Initiative gegen Rechts: „Viele“ verteidigen die Freiheit der Kunst

Initiative gegen Rechts : „Viele“ verteidigen die Freiheit der Kunst

Theater in Deutschland sehen sich immer wieder Angriffen von der AfD und anderen Rechten ausgesetzt. Eine Initiative setzt sich dagegen ein.

Wenn das Theater die Justiz beschäftigte, ging es früher häufig um die Verletzung religiöser Gefühle. Jetzt haben Staatsanwälte und Richter immer wieder Inszenierungen zu prüfen, weil Rechte Anstoß daran nehmen. Gegen das im Herbst 2015 uraufgeführte Stück „Fear“ von Falk Richter an der Berliner Schaubühne klagte unter anderem erfolglos die AfD-Politikerin Beatrix von Storch, weil Fotos von ihr verwendet wurden.

Im westfälischen Paderborn zeigte der AfD-Kreisverband das Theater wegen Verleumdung und Volksverhetzung an. Die Lokalpolitiker nahmen an einer Grafik im Spielzeitheft Anstoß. Darin waren unter anderem Wahlergebnisse der NSDAP und der AfD gegenübergestellt. Die Staatsanwaltschaft nahm keine Ermittlungen auf, da es hierfür keine rechtlichen Voraussetzungen gab. Das Theater Aachen habe bislang keine derartigen Erfahrungen gemacht, sagt Generalintendant Michael Schmitz-Aufterbeck unserer Zeitung. Die künstlerische Freiheit sei eher dort bedroht, wo rechte und rechtsradikale Kräfte politisch stark sind. Sollten sie bei den anstehenden Wahlen noch mehr Zulauf bekommen, befürchtet er zunehmende Attacken auf Kulturbetriebe.


International statt ideologisch


Der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Ulrich Khuon, beobachtet zunehmend Angriffe von rechts auf die Kunstfreiheit. „Verbal geschieht das auf eine aggressive, giftige Art. Im Grunde wird alles, was nicht AfD ist, als linksversifft bezeichnet. Außerdem gibt es den Weg über Gerichte und Kleine und Große Anfragen in den Parlamenten“, sagt der Intendant des Deutschen Theaters Berlin. An seinem eigenen Haus wurde 2018 die Performance „Gala Global“ von Anhängern der rechtsextremen „Identitären Bewegung“ gestört.

 In ihrem Grundsatzprogramm bezeichnet die AfD die „Ideologie des Multikulturalismus“ als „ernste Bedrohung für den sozialen Frieden und für den Fortbestand der Nation als kulturelle Einheit“. Manuela Lück arbeitet als Bildungsreferentin der SPD-Landtagsfraktion Sachsen-Anhalt und hat die AfD-Kulturpolitik analysiert. Sie sagt: „Kultur lebt von unterschiedlichen Einflüssen, das erst macht sie lebendig.“ Die AfD vertrete hingegen einen ausschließenden Kulturbegriff, der das Eigene mit Begriffen wie „Heimat“, „Identität“ und „deutsche Leitkultur“ überhöhe. Fremdes werde als „Multi-Kulti“ beschimpft. Der Aachener Generalintendant ist allerdings froh über internationale Bereicherung: „In unserem Haus arbeiten Menschen aus mindestens 18 Nationen; das ist gut und inspiriert unsere Arbeit.“

Der kulturpolitische Sprecher der AfD im Bundestag, Marc Jongen, wirft den Theatern vor, sich immer wieder „an den zwölf Jahren des Dritten Reichs“ abzuarbeiten. „So reduziert sich Theater zur antifaschistischen Erziehungsanstalt und beraubt sich selbst seiner künstlerisch-darstellerischen Vielfalt“, sagt Jongen der Deutschen Presse-Agentur. Er spricht davon, dass das politische Theater manipulativ auf das Publikum einwirke und missliebigen Konservativen „Schauprozesse“ mache. Deshalb stelle die AfD Anträge auf Kürzung von Subventionen.

Schmitz-Aufterbeck weist solche Behauptungen deutlich zurück. „Nach aktuellen Erhebungen kann jeder vierte Schüler in Deutschland nichts mehr Konkretes mit dem Namen Auschwitz verbinden. Das Wissen lässt nach.“ Deshalb sei auch jetzt gerade die Wiederholung der TV-Serie ‚Holocaust‘ wichtig und richtig. „Wir müssen über die NS-Zeit aufklären, zumal Antisemitismus und Rassismus zunehmen. Wir machen ja kein Agitprop-Theater, sondern greifen Zeitprobleme auf. Wir haben uns mit der Finanzkrise auseinandergesetzt und mit der Globalisierung.“

Aachens Generalintendant weist zudem auf die deutsche Theatergeschichte hin: Das Politische habe immer eine große Bedeutung gehabt. „Georg Büchner und Friedrich Schiller zum Beispiel haben dem Theater ganz klar die Aufgabe zugewiesen, politisch zu sein. In Schillers ‚Räubern‘ geht es auch um den Wutbürger.“ Es stehe derzeit aber kein Stück auf dem Spielplan, das ausdrücklich das Problem des Rechtsradikalismus’ aufgreife.


Viele statt Einzelne


Die künstlerische Leiterin der Hamburger Kulturfabrik Kampnagel, Amelie Deuflhard, wurde von der AfD unter anderem wegen Schlepperei und eines Verstoßes gegen das Ausländergesetz angezeigt, weil Ende 2014 auf dem Gelände ein künstlerischer Aktionsraum für Flüchtlinge entstand. Ein Verfahren sei nie eingeleitet worden, sagt Deuflhard. Sie ist Koordinatorin der Bewegung „Die Vielen“ für Hamburg. Diese Initiative gibt es auch in Nordrhein-Westfalen; sie wendet sich gegen rechten Populismus, der der Kunst feindselig gegenüber stehe, und gegen eine Renationalisierung der Kultur.

Inzwischen haben bundesweit rund 500 Kulturinstitutionen die „Erklärung der Vielen“ verabschiedet. Auch das Aachener Stadttheater beteiligt sich daran. „Das ist notwendig. Wenn sich nur Einzelne zu Wort melden, verpufft das sehr schnell“, sagt Schmitz-Aufterbeck. „Wir müssen die Theater und Kultureinrichtungen, die angefeindet werden, laut und vernehmbar unterstützen.“

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