensemble aus grauem Bruchstein und schwarzen Schiefer-Schindeln. „Ich sehe hier weder eine Burg, noch einen Orden”, sagt er verdattert.

Dann schweift der Blick des einstigen Sonderermittlers der rot-grünen Bundesregierung zur Aufklärung der „Bundeslöschtage” im Kanzleramt über die weiten Hänge der Nordeifel. Deren bergige Buchenwälder, die sich an klaren Sommertagen in den zu Seen aufgestauten Flussschleifen der Urft spiegeln, haben es dem 73-jährigen Polit-Senior angetan. „Eine in ihrer grauen Kargheit beeindruckende, besonders schöne Natur.”

In die von Hirsch bestaunten Hänge der naturbelassenen Nordeifel rammten die Nazis 1934 rücksichtslos aus dem Basalt der nahegelegen Steinbrüche eine terrassenförmige Schulungsstätte für den Offiziernachwuchs, die Ordensburg Vogelsang. Nach dem Krieg haben die Alliierten das weite, 4200 Hektar große Areal rund um die NS-Kaderschmiede als Truppenübungsplatz genutzt. Doch Ende 2005, nach dem vollständigen Abzug des belgischen Militärs, fällt das Gelände samt Ordensburg an die Deutschen zurück. Ausgerechnet ein Grüner, der nordrhein-westfälische Kulturminister Michael Vesper, muss sich als oberster Denkmalschützer des Landes um das unselige Nazi-Erbe kümmern.

Hirsch ist an diesem regnerischen Morgen in die Nordeifel gekommen, um Vesper in dem heiklen Umgang mit den NS-Altlasten zu beraten. „Ganz unbefangen”, wie der FDP-Politiker sagt. Doch im Gegensatz zur Naturlandschaft hat Hirsch das denkmalgeschützte Mahnmal („als Dokument eines großen Bauprogramms der Zeit”, wie es in der Denkmalliste heißt) bei seiner Visite einigermaßen unbeeindruckt gelassen. „Das sind die Reste einer nationalsozialistischen Schulungskaserne, sonst nix.”

Dem Kulturminister rät der Liberale zu „knochentrockenem Realismus” bei den hitzigen Debatten um die Folgenutzung des wuchtigen Baukomplexes. „Sie müssen was machen, was nicht der Bemäntelung der Historie dient, sondern Sie müssen fragen, was Sie für die Zukunft brauchen.”

Die Steine des Anstoßes 30 Kilometer südöstlich von Aachen erregen seit Monaten die Gemüter - und beflügeln die Phantasien. Vor allem die Lokalpolitiker in dem strukturschwachen Kreis Euskirchen und der Eifel-Gemeinde Schleiden haben unterschiedlichste Vorstellungen entwickelt.

Einig sind sich Regionalparlamente, Fördervereine und Bürgerinitiativen darin, dass das aus der einstigen Walhalla des Rassenwahns ein wie auch immer gearteter Tourismus-Magnet erwachsen soll. Die Ordensburg liegt am Eingang des soeben eröffneten Nationalparks Eifel, der zahlreichen, vom Aussterben bedrohten Tier- und Pflanzenarten einen natürlichen Lebensraum bietet. Künftig werden jedes Jahr 300.000 Besucher erwartet.

Die Palette der Planspiele für die Umnutzung der Burg ist bunt und skurril. Selbst ein Wellness-Hotel und eine Golfanlage waren schon im Gespräch, ehe der Kreis Euskirchen bei der Aachener Firma aixplan eine Machbarkeitsstudie in Auftrag gegeben hatte. Darin kommen die Landschaftsplaner zu dem Ergebnis, dass ein Umbau des Burggeländes zu einem „Lernort Geschichte” und „Schaufenster des Nationalparks” mindestens 35 Millionen Euro kostet.

Für ein solches Nutzungskonzept gibt es offenbar potenzielle Investoren. Das Deutsche Jugendherbergswerk will in einem Teil des Gebäude-Ensembles ein „Europa-Zentrum für Jugend und Zukunft” errichten, das Umweltministerium die Verwaltungszentrale für den Nationalpark, der Franziskanerinnen-Orden ein „Kloster auf Zeit” und die Aachener Hochschule ein „Technologietransfer-Zentrum für Konversionstechnik” und ein „Zentrum für Immobilienwirtschaft und Management”. Neben all diesen Zentren und Zentralen soll auch noch ein „Zentrum für Zeit- und Regionalgeschichte” entstehen.

