Aachen: Viele Türen - und ganz viel Ehrlichkeit

Aachen: Viele Türen - und ganz viel Ehrlichkeit

Die Tätowierung auf Funnys rechtem Unterarm ist schon verblasst. Eine blutende Faust, die sich in Stacheldraht krallt. Mit 15 hat er sie stechen lassen. Damals, als der Kampf gegen Apartheid auch Deutschland bewegte. Heute ist Funny 49.

Aber die Tätowierung schimmert noch gut sichtbar auf seiner hellen Haut, und ihre symbolische Kraft hat sie nicht verloren. „Das ist ein Zeichen für Freiheit”, sagt Funny. Seit 17 Jahren sitzt er wegen Raubmords hinter Gittern, seit 1998 in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen.

Funnys Gesicht mit dem markanten Kinn werden viele Theaterbesucher kennen. Er hat bei „Berlin Alexanderplatz” mitgespielt. Gemeinsam mit zwölf Knastkollegen hat er den Gedanken des Knackis Franz Biberkopf einen authentischen Tonfall verliehen. Raus aus dem Bau, rauf auf die Bühne des Aachener Theaters durften die schweren Jungs allerdings nicht. Nur auf Monitoren waren sie zu sehen, als Videoinstallation.

Angst ist nicht mit im Spiel

Aber „Die Biberköpfe” wollten mehr. Mehr Theater, live auf der Bühne. So entstand ihr „Wartesaal der Träume”, eine Szenencollage, in der Alfred Döblins Biberkopf wieder aufschreit, Texte von Bettina Wegner und Franz Kafka, Heinrich Heine und Khalil Gibran zu hören sind, aber vor allem ganz viele eigene Gedanken zum Knastalltag.

Funny ist an diesem Nachmittag der Erste bei den Proben, mal wieder. Er wartet auf Regisseurin Ewa Teilmans, die nach „Berlin Alexanderplatz” nun ehrenamtlich mit den Biberköpfen arbeitet. Funny ist nicht nur Autor und Schauspieler, sondern auch ihr Regie-Assistent. Nach und nach werden seine acht Mitspieler in den hohen Mehrzweckraum mit den braunen Fliesen gebracht. Er hat den Charme einer Schulaula, auch Gottesdienste werden dort abgehalten. Nun stehen Kaffee und Kekse parat.

Ewa Teilmans begrüßt alle herzlich. Küsschen, Küsschen, Umarmungen. Sie bekommt Komplimente für ihr pink Kleid, manche Männer scheinen auch froh zu sein, mal wieder eine Frau berühren zu dürfen. Dass sie da Mörder, Räuber und Betrüger küssen, scheint die Regisseurin nicht zu stören. Angst ist nicht mit im Spiel. Die Proben im Gefängnis seien eigentlich nicht anders als die im Theater. „Bis auf die vielen Türen.” Ein halbes Dutzend hat die Anstaltspädagogin Ruth Hildebrandt mit ihrem Schlüssel für Ewa Teilmans geöffnet und wieder verschlossen. Routiniert hat Teilmans in der Sicherheitsschleuse Personalausweis und Handy abgegeben. Seit rund anderthalb Jahren kennt sie das Prozedere. „Ich bringe ein bisschen Freiheit hier rein”, meint sie.

„Jungs, wir machen Disco!”, ruft die Regisseurin zu Beginn in die Runde. Sie streift ihre roten Schuhe ab und tanzt barfuß durch die Männermenge, die ein Papierschiff von Hand zu Hand wandern lässt. Kurz darauf rückt sie die Lesebrille zurecht und reckt den Zeigefinger: Nicht quatschen, nicht kichern, keine Ähms und Ähs - und bitte die Endkonsonanten stärker aussprechen! Diese Mischung kommt an. „Ewa ist klasse”, findet Stefan. „Nicht nur, weil sie Süßigkeiten mitbringt.” Der 43-Jährige ist zum ersten Mal wegen Betrugs im Gefängnis. Dass es da Theater gibt, hätte er nicht vermutet. „Dadurch ist man wieder am Leben”, findet er. Und Funny sagt: „In der Zeit hier vergesse ich, dass ich im Knast bin.”

