Hohes Niveau: Vier kurzweilige Sternstunden in der Lütticher Oper

Hohes Niveau : Vier kurzweilige Sternstunden in der Lütticher Oper

Das musikalische Niveau der Lütticher Oper wird zu Recht hoch gepriesen. Die Starbesetzung, die jetzt Intendant Stefano Mazzonis di Pralafera für Charles Gounods „Faust“ zusammengestellt hat, toppt freilich noch die besten Produktionen der letzten Zeit.

Und die versammelten „Stars“ halten, was ihr Ruf verspricht. Ist zudem ein Regisseur wie Stefano Poda am Werk, der sich dem ansonsten musealen Regie-Stil des Hauses entzieht, kann von vier langen, aber kurzweiligen Sternstunden gesprochen werden.

Man mag von Gounods süßlicher Vertonung der Gretchen-Tragödie halten, was man mag: Der melodische Schmelz sowie die effektvollen Ensemble- und Chorszenen bieten beste Opernunterhaltung, wenn ein Dirigent wie Patrick Davin auf allzu viel klingendes Parfüm verzichtet und den dramatischen Gehalt der Partitur ebenso berücksichtigt wie ihren lyrischen Schmelz.

Für kräftige Akzente sorgen vor allem die beiden phänomenalen Baritone: Ildebrando D‘Arcangelo als Méphistophélès und Lionel Lhote als alles andere als sentimentaler Valentin. Selbst in der kompositorisch schwächeren Walpurgis-Szene entfaltet D‘Arcangelo eine Dynamik, die ebenso unter die Haut geht wie Lhotes Fluch-Tiraden gegen die arme Marguerite. Und Anne-Catherine Gillet vereinigt alle Facetten der komplexen Gretchen-Figur mit optimalem Feinschliff: mädchenhafte Schüchternheit, wachsendes Selbstbewusstsein und am Ende ein himmelstürmendes Aufbäumen der Kräfte, womit sie selbst die Herren in die Schranken weist. Marc Laho bringt für die Titelpartie eine elegante, biegsame, gleichwohl durchsetzungsfähige Stimme mit, mit der er das Solistenquartett würdig vervollständigt. Auch die kleineren Partien wie der Siébel von Na‘ama Goldmann oder die Dame Marthe von Angélique Noldus lassen keine Wünsche offen. Erst recht nicht der Chor der Lütticher Oper, der bei Gounod eine Mammutaufgabe zu stemmen hat.

Stefano Poda deckt als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner, Choreograf und Lichtdesigner die komplette szenische Umsetzung in Personalunion ab. Die stärksten Impulse gehen von dem beeindruckenden Bühnenbild aus, einem riesigen, flexibel verschieb- und drehbaren Ring, der sich schnell den vielen Szenen anpassen lässt und einen zügigen Ablauf ohne lähmende Umbaupausen ermöglicht.

Mit Ausnahme des Gretchens sind die Charaktere bei Gounod eindimensionaler zugeschnitten als in der Vorlage Goethes, so dass Méphistophélès etwa in der Oper vor allem als Kraftmensch in Erscheinung tritt, ohne die schlangenhaft schillernden Facetten des Originals zu erreichen. Und Faust agiert wesentlich passiver, was freilich viel Freiräume für schöne Arien bietet. Das alles bedient Poda mit ordentlicher Routine.

Das Bemühen um einen dynamisch aktiv agierenden Chor führt mitunter zu skurrilen Einfällen, und das mit Sonderapplaus bedachte Ballett in der Walpurgisnacht wirkt etwas plakativ, auch wenn Podas Einfall, die reale Welt in dunkles Schwarz und ausgerechnet das Höllenszenario in leuchtendes Weiß zu tauchen, nicht ohne Reiz ist.

Insgesamt ganz große und effektvolle Oper auf außerordentlich hohem musikalischen und befriedigendem szenischen Niveau. Entsprechend begeistert fiel der Beifall des Premierenpublikums aus. Die nächsten Aufführungen des „Faust“ im Königlichen Opernhaus Lüttich: am 25., 27., 29. und 31. Januar sowie am 2. Februar (Infos und Tickets: www.operaliege.be).

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