Den Aufsehen erregendsten Vorschlag hat Kulturminister Vesper selbst gemacht. Er will in der einstigen Kaderschmiede die umstrittene Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung als Dauerausstellung etablieren. Damit will er verhindern, dass sich auf der Burg, „ein Wallfahrtsort der neuen und der alten Rechten herausbildet”.

Auf Vogelsang, glaubt der grüne Minister, könnte die Wehrmachtsausstellung „nach einer turbulenten Reise durch viele deutsche und europäische Städte in einen sicheren Hafen gelangen”. Vesper verspricht sich von diesem Event „einen besonders attraktiven und vor allem auch lehrreichen Anziehungspunkt” für Schulklassen und Jugendgruppen.

Diese Träumereien hat der Minister-Berater Hirsch, zugleich auch Mitglied des Kuratoriums der Wehrmachtsausstellung, ziemlich unsanft zerstört: „Vergessen Sie das!” Die Wehrmachtsausstellung werde an dem NS-Täterort erst recht Emotionen wecken und Ewiggestrige anlocken.

Dies erfordere am Ende solch umfangreiche Sicherheitsvorkehrungen gegen renitente Besucher, die überhaupt nicht finanzierbar seien. Auch die Historikergilde hält die Wehrmachtsaustellung dort für deplaziert. Die Wehrmachtsausstellung behandele den Vernichtungsfeldzug im Osten, sagt der Münsteraner Historiker Alfons Kenkmann. In der NS-Kaderschmiede der Nordeifel sei aber der Offiziersnachwuchs für die Westfront ausgebildet worden.

Immerhin ist es Vesper mit seinem Vorstoß in Sachen Wehrmachtsaustellung gelungen, den Präsidenten des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, für eine Umnutzung des Burggeländes zu gewinnen. Spiegel hatte zuvor dafür plädiert, „die Ordensburg bewusst verfallen zu lassen und sie in diesem Zustand als Lernort zu nutzen”. Nach einem Gespräch mit seinem Freund Vesper über einen möglichen Dauerstandort der Wehrmachtsaustellung auf Burg Vogelsang erklärte Spiegel dann milde, er wolle sich solchen Überlegungen nicht weiter in den Weg stellen, „wenn dies der Wunsch der Landesregierung ist.”

Zwischenzeitlich hat Vesper eingeräumt, dass die Wehrmachtsausstellung „allenfalls ein Prozent, vielleicht sogar nur ein Promille” der Raumnutzung auf der Ordensburg lösen würde. Mit dem Landrat des Kreises Euskirchen, Günter Rosenke (CDU), ist sich der Minister aber darin einig, dass es für den Kernbereich der historischen Stätte „keine Lösung mit der Abrissbirne” geben soll.

Nirgendwo gebe es ein „so gut erhaltenes Stück Nazi-Architektur” wie die Burg Vogelsang. Deshalb wolle er in dem Nationalpark „eine Brücke zwischen Kultur und Natur schlagen” und den Besucherstrom „abholen”, um ihn auf die Spuren der deutschen Geschichte führen. „Wie an keinem anderen Ort können wir hier darstellen, wie das ideologische Umfeld bereitet wurde, dass diese Nazi-Gräuel überhaupt erst möglich machte.” Geschichte lasse sich „nicht künstlich wegdefinieren”.

Angesichts der vielen Nutzungsvorschläge hat Hirsch den Minister vor einem „pädagogischen Overkill” gewarnt. „Die Leute kommen nicht, um sich belehren zu lassen, die wollen die Natur des Nationalparks genießen.” Zwischen den widerstreitenden Interessengruppen agiert Vesper bislang als feinfühliger Makler. Längst nicht alle Gebäude, die auf dem weiträumigen Truppenübungsplatz stehen, können nach Auffassung des Ministers genutzt werden. Die von den Belgiern nach 1950 erbauten Kasernenunterkünfte, Verwaltungsstellen und Panzerwaschstraßen will er abreißen, um so den Blick auf den Täterort der Nazis frei zu legen. „Das, was war, muss dem Besucher ins Auge fallen."