Aachen: Vom scheuen Schmarotzer zum Mörder

Aachen: Vom scheuen Schmarotzer zum Mörder

„Mein Kampf”, Hitlers unsägliches Machwerk, das anscheinend kaum ein Deutscher je gelesen hat, und George Taboris rabenschwarze Groteske über den jungen Adolf H., ebenfalls mit „Mein Kampf” betitelt, kommen in diesen Wochen eng zusammen.

Im Theater Aachen, wo kommenden Samstag Taboris Farce Premiere hat, und wo im Beiprogramm am Sonntag die Historikerin und Bestsellerautorin Brigitte Hamann einen fesselnden Vortrag zu beiden „Kämpfen” hielt.

Befragt von Bernd Mathieu, Chefredakteur unserer Zeitung, hatte die aus Essen stammende Wahlwienerin anschließend Gelegenheit, die Charakterzeichnung des „Muttersöhnchens” Hitler noch zu vertiefen. Ausgehend von ihrem Buch „Hitlers Wien. Lehrjahre eines Diktators” beleuchtete die 69-Jährige, die „nicht wegen Geld” schreibt, sondern „aus Interesse am Thema”, die ganz frühen Jahre vom bereits deutschnationalen Hitler, der von 1910 bis 1913 in einem Wiener Obdachlosenheim lebte.

Und kräftigst von jüdischen Mitbewohnern, aber auch von seinem jüdischen „Lieblingsarzt” Dr. Eduard Bloch unterstützt wurde. Schüchtern und eher gehemmt sei „Adolf” in Wien aufgetreten, der Liebling seiner sanften Mutter Klara und Opfer des prügelnden und trunksüchtigen Vaters. „Hitler konnte und wusste nichts, er hatte keinen Schulabschluss und keine Ausbildung, da er an der Wiener Akademie zweimal durchfiel.” Weder Maler noch Architekt konnte er werden - für die Arbeit auf dem Bau zu schwach, begann er im Heim Wiener Ansichtskarten zu zeichnen, die von seinen jüdischen Freunden unters Volk gebracht wurde.

Was machte den scheuen Schmarotzer zum Antisemiten und skrupellosen Massenmörder? Nach Hamanns Auskunft wohl auch die Kreise um Georg von Schönerers Deutschnationale, die schon früh den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich forderten. Der österreichische Vielvölkerstaat - kaiserlich und königlich, mit „Fremdländern” wie Kroatien, Serbien oder Ungarn, fand 1918 sein Ende. Im ersten Weltkrieg, der den Zusammenbruch der K&K-Monarchie brachte, erhielt Hitlers Selbstbewusstsein erstmals Auftrieb - als geschickter Meldegänger an der Front, einer durchaus gefährlichen Tätigkeit.

Endlich im geliebten München gelandet, konnte der nationalistische Wagner-Fan seinen überdimensionalen Tagträumen Raum geben. Erst in kleinen Sälen vor wenigen Zuhörern, später im riesigen Zirkuszelt - gegen Eintritt - erprobte er erfolgreich sein rhetorisches Talent. Und plante bereits - angeregt von opulenten Wagner-Opern - große Aufmärsche und heroische Massenveranstaltungen mit einer noch nie da gewesenen Lichtregie.

Eher Schwarzlicht bietet Taboris sch(m)erzhafte Groteske, die ein etwas anderes Männerheim in Wien zeigt: Dort trifft der untalentierte Provinzler Adolf auf einen arbeitslosen Koscher-Koch und auf Schlomo Herzl, der selbst an einem Werk mit dem Titel „Mein Kampf” arbeitet. Noch ein interessantes Gespräch auf der Couch zwischen Referentin Hamann und Journalist Mathieu, dann konnten die Zuschauer eigene Fragen stellen. Überraschend viele Fragen und Meinungen warf die sonntägliche Matinèe auf. Auf Taboris böse Farce darf man jetzt noch mehr gespannt sein.

Das weitere Programm

Montag, 17. Mai, 20 Uhr, Kammerspiele: Werkstattgespräch mit Günther Bernd Ginzel.

Freitag, 21. Mai, 20 Uhr, Spiegelfoyer: „Der Witz ist die letzte Waffe des Geschlagenen”, Abschlussdiskussion mit Tabori-Regisseurin Ewa Teilmans, Kabarettist Jürgen Beckers und anderen.

Samstag, 22. Mai, 19.30 Uhr, Premiere „Mein Kampf”, Farce von George Tabori, Großes Haus

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