Aachen: Virtuoser Tanz mit Krücke und Rollator

Aachen: Virtuoser Tanz mit Krücke und Rollator

Grandios und grausam: Beim Aachener Auftakt des internationalen Schrittmacher-Festivals sorgte die kanadische Compagnie Marie Chouinard dafür, dass den 400 Zuschauern in der ausverkauften Fabrik Stahlbau Strang der Atem stockte.

Die außergewöhnliche Truppe hatte ihre Choreographie „Body_Remix/Goldberg_Variations” dem eindrucksstarken Industriegebäude angepasst und bot zwischen rostrot erleuchteten Erinnerungen an harte Industriearbeit, in mystisches Blau getauchten Fenstern und imposantem Tribünen-Gitterwerk eine Abfolge verstörender Bilder, die alle Grenzen des modernen Tanztheaters sprengten.

Zunächst gab es eine kleine Begrüßung durch Festivalleiter Rick Takvorian, seinen niederländischen Partner Bas Schoonder- woerd, Direktor des Theaters Heerlen, und Georg Born, Eigentümer des Fabrikgebäudes an der Philips-straße. Seit der Tanz hier 2011 Einzug gehalten hat, sind mit Begleitung des Denkmalschutzes weitere technische Verbesserungen erfolgt.

Gab es im vergangenen Jahr zum Start für Takvorian eine große Stahlzange, damit er weiterhin „heiße Eisen” anfassen kann, überreichte Born diesmal den Festival-Verantwortlichen und dem Architektenteam schwere Bolzen. „Mit ihnen werden sogar der Eiffelturm und die Burtscheider Brücke zusammengehalten”, sagte Born. „Sie sollen auch das Festival stärken.” Und metallisch ging es gleich weiter bei der 17. Auflage von Schrittmacher.

Quälend langsam ragen aus einer eng beieinander stehenden Menschengruppe einzelne Gliedmaßen heraus, werden Schultern angehoben und gesenkt. In ihren grauen Fetzen erinnern die zehn Tänzerinnen und Tänzer, die im Laufe des Stücks ihre Körper fast komplett entblößen, an die Insassen des Hospizes zu Charenton aus Peter Weiss Drama „Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats”.

Skurril und virtuos verwachsen Krücken und Gehhilfen, Rollbretter und Rollatoren mit den Körpern und sorgen für schmerzvolle Akrobatik. Die Tänzer schleppen und ziehen mit athletischem Einsatz scheinbar lahmgelegte Körperpartien über die Fläche.

Das Ringen um Nähe und Macht, die Szenarien von Unterwerfung, Liebe, Kontrolle und Kontrollverlust, der Traum vom perfekten Körper entwickeln sich zu subtil bis schrill verzerrten Klängen aus Glenn Goulds Interpretation von Bachs „Goldbergvariationen”.

Da schlingen sich Frauenkörper wie bewegte Noten um Ballettstangen, die sich im nächsten Moment in Turn-Barren verwandeln, da ringen sie zum Murmeln der verzerrten Menschenstimme bis zur Erschöpfung. Modern Dance und klassischer Tanz, darstellerische Kraft, Mut und Inspiration - all das macht diese Compagnie aus.

Zwitterwesen und Fesselungen mit weißem und schwarzem Band verstärken den Eindruck einer aussichtslosen Rebellion. Und wenn die unwirklichen Frauengestalten - an Haltegurten befestigt - über die Bühne schweben oder von den Männern gezogen und gezerrt werden, kann das schon mal eine Gänsehaut hervorrufen.

Sanitätshaus-Objekte werden bald durch weiteres Metallgestänge ergänzt, das Frauen und Männer schließlich auch noch in den Mündern tragen müssen. Ganz schön gruselig.

Ächzen und Stöhnen, schließlich hohe Töne, die an den Gesang der Wale mahnen, formen sich mit Bachs doch mehr und mehr durchdringender Musik zu einem akustischen Rausch. Der Spitzentanz tritt als bitteres Zitat von Perfektion in Erscheinung.

So tragen die Frauen nur an einem Fuß den typischen Schuh. Der andere ist an eine Hand gebunden - falsche Welt. Wie Flamingoköpfe bewegen sich diese Schuh-Hände, die verzweifelt Richtung Boden streben.

„Body_Remix/Goldberg_Variations” treibt experimentelles Tanztheater buchstäblich auf die Spitze. Und wenn zum Schluss die Stützapparate an den Halterungen baumeln, zuckt in ihrer Reihe hoch oben noch eine einsame schmale Gestalt. Ein sterbender Falter in einem Himmel, der sich verdunkelt.

Donnernder Applaus der begeisterten Zuschauer für eine große inhaltliche und darstellerische Leistung.

Alle Aachener Vorstellungen sind ausverkauft

Das Schrittmacher-Festival präsentiert bis zum 3. April Tanzaufführungen in Aachen und Heerlen.

Die Compagnie Marie Chouinard ist noch heute und morgen, 20.30 Uhr, in der Aachener Fabrik Stahlbau Strang, Philipsstraße 2, zu erleben.

Alle Aachener Vorstellungen des gesamten Festivals sind allerdings bereits ausverkauft. Restkarten gibt es nur noch für den Barockabend „Pearl” mit dem Scapino Ballet Rotterdam am 28. März, 20 Uhr, im Theater Heerlen.