Nicht jeder darf an dieser Freiheit schnuppern. Nur wer „sauber” ist, wer also nicht mit Drogen oder Gewalt auffällt, erklären die Inhaftierten. „Man kann sogar ,LL haben”, meint einer. „LL”, lebenslänglich. Funny hat „LL”. Der frühere Koch macht gerade sein Abi per Fernschule nach, in seiner Freizeit schreibt er Kurzgeschichten und „lyrische Sachen”. „Sozialkritisches”, sagt der Mann mit dem grauen Hut. „Ich bin auch Parteimitglied der Linken.” Und Funny heißt er nicht etwa, weil er so ein komischer Kerl ist. Das ist ein Spitzname aus seiner Kindheit im Ruhrgebiet, als er noch ein Pummelchen wie ein Pfanni-Knödel war.

Sozialkritisch spielt auch das JVA-Projekt mit dem Alltag im Gefängnis. Ewa Teilmans hat die Biberköpfe gefragt, was sie bewegt: warten, warten, warten, Liebe und Prügel, Frustabbau und Abschiebung. Ein Mann kämpft da etwa mit der Trennung von seiner Liebsten, und eine Putzfrau zieht Glitzerpumps aus ihrem Blümchenkittel, um als Diva mit Publikum und Wischmopp zu flirten. Dazu spielt die JVA-Band Planet AC krachende Songs von den Böhsen Onkelz bis zu den Höhnern.

Ob das Ganze künstlerisch wertvoll ist? Viel wichtiger als diese Frage ist wohl der soziale Wert der Arbeit. „Hier kommen mehrere Nationen zusammen”, sagt Funny. Auch mit Blick nach draußen sehen Experten Knasttheater gerne als „Integrationswerkzeug”, als Teil der „Resozialisierung”. „Die Inhaftierten bekommen Respekt”, sagt Anstaltspädagogin Ruth Hildebrandt. Auch das Bühnenbild haben sie selbst im Graffiti-Stil gemalt: „I have a dream” knallt da neben einem fetten „Fuck”. „Das ist nichts Fremdbestimmtes”, betont sie. Zudem würden Teamgeist, Kreativität, Diziplin geschult. Aber wie lässt sich das schon belegen?

Ewa Teilmans jedenfalls erkennt „ungeheure Entwicklungen”: „Einer konnte am Anfang nicht mal sprechen, dann hat er gestottert, jetzt spricht er frei seinen Text.” Vor allem aber habe sie selbst „menschlich viel gewonnen”.

Warum die Männer im Knast sind, wolle sie gar nicht wissen, sagt Ewa Teilmans. Bei Zuschauern von draußen lässt sich ein gewisser Voyeurismus aber wohl kaum verbannen. Ein bisschen hat das für einige vermutlich was von Zoobesuch: reingehen und wilde Tiere angucken. Die Theaterwissenschaftlerin Cornelia Gellrich sieht das so: „Für die Zuschauer ist es die Nötigung zu einem emotionalen Erleben, das ihnen das Theater nicht gerade oft abverlangt, und der Zwang, Anderes, Ausgestoßenes wahrzunehmen.”

Ob künstlerisch wertvoll oder nicht - entziehen kann man sich den Auftritten der Theater-Laien schwer. „Das Publikum wird berührt von der Ehrlichkeit auf der Bühne”, glaubt Ewa Teilmans. Wegen der Sicherheitsmaßnahmen darf neben Mitgefangenen demnächst allerdings nur ein kleiner Kreis externer Gäste den Menschen hinter den Mauern zuschauen. Eingeladen sind etwa Aachens Oberbürgermeister und der NRW-Justizminister.

Funny, Stefan und die anderen Biberköpfe warten nach drei Stunden Probe darauf, dass Ruth Hildebrandt ihnen wieder die Türen aufschließt. Stefan ist der Letzte, der zurückgebracht wird in seine Einzelzelle. Er lacht. Nach Ausbruch, Korruptions- und Drogenaffären „gibt es durch uns endlich mal positive Nachrichten aus der JVA!”